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Warum Jihadisten Irans Symbole attackieren

Der IS bekennt sich zu den Anschlägen in Teheran. Er hatte dem Iran wiederholt gedroht. Hintergründe einer Feindschaft.

Chaos in der iranischen Hauptstadt: Polizeiautos fahren nach dem Doppelanschlag durch Teheran. (7. Juni 2017)
Chaos in der iranischen Hauptstadt: Polizeiautos fahren nach dem Doppelanschlag durch Teheran. (7. Juni 2017)
Atta Kenare, AFP
Ein Polizist nähert sich einem am Boden liegenden Attentäter.
Ein Polizist nähert sich einem am Boden liegenden Attentäter.
Ebrahim Noroozi/AP
Auch beim Mausoleum für Revolutionsführer Ayatollah Khomeini wurden mehrere Menschen verletzt.
Auch beim Mausoleum für Revolutionsführer Ayatollah Khomeini wurden mehrere Menschen verletzt.
Atta Kenare, AFP
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Irans Hauptstadt Teheran ist heute Vormittag von zwei Terroranschlägen erschüttert worden. Vieles ist noch unklar. Sicher ist aber so viel: Die Attentäter haben zwei Symbolorte der islamischen Republik attackiert: das Khomeini-Mausoleum und das Parlament. Bei den koordinierten Angriffen, bei denen sich drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten, sind zwölf Menschen ums Leben gekommen. Gemäss iranischen Medienberichten wurden zudem 42 Personen teilweise schwer verletzt.

Über die Hintergründe der Angriffe ist bisher wenig bekannt. Die Nachrichtenagentur Fars, die den iranischen Revolutionsgarden nahesteht, meldete, der Islamische Staat (IS) habe sich zu den Anschlägen bekannt. Es ist das erste Mal, dass die IS-Terroristen sich zu einem Anschlag im Iran bekennen, meldet die Nachrichtenagentur AP. Die IS-Propaganda-Agentur Amaq hat die Angriffe in Teheran für die Terrormiliz in Anspruch genommen. «Kämpfer» des IS hätten das Khomeini-Mausoleum und das Parlament angegriffen. Solche Erklärungen sind aber nicht zwingend zutreffend. Zweifel gab es zuletzt etwa an der von Amaq reklamierten Urheberschaft eines Angriffs auf ein Casino in der philippinischen Hauptstadt Manila mit 36 Toten.

Anhänger des IS haben im Internet die Anschläge in Teheran gefeiert. Die iranische Regierung äusserte die Vermutung, dass Saudiarabien hinter den Attentaten steckt. Laut Nachrichtenagenturen soll der saudische Aussenminister Adel al-Jubeir vor den Angriffen folgenden Satz gesagt haben: «Der Iran muss für seine Einmischung und für seine Unterstützung von Terrorismus in der Region bestraft werden.»

Drohungen in einem Video auf Persisch

Tatsache ist, dass die sunnitische Terrormiliz dem schiitischen Iran wiederholt mit Angriffen gedroht hatte. Ende März veröffentlichte der IS ein Video auf Persisch, in dem er drohte, den Iran zu erobern und «der sunnitischen muslimischen Nation zurückzugeben». Die IS-Onlinepublikation «Rumiyah» veröffentlichte in den letzten zwei Monaten mehrere Propagandabeiträge in persischer Sprache. Dabei wurden die im Iran lebenden Sunniten zum Aufstand gegen den Schiitenstaat aufgerufen. Fünf bis zehn Prozent der 81 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung des Iran sind Sunniten. Der sunnitische Extremismus ist im Iran bislang ein Randphänomen.

Wie andere sunnitische Extremisten betrachtet der IS die Schiiten als Ungläubige und verübt regelmässig Anschläge gegen sie. Selbstmordattentate sind das Mittel der Wahl dieser Extremisten. Aber auch kurdische Extremisten haben immer wieder solche Attentate verübt. Mehrere kurdische Gruppen hatten in den vergangenen Monaten den bewaffneten Kampf gegen die Regierung in Teheran wieder aufgenommen.

Der Iran bekämpft den IS im Irak und Syrien

Der Iran hat in den letzten Monaten immer wieder gemeldet, dass die Sicherheitskräfte in Teheran und anderen Orten Anschläge sunnitischer Extremisten verhindert hätten. In der Vergangenheit hatte die von Pakistan aus agierende Gruppe Jundullah immer wieder Anschläge im Iran verübt. Die Gruppe gilt aber nach der Hinrichtung ihres Anführers Abdulmalik Rigi im Jahr 2010 als geschwächt.

Video – IS-Angriff in Teheran:

Im Krieg befindet sich der Iran mit dem IS im benachbarten Irak und in Syrien. Iranische Einheiten und schiitische Milizen kämpfen in Syrien an der Seite der Assad-Armee. Im Irak unterstützen sie die irakischen Streitkräfte, im Moment ist die Schlacht um Mosul im Gang. Das sogenannte IS-Kalifat schrumpft zunehmend. Die heutigen Anschläge von Teheran können als Racheaktion interpretiert werden. Und es besteht die Gefahr einer verschärften Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten respektive zwischen den Regionalmächten Saudiarabien und Iran.

Pilgerort für Iraner und Touristen

Das attackierte Mausoleum von Ayatollah Khomeini in Teheran ist von hoher symbolischer Bedeutung im Iran. Es ist ein Pilgerort 25 Kilometer ausserhalb der Stadt, ein Komplex aus einem Schrein mit goldenen Kuppeln, der ständig erweitert wird. Schulklassen und Pilgergruppen besuchen die Grabstätte des Revolutionsführers, aber auch normale Iraner und Touristen. Selbst viele Menschen, die mit der Politik im Iran nicht einverstanden sind oder gar das von Khomeini geschaffene System ablehnen, verehren ihn. Sunnitische Extremisten wiederum sehen in jeder Art der im Schiismus durchaus üblichen Verehrung von Toten eine Form der Vielgötterei.

Khomenei war 1979 nach der Flucht des Schahs Reza Pahlevi aus dem Exil in Paris nach Teheran zurückgekehrt und hatte die Islamische Revolution angeführt. Das politische System der Islamischen Republik, das Elemente eines quasidiktatorischen Gottesstaates mit denen einer Demokratie verbindet, geht auf ihn zurück. Das Konzept des Velayat e-Faqih, die Herrschaft des Rechtsgelehrten, besagte, dass der Grossayatollah über dem politischen System steht und jede politische Entscheidung auf die Vereinbarkeit mit der islamischen Rechtsprechung überprüft. Durch ein System von Räten wird sichergestellt, dass für das Parlament und andere Staatsämter nur Kandidaten antreten dürfen, die religiös und ideologisch als zuverlässig gelten. Nach dem Tod Khomeinis wurde Ali Khamenei 1989 als oberster Führer dessen Nachfolger.

Das Parlament tagt seit 2004 in einem neuen Gebäude im Zentrum der Hauptstadt. Wahlen zum Parlament und auch des Präsidenten gehören zu den wichtigsten Legitimationsgrundlagen des iranischen Regimes und bieten der Bevölkerung zwar in engen Grenzen, aber doch mehr politische Beteiligung als in den absoluten Monarchien auf der anderen Seite des Golfs. Sie fand ihren Ausdruck in den Ergebnissen der Parlamentswahl 2013, bei der moderate und reformfreundliche Kräfte die frühere Mehrheit der Konservativen durchbrachen, und auch in der kürzlichen Wiederwahl von Präsident Hassan Rohani.

Aussenpolitisch bestimmt Irans Streit mit Saudiarabien die Agenda. Gerade erst hat Saudiarabien zusammen mit anderen arabischen Ländern eine Isolation des Emirats Katar durchgesetzt, das vergleichsweise gute Beziehungen zum Iran hat.

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