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Was vom IS übrig bleibt

Nach der Befreiung von Raqqa kontrolliert der IS nur noch wenige Gebiete. Aber besiegt sind die Jihadisten nicht. Ihre Kader operieren weltweit weiter.

Ein Drohnenvideo zeigt die gewaltige Zerstörung in der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa. (Video: Tamedia/AP)

Drei Jahre und dreieinhalb Monate hat das Kalifat überdauert, das der Emir des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Bagh­dadi, am 29. Juni 2014 in Mosul ausgerufen hatte. Am Dienstag eroberten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), ein Bündnis aus kurdischen, sunnitisch-arabischen und assyrischen Milizen, das zur Hauptstadt deklarierte syrische Raqqa zurück. Im Sommer hatte die Terrormiliz Mosul verloren, ihr wichtigstes Zentrum.

Damit findet nun mindestens symbolisch das protostaatliche Projekt des Islamischen Staats ein Ende – der in der Hochphase wie eine moderne Armee im Sturm Gebiete so gross wie Jordanien eroberte. Der dort eine akribische Verwaltung unterhielt, Steuern eintrieb, Dienstleistungen für Untertanen erbrachte, zumindest jene, die sich den strikten Regeln des IS unterwarfen. Und der Zehntausende Anhänger aus aller Welt für seinen Jihad rekrutieren konnte. Davon ist kaum etwas geblieben.

In der Schlacht, die nach viereinhalb Monaten zur Befreiung Raqqas führte, hat die Terrormiliz nach US-Angaben bis zu 6000 Kämpfer verloren, allein 1000 in der Stadt. Das IS-Territorium ist seit der grössten Ausdehnung 2015 um 87 Prozent geschrumpft. Doch die Gruppe ist nicht besiegt. Vielmehr verwandelt sie sich in das zurück, was sie vor ihrem Aufstieg war: eine Terroror­ganisation, die einen regionalen Guerillakrieg führt. Was das für ihre Fähigkeiten für künftige Anschläge im Westen und anderswo bedeutet, ist eine der grossen Fragen.

Laut westlichen Geheimdiensten haben sich 6500 bis 8000 IS-Kämpfer in das Euphrattal zurückgezogen, unter ihnen die überlebenden Kader der Organisation und eine erhebliche Zahl ausländischer Kämpfer. Der harte Kern des IS. Sie halten noch Teile der Provinzhauptstadt Deir al-Zor und al-Mayadin, die beide von syrischen Truppen und von vom Iran kontrollierten Schiitenmilizen belagert werden, unterstützt von der russischen Luftwaffe. Ebenso kontrolliert der IS Gebiete den Fluss hinab über al-Bukamal bis nach al-Qaim auf irakischer Seite. Das Euphrattal grenzt an eine grosse Wüste, die bis weit hinein in Iraks Sunnitenprovinz Anbar reicht. Beide Regionen bieten viele Verstecke, beide sind sunnitische Stammesgebiete.

Der IS hat die Stämme systematisch unterwandert und findet bei ihnen noch Rückhalt – solange es den Stammesleuten an Alternativen fehlt. Zugleich könnten die sunnitisch-arabischen Teile der SDF dort ähnliche Deals schliessen wie in Raqqa, wo die lokalen IS-Kämpfer abziehen durften. Die syrischen Sunniten auf beiden Seiten der Front verbindet, dass sie nicht vom Assad-Regime überrannt werden wollen.

Finale Schlacht soll Reste beseitigen

Die einst straffen Befehlsstrukturen des IS funktionieren nicht mehr, sagen die Geheimdienste, er agiert nicht mehr wie eine Armee. Regionale Kommandanten befehligen jeweils ein paar Hundert Kämpfer. Das begünstigt Arrangements wie in Raqqa. Zumal die Alternative klar ist: Die Reste der Terrormiliz sollen in einer finalen Schlacht zerschlagen werden, die bis Ende 2018 dauern könnte. Zwar konkurrieren die von den USA unterstützten SDF mit syrisch-iranischen Verbänden, wer wo diesen Kampf führt – dahinter steht ein Wettlauf um die Kontrolle der syrischen Grenzen. Aber eine dieser Allianzen wird ins Euphrattal vorstossen, wo Luftangriffe weniger Wirkung entfalten. Das alles weiss der IS, und er hat dafür geplant.

Den Ausländern in seinen Reihen wird mehrheitlich nichts bleiben, als zu kämpfen. Seit Monaten aber beobachten die Geheimdienste, dass der IS versucht, Personal der mittleren Ebene mit für ihn wertvollen Kenntnissen, etwa für den Bau von Bomben oder chemischen Waffen, durch unübersichtliche Kampfgebiete wie Idlib ausser Landes zu schmuggeln. Aus Raqqa hatte er seine Kader schon vor Monaten herausgebracht und mit ihnen Pläne für das weitere militärische Vorgehen, die Zukunft der Organisation – und womöglich für Anschläge.

«Für 3000 bis 5000 Dollar pro Person ist es möglich, aus IS-kontrollierten Gebieten Syriens in die Türkei oder in die Kurdengebiete im Irak zu gelangen», sagt Columb Strack, Nahostanalyst der Beratungsfirma IHS. «Von dort kann man mit einem gefälschten Pass fast überall hin kommen.» Die mutmasslichen Ziele der IS-Leute: Libyen und Länder in der Sahelzone. Mali, Niger, Tschad, alle gekennzeichnet von Staatszerfall, gesetzlosen Gegenden.

Für die Führungsspitze des IS ist das zu riskant: US-Kommandoeinheiten machen Jagd auf sie, Drohnen der Amerikaner und ebenso der Russen. Den Kalifen zu finden, wäre der grösste Preis, noch immer; westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass er lebt. Die IS-Exponenten werden versuchen, in der Wüste abzutauchen, so wie es al-Qaida im Irak gelungen war, nachdem die USA sie zusammen mit sunnitischen Stammeskämpfern 2008 weitgehend besiegt hatten. Für die Iraker, die wichtigsten Kader, ist sie vertrautes Terrain – sie können warten. Wenn es nicht zu einer Stabilisierung Iraks und Syriens kommt, sich die Lage der Sunniten nicht grundlegend bessert, wird sich ihnen eine neue Gelegenheit bieten. Bis dahin können sie mit Anschlägen etwa in Bagdad eben jede Stabilisierung torpedieren.

Viele Terrorfilialen

Überdies hat der IS trotz seiner Niederlagen (noch) nicht die ideologische Anziehungskraft eingebüsst, noch funktioniert die Propaganda leidlich. Sie hat eine Audiobotschaft des Kalifen veröffentlich, in der Baghdadi die Verluste zur göttlichen Prüfung erklärt und die Mujahedin aufruft weiterzukämpfen. Sie sollten Anschläge begehen in «Amerika, Europa und Russland, die im Zustand des Terrors leben». Zwar haben die Geheimdienste seit den Anschlägen in Brüssel im März 2016 keine Attacken mehr registriert, die von der Abteilung für externe Operationen des IS orchestriert wurden – wohl aber Kontakte zwischen Attentätern und IS-Mitgliedern. Es gibt die Befürchtung, dass Schläfer aktiviert werden könnten oder sich Einzeltäter zu Attacken inspirieren lassen.

Überdies gibt es etliche Filialen des IS. In Afghanistan macht er den Taliban Konkurrenz, in Ägypten liefert er dem Militär im Nordsinai eine verlustreiche Schlacht. In Libyen reorganisieren sich Hunderte seiner Kämpfer, wenn auch ohne Anbindung nach Syrien. In Nigeria, auf den Philippinen, im Jemen, in Tunesien, Saudiarabien, in der Türkei, im russischen Kaukasus: Überall gibt es Jihadisten, die sich dem IS zurechnen. Sie verüben bislang vor allem Anschläge in ihren Ländern. Manche könnten sich auch gegen westliche Ziele richten. Aus der Sicht des IS wäre das der Beleg, dass die Organisation mitnichten besiegt ist.

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