«Wendepunkt in der türkischen Politik»

Die Türkei schickt Panzer nach Syrien: Was Ankara will und wie es weitergeht, sagt Syrien-Experte Günter Meyer.

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Türkische Panzer sind nach Syrien vorgedrungen. Was bedeutet dieser Vorstoss?
Es ist ein Wendepunkt in der türkischen Politik. Nun werden erstmals Bodentruppen eingesetzt, nachdem es zuvor nur zu Luftangriffen und grenzüberschreitendem Artilleriebeschuss gegen den sogenannten Islamischen Staat innerhalb der US-geführten Koalition gekommen ist.

Was führte zu diesem Wendepunkt?
Der jüngste Anschlag in Gaziantep, der nach offiziellen Angaben vom Islamischen Staat durchgeführt wurde, sowie Artillerieangriffe des IS auf türkische Siedlungen an der Grenze sind so offensichtlich, dass die türkische Regierung handeln musste.

Präsident Erdogan will «der Bedrohung durch Terroristen ein Ende setzen». Damit meint er aber wohl nicht nur den IS.
Für Erdogan sind sowohl der IS als auch die kurdischen YPG Terroristen. Das eigentliche Hauptziel der Türkei ist die Verhinderung eines autonomen kurdischen Gebietes an der Südgrenze der Türkei. Der Kampf gegen den IS ist erst nachträglich in die Zielsetzung eingeflossen.

Der Türkei wurde mehrfach von unterschiedlichen Stellen vorgeworfen, den IS zu unterstützen.
Die Türkei hat alles dafür getan. Jihadisten und Waffen sind mit Wissen des türkischen Geheimdienstes an den IS durchgeschleust worden. Die Regierung hat den Ölschmuggel ermöglicht und liess verwundete Jihadisten in einem Krankenhaus in Grenznähe behandeln. Das ursprüngliche Interesse der Türkei war, die Eroberung von kurdischem Gebiet durch den IS zu unterstützen, um zu verhindern, dass die Kurden im Norden Syriens ein grösseres Gebiet unter ihre Kontrolle bringen.

Doch dann hat der IS die Türkei angegriffen. Eine taktische Dummheit.
Aus Sicht des IS ist es in der Tat extrem negativ. Direkte Angriffe auf türkische Siedlungen sind Provokationen, auf welche die Türkei reagieren muss. Sie schaden vor allem den Interessen des IS.

Es geht also wirklich erst einmal gegen den IS?
Zumindest momentan hat der Kampf gegen den IS tatsächlich höhere Priorität erlangt. Es geht darum, die direkte Bedrohung des IS für türkisches Gebiet abzuwenden.

Und was passiert anschliessend?
Das ist die grosse Frage. Bleibt es bei den Angriffen auf den IS? Oder nutzt die Türkei die Gelegenheit, wo sie jetzt in Syrien ist, um nach Süden vorzustossen und die Kurden anzugreifen. Denn die kurdischen YPG haben den Euphrat Richtung Westen überschritten. Der Fluss galt als rote Linie, auf die sich die USA und die Türkei zusammen mit den kurdischen Streitkräften geeinigt hatten.

Die Türkei kämpft nun mit den USA gegen den IS, aber gleichzeitig gegen die Kurden, die wiederum von den USA unterstützt werden. Wie wirkt sich das auf die Lage in Syrien aus?
Ich bewerte die aktuelle Entwicklung eher als eine lokale Schwächung des IS verbunden mit der Vorbereitung weiterer türkischer Angriffe zur Eindämmung der Kurden.

Und was bedeutet das für die USA? Vize-Präsident Joe Biden reist ja heute in die Türkei.
Die USA als Führer der Allianz gegen den IS werden den türkischen Angriff gegen die Jihadisten begrüssen. Allerdings wird Biden darauf drängen, dass es nicht zu einem weiteren Vorstoss der Türkei gegen die Kurden kommt.

Was hätten die USA überhaupt für eine Handhabe gegen das Nato-Mitgliedsland Türkei, wenn diese verstärkt die Kurden in Syrien bekämpft.
Es ist eine sehr schwierige Situation. Denn die USA sind auf die Nutzung der Luftwaffenbasis in Incirlik beim Kampf gegen den IS angewiesen. Die USA müssen sich mit der Türkei arrangieren – und umgekehrt. An den Kurden stossen die gegenläufigen Interessen aufeinander.

Und die Türkei hat mehr Macht in diesem Poker. Wie sehen Sie das?
Die Türkei hat immer eine Schutzzone im Norden Syriens gefordert, um die Kurdengebiete zu kontrollieren. Das haben die USA abgelehnt. Denn die Einrichtung einer Schutzzone hätte für die USA einen Kampf gegen die syrische und russische Luftwaffe zur Folge. Mit dem aktuellen Bodeneinsatz hat die Türkei die Möglichkeit, eben genau dieses Ziel einer Schutzzone zu verwirklichen, die ihr von den USA verwehrt worden war.

Erstellt: 24.08.2016, 15:04 Uhr

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Nach dem Anschlag von Gaziantep will Ankara Terrorgruppen aus dem syrischen Grenzgebiet vertreiben. Dort soll eine Sondersicherheitszone errichtet werden. (AFP/SDA)

Günter Meyer leitet das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. (Bild: Foto: Universität Mainz)

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