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Wie die Jihadisten neue Bündnisse schaffen

Die Islamisten des IS haben erstmals kurdisches Gebiet angegriffen. Der Premier des Irak will seine Luftwaffe zur Unterstützung schicken. Doch die ist alles andere als in einem guten Zustand.

Schlagkräftige Truppen: Kurdische Peshmerga-Kämpfer auf einem Panzer. Foto: Reuters
Schlagkräftige Truppen: Kurdische Peshmerga-Kämpfer auf einem Panzer. Foto: Reuters

Der Ramadan ist noch keine Woche vorüber, da eröffnet sich im Irak eine neue gefährliche Front. Die sunnitischen Extremisten des Islamischen Staates (IS), oder einfacher: die Vertreter des frisch ausgerufenen Kalifats, haben nach Wochen trügerischen Burgfriedens mit den Kurden im Norden des Irak drei kurdische Städte angegriffen. Kurdische Peshmerga-Einheiten, sonst im Ruf als unbarmherzige Kämpfer, ja, als die besten des Landes, wurden praktisch überrannt. Eine neue Flüchtlingswelle setzte sich in Bewegung.

Zugleich rückten die IS-Extremisten auf Städte um den Mosul-Damm vor, eine der wichtigsten Elektrizitätsquellen des Landes. Gelänge es ihnen, die Kontrolle über die Anlage zu erobern, was sie Berichten zufolge noch nicht tun, könnten sie die Regierung in Bagdad dramatisch unter Druck setzen: Würden sie den Damm sprengen, könnte eine riesige Flutwelle Städte, Dörfer und Felder hinwegspülen. Umgekehrt könnten die Extremisten das Land zu Füssen des Dammes auch einfach austrocknen lassen. Auch dafür, wie für so viele Aktionen der Jihadisten, gibt es einen Probelauf. Ende vergangenen Jahres, nach der Eroberung Fallujas, öffneten sie die Schleusen des Falluja-Damms und überschwemmten Ackerland.

Kurden schwören Vergeltung

Zwischen den Kurden und den sunnitischen Aufständischen unter der Führung der IS-Milizen herrschte in den vergangenen Wochen trügerische Ruhe. Anfangs wirkten die Kurden sogar wie Gewinner des sunnitischen Vormarsches. Während die irakische Armee panisch das Weite gesucht hatte, übernahmen kurdische Peshmerga-Milizen Territorien, die sogar noch ausserhalb des kurdischen Autonomiegebietes lagen, beispielsweise die Ölstadt Kirkuk. Der bedrängte schiitische Premierminister Nouri al-Maliki hatte den Kurden danach sogar vorgeworfen, dass sie sunnitischen Extremisten in ihrem Autonomiegebiet Schutz böten – eine Behauptung, die die ohnehin schleppende Regierungsbildung durch Sunniten, Schiiten und Kurden durch neues Misstrauen verkomplizierte.

Die Städte, die nun am Wochenende in die Gewalt der IS-Milizen fielen, liegen allerdings in traditionell kurdischem Gebiet. Auch die Kurden, zeigt sich nun, sind vor der Gier der Gotteskrieger nicht sicher.

Am Sonntagmorgen stürmten die Jihadi Sinjar, zerstörten einen schiitischen Schrein, töteten alle, die sich ihnen in den Weg stellten, überrannten lokale Polizei- und Armeeeinrichtungen und hissten die schwarze Flagge des Jihad auf Regierungsgebäuden. Kurz, sie folgten «der üblichen Eroberungsmethode», wie die «New York Times» schreibt. Wie bereits in anderen Städten zwangen sie die Bewohner, ihnen Gefolgschaft zu schwören – und trieben Hunderttausende Iraker in die Flucht.

Einen Tag später schworen die Kurden Vergeltung. Die Truppen seien überlastet gewesen im weitläufigen Gelände, so ein Sprecher gegenüber der Agentur Reuters am Montag: «Die Lage ist brandgefährlich für die gesamte Region. Es muss etwas getan werden.» Für eine Gegenoffensive ziehen die Kurden nun nach eigenen Angaben eine grosse Zahl Männer zusammen und schicken sogar Eliteeinheiten, um den verlorenen Boden zurückzuerobern. Ein kurdischer Kommandeur sprach sogar davon, dass Mosul den Händen der IS-Extremisten entrissen werden könne: «In den nächsten 48 oder 72 Stunden wird alles vorbei sein.»

Maliki befiehlt Luftschläge

Dies nun klingt einigermassen optimistisch, gemessen an der unberechenbaren Wucht der IS-Vorstösse, die bislang vorübergehend aufgehalten, aber nicht zurückgeschlagen werden konnten. Zwar haben schiitische Milizen zusammen mit der zuvor schwer geschlagenen irakischen Armee geholfen, den Vormarsch der sunnitischen Extremisten auf Bagdad zu bremsen. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass die Radikalen Bagdad derzeit gar nicht einnehmen wollen – und der Erfolg gar keiner ist.

Wie ernst die Lage ist, zeigt sich im rasch wechselnden Netz irakischer Allianzen auch darin, dass Premier Maliki am Montag zur Unterstützung der kurdischen Peshmerga Luftschläge gegen die IS-Milizen befohlen hat. Dies nun ist eine Ankündigung von zwiespältigem Drohungspotenzial. Am Himmel über dem Irak fliegt nämlich allerhand bewaffnetes Flugzeug: amerikanische Drohnen, iranische Drohnen, womöglich sogar syrische Kampfflugzeuge. Nur die irakische Luftwaffe ist wenig eindrucksvoll. Sie bestand zu Beginn des IS-Vorstosses aus drei Jets und vier Kampfhubschraubern – ein Schatten der imposanten Luftwaffe aus russischen und französischen Jets, die Saddam Hussein einst kommandierte. Damals war die irakische Luftwaffe eine der schlagkräftigsten des Nahen Ostens, gefürchtet unter anderem im Krieg mit dem Iran in den Achtzigerjahren. Noch vor dem Golfkrieg 1991 besass Saddam Dutzende Suchoi-Su-25-Flugzeuge, aber sie wurden – wie der Rest der Flotte in diesem und den folgenden Kriegen – zuletzt nach dem Sturz Saddam Husseins zerstört.

F-16-Kampfjets und Apache-Helikopter, die Amerika dem Irak bereits vor Jahren versprochen hat, werden frühestens im Herbst geliefert. Verschnupft wandte sich der Regierungschef unlängst an Moskau. Dort erstand er immerhin zwölf Suchoi Su-25, 30 Jahre alte, wartungsarme Lowtech-Maschinen aus Sowjetzeiten. Zudem hat die irakische Luftwaffe improvisiert und Cessna-Trainingsflugzeuge mit amerikanischen Hellfire-Raketen ausgerüstet.

Auch der Iran, einstiger Kriegsgegner und heutiger Verbündeter der irakischen Regierung, würde womöglich einspringen. Im Golfkrieg 1991 hatten irakische Piloten 100 Flugzeuge ins Nachbarland Iran gebracht, darunter betagte, aber flugtaugliche russische Su-24, MiG-23 und französische Mirage-F1-Jets. Der schiitische Gottesstaat Iran fürchtet um jeden Meter Boden, den die sunnitischen Extremisten seiner Grenze näher rücken – und wäre womöglich bereit, die Flugzeuge zurückzugeben. Allerdings ist noch sehr fraglich, ob die flugentwöhnten irakischen Piloten in diesen alten Maschinen ohne vernünftige Aufklärung in der Lage sind, die Gotteskrieger zu schwächen, oder ob sie vor allem Zivilisten töten und die Lage weiter verschärfen würden.

Die IS-Milizen haben die politische Landkarte durcheinandergewirbelt und schaffen neue Zwangsbündnisse. Für Maliki beispielsweise ist heute auch ein anderer Wunsch der Kurden denkbar: Waffen aus Amerika. Bislang hatte Maliki diese Forderung höchst skeptisch gesehen, und in der Tat fragt sich, ob die Bewaffnung einer einzelnen Gruppe im schwierigen Machtgefüge des Irak eher zur Stabilisierung der Situation beiträgt oder neue Eskalationen auslöst. Angesichts der bärtigen Radikalen in Schussweite des Mosul-Damms aber, zudem nach der Eroberung weiterer Ölfelder und einer Raffinerie, sind dies für Maliki zweitrangige Betrachtungen.

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