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Wie man tausend Tonnen Chemiewaffen vernichtet

Die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen inmitten eines Bürgerkriegs wäre beispiellos. Experten erläutern, unter welchen Bedingungen die Abrüstung dennoch gelingen könnte.

Arbeit im Kriegsgebiet: UNO-Inspektoren in Syrien.
Arbeit im Kriegsgebiet: UNO-Inspektoren in Syrien.
AP Photo/zvg

Die Vernichtung syrischer Chemiewaffen würde die internationale Gemeinschaft nach Ansicht von Experten vor beispiellose Herausforderungen stellen. Die Beseitigung des Arsenals, das insgesamt auf mehr als tausend Tonnen geschätzt wird, würde nicht nur mehrere Jahre dauern, sondern auch die volle Kooperation der syrischen Regierung erfordern. «Es ist für mich schwer vorstellbar, wie das inmitten eines Bürgerkriegs geschehen soll», sagte der Direktor der Nichtregierungsorganisation Arms Control Association, Daryl Kimball, der Nachrichtenagentur AFP.

Die russische Regierung hatte am Montag vorgeschlagen, die syrischen Chemiewaffenbestände unter internationale Aufsicht zu stellen und zu vernichten. Inzwischen nahm die syrische Regierung den Vorschlag an. Die beiden Parteien teilten mit, sie wollten demnächst einen «konkreten Plan» vorlegen, wie die Operation umgesetzt werden solle. Mit dem Vorstoss, der von US-Präsident Barack Obama als möglicherweise «bedeutender Durchbruch» bezeichnet wurde, sollte ein US-Militärangriff auf Syrien abgewendet werden.

Syrien müsste Konvention beitreten

Kimball äusserte sich aber skeptisch zur Umsetzung. «Dies ist eine sehr schwierige Ingenieursaufgabe», sagte Kimball. Ihre Ausführung erfordere die Errichtung von Anlagen, um die Waffen zu zerstören, und die Präsenz von internationalen Inspekteuren, um die Durchführung zu überwachen. «Das ist nichts, was man unter Gefahr eines Granatenbeschusses machen will», sagte Kimball mit Blick auf die unvermindert anhaltenden Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen.

Als ersten Schritt müsste Syrien der Chemiewaffenkonvention beitreten. Dafür müsste die Regierung in Damaskus ihr Chemiewaffenprogramm komplett offen legen. Michael Luhan, Sprecher der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW), sagte, Syrien müsste ein komplettes Inventar seines Arsenals «bis auf das Kilo der Stoffe und den Typ der Munition» vorlegen. Für ein Land, das bis vor kurzem noch offiziell bestritt, überhaupt Chemiewaffen zu haben, wäre dies eine radikale Kehrtwende.

Bewachung nötig

Der frühere UNO-Waffeninspekteur David Kay sagte, zur Sicherstellung der syrischen Chemiewaffen müssten zunächst alle Anlagen rund um die Uhr unter Bewachung gestellt werden, «um sicherzugehen, dass niemand sonst hineinkommt». Die Zerstörung der Bestände würde dann wohl Jahre dauern und Milliarden Dollar kosten. Die USA etwa haben 35 Milliarden Dollar ausgegeben, um in den letzten zwei Jahrzehnten 90 Prozent ihrer Chemiewaffenbestände in speziellen Anlagen zu verbrennen.

Auch Russland hat seit den 1990er Jahren grosse Summen in die Beseitigung seines Arsenals investiert, das laut der OVCW bis 2012 zu 54 Prozent vernichtet wurde. Dabei entschied sich Russland für die Neutralisierung der Kampfstoffe durch die Injektion anderer Chemikalien, wie Luhan erklärte. Dies war auch die Variante, für die sich Libyen entschied. Die Experten betonen, dass es keinerlei Erfahrungen mit der Vernichtung von Chemiewaffen inmitten eines Kriegs gebe.

Eine mögliche Lösung wäre es, die syrischen Chemiewaffen nach Russland zu bringen. «Russland wäre gut als Empfänger der syrischen Chemiewaffenbestände geeignet, da es bereits mehrere Anlagen gibt, um frühere sowjetische Bestände zu zerstören», sagt Karl Dewey von der Denkfabrik IHS Jane's. Dazu könne es ein bilaterales Abkommen geben. Allerdings warnte Dewey, dass der Transport der riesigen Bestände inmitten der Kämpfe schwierig werde und die Kooperation der Rebellen erfordern würde.

AFP/mw

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