«Wir operieren sogar in den Spitalgängen»

Nach den blutigen Protesten im Gazastreifen spricht Marie-Elisabeth Ingres von «Ärzte ohne Grenzen» über die Arbeit unter Ausnahmebedingungen.

Bei Protesten von Palästinensern gegen Israel und die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem gab es zahlreiche Tote.

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Gestern war der blutigste Tag im Gazastreifen seit dem Ende des Kriegs 2014. Wie war die Situation in den Spitälern?
Absolut schrecklich. Die Situation ist teilweise vergleichbar mit dem, was wir nach den Bombenanschlägen 2014 beobachtet haben. Es gab einen enormen Zustrom von Verletzten. In einem Spital waren es über 300 innert kurzer Zeit. Das medizinische Personal war völlig überfordert. Unsere Teams arbeiteten die ganze Nacht. Zum Teil an zwei bis drei Patienten im gleichen Operationssaal und sogar in den Gängen.

Was ist aus Sicht der Ärzte das Wichtigste in einer solchen Ausnahmesituation?
Gute Organisation ist sehr hilfreich. Wir haben Leute, die im Spital eine Triage vornehmen zwischen den ganz dringenden Fällen und denjenigen, die noch ein wenig warten können. Aber wenn so viele Verletzte kommen wie gestern, dann nützt auch das beste Konzept nur bedingt.

Das palästinensische Gesundheitsministerium sprach am Dienstagmorgen von 59 Toten und über 2700 Verletzten. Wie sind diese Zahlen einzuschätzen?
Wir müssen uns auf die Aussagen des Ministeriums stützen. Aufgrund der Aussagen unserer Leute halte ich sie für realistisch. Wir hatten allein in den drei Spitälern, in denen wir tätig sind, rund 500 Verletzte.

Was für Verletzungen haben Ihre Ärzte vornehmlich behandelt?
Schussverletzungen. Die Grosszahl der Verletzten sind junge Männer. Aber es waren auch zahlreiche Frauen und Kinder betroffen. Seit dem Start des «Marsches der Rückkehr» haben wir jede Woche Kinder verarzten müssen. (Seit März demonstrieren jeden Freitag Zehntausende im Gazastreifen gegen die Enteignung und für ein Recht auf Rückkehr – die Red.)

Am heutigen Nakba-Tag, an dem die Palästinenser an ihre Vertreibung 1948 erinnern, ist mit weiteren massiven Auseinandersetzungen zu rechnen. Wie haben Sie sich vorbereitet?
Wir sind sehr besorgt, dass sich wieder zahlreiche Palästinenser zu Protesten am Grenzzaun versammeln und die Israeli darauf reagieren werden. Wir haben acht Chirurgen in Gaza im Einsatz und sind mit rund 200 Leuten vor Ort. Wir versuchen unser Bestes, um Leben zu retten.

Im Westen sind viele abgestumpft, wenn es um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geht. Was würden Sie diesen Leuten gerne sagen?
Ihnen ist nicht bewusst, was hier passiert: Die Leute können Gaza seit zehn Jahren nicht verlassen, oder nur mit Schwierigkeiten, weil Israel und Ägypten die Übergänge geschlossen halten. Die jungen Leute gehen zum Grenzzaun, weil sie sich eingeschlossen fühlen. Sie haben keinen Job, keine Zukunft und das Gefühl, niemand kümmere sich um sie. Sie sind verzweifelt und wollen nur eins: raus. Die psychischen Wunden sind tief. Und die Lage im Gazastreifen verschlechtert sich stetig. Was die Zukunft betrifft, bin ich nicht sehr optimistisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 18:16 Uhr

Marie-Elisabeth Ingres ist Landeskoordinatorin von Médecins sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF). Die Französin arbeitet seit 2013 für die Hilfsorganisation, seit März 2017 ist sie in Jerusalem stationiert.

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