Zäune, Mauern, Wälle

Mit Stacheldrähten und Bewegungssensoren verbarrikadieren sich immer mehr Staaten – gegen Flüchtlinge und neu angeblich auch gegen Terroristen.

Arm und reich, nur getrennt durch Draht: Migranten sitzen auf dem halbüberwundenen Zaun, während Golfer auf ihrem Platz spielen. (22.10.2014)

Arm und reich, nur getrennt durch Draht: Migranten sitzen auf dem halbüberwundenen Zaun, während Golfer auf ihrem Platz spielen. (22.10.2014) Bild: José Palazón/Reuters

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Das gebeutelte Tunesien will sich mit einem etwa 160 Kilometer langen Wall gegen den Terror schützen, der aus Libyen überschwappt – das hat der tunesische Premier Habib Essid angekündigt. Es ist die Antwort auf die Angriffe auf das Bardo-Museum in Tunis im März und die Ermordung von 38 Touristen in einem Strandhotel in Sousse.

Ein libyscher Flüchtling an der tunesisch-libyschen Grenze. (Gild: Reuters / Anis Mili)

Wie genau der tunesische Zaun funktionieren soll, ist unklar – ein Vorbild dürfte es aber geben. Noch im Januar hat auch Saudiarabien einen «Anti-IS»-Zaun vorgestellt, der sich über 965 Kilometer an der Grenze zum Irak erstreckt. Ein Zaun in der Wüste, umgeben von Sand und Geröll? Wie muss man sich so etwas vorstellen? Auf jeden Fall aufwendiger, als es im ersten Moment klingt.

Ein saudischer Wächter an der aktuellen Grenze zwischen Irak und Saudiarabien. Bald sieht es dort ganz anders aus. (Bild: Reuters /Faisal All Nasser)

Das Konzept der Saudis ist ausgeklügelt: Zuerst sollen kleine Böschungen aus Sand die Überquerungswilligen verlangsamen – dann folgt ein standardmässiger Zaun mit Stacheldraht. Wurde dieser Zaun überwunden, kommt aber schon das nächste, etwas niedrigere Hindernis. Ein weiterer dreieckiger Zaun mit sogenanntem Concertina-Draht, also rund gerolltem Draht, der es schwierig macht, irgendwo Halt zu finden. Zwischen diesem und dem letzten Zaun werden die Saudis gar Bodensensoren verlegen, die jede Bewegung registrieren können. Dazu kommen fast eineinhalb Millionen Meter an Kabeln, welche die Barriere direkt mit dem Innenministerium verbinden sollen. Zusatzunterstützung gibt es in Form von Helikoptern, mehr als zweihundert Fahrzeugen, Überwachungsstationen und 40 Türmen.

Erinnerungen an Israel

Antiterror-Zäune sind eine relativ neue Idee. Im Jahr 2000 wurde das erste Segment des Westbank-Zaunes in Israel fertiggestellt – das Land argumentierte damit, die eigenen Bürger vor palästinensischem Terror beschützen zu wollen. Zwischen 2000 und 2005 kam es während der zweiten Intifada zu einer grossen Anzahl an Selbstmordanschlägen.

Die Barriere in Bethlehem während dem Palästina-Marathon. (Bild: Reuters / Ammar Awad)

Trotzdem geriet Israel des Zauns wegen in grosse Kritik. Die Vereinten Nationen befanden die Barriere als illegal – sie verletze internationales Recht. Auch der Internationale Gerichtshof bezeichnete den Wall als unrechtmässig. Der Zaun erschwere den eingekesselten Palästinensern den Zugang zu Bildungseinrichtungen und medizinischer Versorgung – wenn der Zaun dereinst fertiggestellt ist, könnte es sein, dass Palästinenser zum Beispiel die Nothilfe in der Nacht ganz verlieren würden. Damit nicht genug: Die Landwirtschaft würde so stark beschädigt, dass viele Familien dadurch in die Armut getrieben würden, berichtet die israelische NGO B'Tselem.

Warum der Zaun trotz UNO-Resolution nie fallen musste? Die USA legten damals ein Veto ein.

«Was keine Grenzen hat, ist kein Land»

Doch Zäune gibt es nicht nur gegen den Terror. Auf dem einstweiligen Höhepunkt der Flüchtlingskrise in diesem Jahr kündigte Ungarns Premier Viktor Orban Massnahmen zur Abwehr von Migranten an. Der Grund: Die meisten Flüchtlinge, die über Serbien einwandern, seien zuvor in Griechenland oder Bulgarien gewesen – und daher nicht gefährdet. «Ungarn grenzt nicht an Syrien. In Griechenland sind die Flüchtlinge bereits in Sicherheit. Hier in Ungarn betrachten wir sie nicht mehr als Flüchtlinge.» Zaun und Rhetorik hatten Orban viel Kritik eingebracht. «Ein Zaun der Unmenschlichkeit», titelte beispielsweise «Zeit online».

Der Plan für Ungarn: Wie bei Saudiarabien kommen Bewegungssensoren, intensive Patrouillen und sogar Infrarotkameras zum Einsatz. «Länder haben Grenzen. Was keine Grenzen hat, ist kein Land», sagte Orban. Und die Flüchtlingswelle sei keine Flüchtlingswelle, sondern eine «Völkerwanderung», zementierte Orban den Anspruch auf den Bau eines Walls.

Syrische Migranten wollen von Serbien nach Ungarn – bald ein Ding der Unmöglichkeit. (Bild: Reuters / Laszlo Balogh)

Was Ungarn plant, hat Griechenland seit 2012: Der Zaun an der türkischen Grenze ist zwar «nur» 10 Kilometer lang, dennoch soll er die Zahl der illegalen Einwanderer via Landweg um 95 Prozent reduziert haben. Die Kehrseite: Die Flüchtlinge nehmen jetzt den Weg über die ägäischen Inseln. Die Route über das Meer ist um einiges gefährlicher. Tote gibt es oft.

Der Grenzzaun der türkisch-griechischen Grenze nahe der Stadt Orestiada. (Bild: Reuters / Vassilis Ververidis / Motion Team)

Solche, die es doch schaffen, würden oft automatisch kollektiv wieder in die Türkei abgeschoben – ohne Chance, einen Asylantrag zu stellen. Das kritisiert zumindest die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die zum Teil auch schwere Misshandlungsvorwürfe gegen die griechischen Grenzpolizisten erhebt.

Eines der wenigen Bilder des Concertina-Drahtes zwischen Botswana und Zimbabwe. (Bild: Zimbabwe Telegraph)

Ganz andere Zäune gibt es beispielsweise an der Grenze von Botswana und Zimbabwe. Die offizielle Rechtfertigung für den Zaun ist Schutz vor der Maul-und-Klauen-Seuche. Doch für Zimbabwer ist klar: Die Zäune sind so hoch, dass es kaum nur um Tiere gehen kann.

Golfplätze und Migranten

Kletterhaken, Nägel unter den Schuhen. Hunderte Flüchtlinge. Nur 35 hatten es beim Ansturm im Dezember 2014 geschafft, den sogenannten Nato-Draht zu überwinden, die meisten hatten nach stundenlangem Verharren aufgegeben. Auch die Grenze um die spanische Exklave Melilla ist berüchtigt. Zuvor hiess es noch, die neuen, besonders engmaschigen Zäune seien «unüberwindbar». Ein Foto aus Melilla, eingefangen vom spanischen Fotografen José Palazón, ging um die Welt: Auf der einen Seite verzweifelte afrikanische Flüchtlinge, auf der anderen Golfer beim gemütlichen Einlochen auf einem Golfplatz, der zwei Millionen Euro gekostet hat. «Für mich ist es ein Sinnbild für die Unterschiede, die hier existieren, und all das Hässliche, das vor sich geht», sagte der Fotograf.

Die mexikanische Seite des Grenzzaunes ist trostlos. (Bild: Reuters / Alonso Castillo)

Auf der einen Seite reich, auf der anderen arm: Ein Alltagsszenario, das auch in den USA gilt. Gegen diesen Grenzzaun wirken aber die meisten anderen winzig: 3141 Kilometer. Hundertausende Mexikaner versuchen jedes Jahr, in die USA einzureisen – und nicht wenige sterben dabei regelmässig. Meistens von ihren Schleppern zurückgelassen. Hin und wieder kann die Grenzwacht allerdings Flüchtlinge retten. Trotz zahlreicher Kontroversen von Polizeibrutalität über das Problem, dass durch den Zaun indigene Stämme getrennt werden, bis hin zu möglichen Umweltbeeinträchtigungen ist eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner für den Zaun.

Überall auf der Welt sind die Zäune: Vielleicht auch bald in der Schweiz? Zwischen 60 und 130 Illegale gehen im Tessin über die Grenze. Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi von der Lega findet das zu viel: «Wenn der Andrang der Asylsuchenden aus Italien anhält, müssen wir die Grenze vorübergehend schliessen. Nur so können wir Druck auf andere Staaten machen, die ihren Pflichten nicht nachkommen. Ich wäre für einen Zaun.»

Erstellt: 09.07.2015, 15:27 Uhr

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