Impact Journalism

«Niemand soll zurückgelassen werden»

Am Impact Journalism Day stehen die globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung im Zentrum. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres erklärt, wie sie zu einer gerechten, friedlichen und wohlhabenden Welt führen.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres warnt, dass Fortschritte bei der nachhaltigen Entwicklung zu langsam erzielt werden, um global vorgegebene Ziele bis 2030 zu erreichen. Probleme sieht er vor allem beim Klimaschutz, bei der sozialen Ungleichheit und bei mangelhaften Frauenrechten.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres warnt, dass Fortschritte bei der nachhaltigen Entwicklung zu langsam erzielt werden, um global vorgegebene Ziele bis 2030 zu erreichen. Probleme sieht er vor allem beim Klimaschutz, bei der sozialen Ungleichheit und bei mangelhaften Frauenrechten. Bild: Keystone

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Von Antonio Guterres, UNO-Generalsekretär

Vor drei Jahren haben die Führer der Welt einstimmig die Ziele der nachhaltigen Entwicklung bis 2030 verabschiedet. Es hatte drei Jahre gedauert, dieses Rahmenabkommen für eine bessere Zukunft mit seinen 17 Einzelzielen für nachhaltige Entwicklung auszuhandeln. Hunderte Besprechungen, Tausende Dokumente, Millionen Menschen waren involviert. Aber das war noch einfach. Viel schwieriger ist das, was jetzt begonnen hat: diese Vorgaben mit Leben zu füllen.

Die Ziele wurden mit berechtigter Begeisterung verabschiedet. Sie decken alles ab: von Energie bis Bildung, von Infrastruktur bis Institutionen, von Verstädterung bis Innovation; sie bieten einen umfassenden Handlungsrahmen, um die Übel der Welt zu überwinden. Sie betreffen alle Länder, berücksichtigen die Belange aller Länder und wurden von allen Ländern unterstützt. Präsidenten und Premierminister stellten sich mit ihrem gesamten Gewicht hinter das zentrale Versprechen dieser Ziele: Niemand soll zurückgelassen werden.

Jetzt, im dritten Jahr der Umsetzung, bleibt der anfängliche Schwung zu spüren. Viele Länder richten ihre Politik und ihre Finanzen an den Zielen aus. Immer mehr Unternehmen erkennen die Chancen, die eine Investition in neue Technologie bietet, erschliessen neue Märkte und beteiligen sich am Aufbau einer nachhaltigen und inklusiven Wirtschaft für das 21. Jahrhundert. Auch Bürgergruppen nutzen diese globalen Ziele, um örtliche Veränderungen voranzutreiben.

Doch der Fortschritt ist zu verhalten, um die Ziele bis 2030 zu erreichen. Bewaffnete Konflikte und humanitäre Krisen drängen uns vom Weg ab. Vor allem in drei Bereichen muss dringend gehandelt werden.

Mehr Ehrgeiz bei den Klimazielen

Erstens beim Klimawandel. Die neun wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen traten alle seit 2005 auf. Im vergangenen Jahr erreichten die wirtschaftlichen Kosten von Klimakatastrophen einen neuen Rekord: 320 Milliarden Dollar. Die Lebensgrundlage von vielen Menschen wird zerstört. Wir müssen ehrgeiziger sein, müssen den Ausstoss klimaschädigender Gase bis 2020 um 25 Prozent reduzieren. Das sind Fakten.

Glücklicherweise gibt es auch eine andere, ermutigende Tatsache: Saubere Energie wird günstiger und wettbewerbsfähiger. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hat vor kurzem berichtet, dass unkomplizierte, umweltfreundliche Massnahmen bis 2030 weltweit 24 Millionen gute Arbeitsplätze schaffen könnten. Der Klimawandel ist immer noch schneller unterwegs als wir; unsere Herausforderung ist es, das Rennen zu gewinnen.

Kampf gegen die Ungleicheit

Zweitens steigt nicht nur die globale Temperatur, sondern auch die Ungleichheit. Die Globalisierung hat erstaunliche Vorteile gebracht – mehr Reichtum, eine weltweit wachsende Mittelklasse und grosse Fortschritte im Kampf gegen die Armut. Aber es leben immer noch mehr als 800 Millionen Menschen in extremer Armut. Und viele Menschen, Branchen und Regionen haben das Gefühl, zurückgelassen, am überall sichtbaren Wohlstand nicht beteiligt zu werden. Das wiederum untergräbt den Zusammenhalt der Gesellschaft und bringt Populisten und Fremdenfeinden grösseren Zuspruch. Es ist unsere Verantwortung, an Menschen zu denken und eine faire Globalisierung zu schaffen, die allen etwas bringt.

Gleichberechtigung für Frauen

Drittens werden wir weder Ungleichheit überwinden noch dem Klimawandel Einhalt gebieten noch irgendeines der gemeinsamen Ziele erreichen, wenn wir nicht die Frauen und Mädchen der Welt fördern. Aber Diskriminierung gegen Frauen bleibt tief verwurzelt. Zwar wächst die Vertretung von Frauen in der Politik und in der Geschäftswelt, aber sehr langsam. Selbst in ihrem eigenen Haushalt werden die Stimmen von Frauen oft erstickt. Gewalt und Belästigung sind allgegenwärtig und bleiben fast immer ungestraft. Die Aufgabe ist eindeutig: Dieses Machtgefüge muss sich ändern, nicht nur als eine Frage der Grundrechte, sondern auch, weil die Beteiligung von Frauen eine Wirtschaft dynamischer, die Gesellschaft widerstandsfähiger und Friedensabkommen dauerhafter macht.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Nachhaltige Entwicklung hängt auch vom Respekt für Menschenrechte, von Friedenssicherung und Sicherheit ab. Wenn wir niemanden zurücklassen wollen, bedeutet das, dass wir diejenigen, die am weitesten zurückgeblieben sind, zuerst erreichen müssen: Menschen, die unter bewaffneten Konflikten, gescheiterter Regierungsführung, politischer Unterdrückung und Instabilität leiden. Deshalb beinhaltet das Rahmenabkommen ein eigenes Ziel der inklusiven Gesellschaft, des Zugangs zu Gerichten und verantwortungsvollen Institutionen. Nachhaltige Entwicklung ist kein Selbstzweck, sondern die beste Methode, um Krisen zu verhindern und eine sicherere Welt zu schaffen.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung begleiten uns bis zum Jahr 2030. Aber schon heute müssen wir weiter in die Zukunft blicken. Technologischer Wandel löst viele akute Probleme. Aber die Entwicklung künstlicher Intelligenz, der Gentechnik und des Cyberspace hat auch dunkle Seiten und wird zu Umwälzungen im Arbeitsmarkt, in der globalen Sicherheit und in der Gesellschaft insgesamt führen. Wir müssen über alle Grenzen zwischen den Wissensgebieten hinweg nach neuen Lösungen suchen, sodass die Vorteile der Vierten Industriellen Revolution allen zugutekommen.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung zeigen uns den Weg zu einer gerechteren, friedlicheren und wohlhabenderen Welt auf einem gesunden Planeten. Sie sind auch ein Aufruf zur Solidarität zwischen den Generationen. Es gibt keine wichtigere Aufgabe als eine Investition in das Wohlergehen der Jugend, sodass diese ihr Potenzial verwirklichen kann. Ich bin fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass eine effektive, reformierte UNO der Aufgabe gerecht wird, Menschen weltweit dabei zu unterstützen, ihre Bedürfnisse und Hoffnungen zu erfüllen, heute und in Zukunft.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

Erstellt: 15.06.2018, 14:13 Uhr

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