Interview

«Bin überrascht, dass die Kardinäle einen 76-Jährigen gewählt haben»

Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln über die Wahl von Franziskus, dessen hohes Alter und darüber, was die Schweizer vom neuen Papst erwarten dürfen.

«Ich lasse mich überraschen»: Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln. (Archiv)

«Ich lasse mich überraschen»: Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln. (Archiv) Bild: Keystone

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Abt Martin, die Wahl erfolgte bereits am zweiten Tag. Haben Sie erwartet, dass es so schnell geht?
Nein, ich rechnete mit einer Wahl heute Donnerstag.

Mit Kardinal Bergoglio wurde keiner der Top-­Favoriten gewählt. Hat Sie die Wahl des Lateinamerikaners überrascht?
Überrascht hat mich nicht, dass ein Lateinamerikaner gewählt wurde, sondern dass es Kardinal Bergoglio ist. Ich kannte ihn vorher nicht.

Der Neugewählte ist ein Jesuit. Was bedeutet dies?
Der neue Papst ist Ordensmann. Die grossen Orden – dazu zählen die Benediktiner, die Franziskaner und die Jesuiten – waren immer eine prophetische Stimme innerhalb der Kirche. Bei Franziskus, dessen Name Kardinal Bergoglio gewählt hat, war dies sehr stark. Er nahm die Situation der Kirche wahr, hatte den Mut, zum Papst zu gehen, und setzte so Zeichen, die bis heute nachwirken. Die Namenswahl ist für mich ein gutes Zeichen.

Der Name Franziskus steht auch für Bescheidenheit und Offenheit. Erwarten Sie dies ebenfalls vom neuen Papst?
Ganz klar. Dafür war Franziskus auch bekannt. Er wurde Kardinal der Armen genannt und sorgte sich insbesondere um die Vernachlässigten der Gesellschaft. Er hatte aber gleichzeitig die Offenheit, sich der Situation der Kirche zu stellen.

Was bedeutet es, dass kein Europäer zum Papst gewählt wurde? Gibt das bei gewissen Fragen eine andere Dynamik?
Ich lasse mich überraschen. Was mich positiv anspricht, ist sein Alter. Ich bin überrascht, dass die Kardinäle einen 76-Jährigen gewählt haben. Er ist damit im gleichen Alter wie damals der Konzilspapst Johannes XXIII.

Jedes Land hat andere Erwartungen an den neuen Papst. Welche Hauptaufgaben warten auf ihn?
Die Herausforderungen sind letztlich in allen Ländern die gleichen. Es geht darum, sich den Herausforderungen der Gesellschaft zu stellen und zu schauen, was wir vom Evangelium aus dazu beitragen können, dass wir in einer Welt leben, in der wir vorwärtsgehen können.

Sie nennen dies in Ihrem Buch die Glut unter der Asche neu entdecken. Kann dies von Rom aus geschehen?
Der Papst ist nicht Kirche; alle Getauften bilden die Kirche. Der Papst hat aber eine besondere Aufgabe darin. Ich hoffe schon, dass es Bergoglio wie einst Johannes XXIII. gelingen wird, die Menschen für das Evangelium zu begeistern, sie zu öffnen, miteinander die Glut zu entdecken.

Uns Schweizer beschäftigten Themen wie der Zölibat oder die Frauenordination. Erwarten Sie hier Bewegung?
Oben auf der Liste muss stehen, dass wir die Glut neu entdecken. Dass wir eine Kultur des Dialogs finden, in der wir miteinander derartige Fragen angehen können. Es ist niemandem gedient, wenn jemand einfach etwas anordnet. Es geht darum, miteinander zu entdecken, wass Gott heute von uns will, und diese Schritte mutig zu nehmen.

Sie sind seit zwölf Jahren Abt des Klosters Einsiedeln. Franziskus I. ist Vorsteher einer Weltkirche. Ist ein solches Amt Lust oder Last?
Eine Aufgabe bringt immer positive Momente mit sich, aber auch Schwierigkeiten. Das ist beim Amt des Abtes nicht anders als etwa bei der Aufgabe, Eltern zu sein. Keiner muss ein Supermensch sein. Auch der Papst nicht. Wichtig ist, dass er weiss, dass er es nicht ist, und dass er weiss, dass er nicht alleine die Verantwortung trägt, sondern zusammen mit allen. Da sind sehr viele, die grosse Gaben und Talente haben. Mit ihnen zusammen kann er den Weg gehen.

Sie haben heute Abend in der Klosterkirche für den Papst gebetet. Was gaben Sie den Gläubigen mit auf den Weg?
Ich brachte meine Überraschung zum Ausdruck und meine Freude über die Namenswahl. Ich hoffe, dass wir heute den Mut haben, uns der Situation der Kirche zu stellen und wirklich das Beste daraus zu machen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.03.2013, 08:56 Uhr

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