Die Papstwahl

Das Konklave beginnt

115 Kardinäle haben sich zum Konklave in die Sixtinische Kapelle zurückgezogen. Weil es kein verstorbenes Kirchenoberhaupt zu betrauern gibt, entfällt diesmal das grosse emotionale Pathos «zwischen den Päpsten».

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Alles ist bereit. Die Sixtinische Kapelle wurde in ein Wahllokal verwandelt – der kostbare Cosmaten-Fussboden abgedeckt, einfache Tische und Kirschholzstühle für die 115 Kardinäle aufgestellt, der berühmte Ofen an den Kamin angeschlossen. Genau genommen sind es sogar zwei, einer zum Stimmzettelverbrennen, der andere zur Erzeugung von schwarzem oder weissem Rauch unter Verwendung von Chemikalien. Die Rauchzeichen sollen das einzige Mittel zur Kommunikation mit der Aussenwelt bleiben, deshalb gibt es für die Kardinäle sogar eine Leibesvisite. Die Sixtina wurde auf Wanzen untersucht, die hoch angesetzten Fenster verdunkelt – der Handyempfang funktionierte durch die dicken Mauern sowieso noch nie besonders gut. Wer trotzdem irgendwie mit der Welt draussen redet, dem droht die Exkommunikation. Von den Reinigungskräften bis zu den Nonnen, die die Kardinalsunterkunft Domus Sanctae Marthae betreiben, mussten alle striktes Schweigen geloben.

Bei Gammarelli in der Via di Santa Chiara hängen drei weisse Baumwoll-Soutanen im Schaufenster, das Gewand ist gleich, die Grössen sind unterschiedlich. Wird der nächste Papst Small, Medium oder Large tragen? Der Mozetta-Umhang aus rotem Samt und die weisse Kopfbedeckung haben Einheitsgrösse, die roten Schuhe müssen auch irgendwie passen.

Es riecht nach Konklave

Die Luft ist anders als sonst in Rom. Es riecht nach Konklave. Nichts wirklich Neues in dieser Stadt, die in fast 3000 Jahren schon alles gesehen und erlebt hat, aber doch ein Ritus, der am Ende alle ein wenig berührt. Auch wenn es diesmal kein Kirchenoberhaupt zu betrauern gibt und das grosse emotionale Pathos «zwischen den Päpsten» entfällt, mit dem Kirche und Gläubige üblicherweise auf die Rauchzeichen aus der Sixtina warten. Als Johannes Paul II. im April 2005 starb, erfuhr Rom einen gigantischen Pilgerandrang. Vier Millionen kamen, um an dem in der Peterskirche aufgebahrten Papst vorbeizudefilieren, bis zu acht Stunden betrug die Wartezeit in einer kilometerlangen Schlange, die vom Hauptaltar bis zum Tiber reichte. Am Tag der Beerdigung hatten die Schulkinder schulfrei, die Stadtautobahn wurde geschlossen.

Diesmal gibt es nichts davon, nur das Konklave ist geheimnisvoll, weltentrückt und erhaben wie immer. Übrigens kann das gemeine Volk den Eingesperrten in der verriegelten Sixtina immer noch erstaunlich nah sein: Die Vatikanischen Museen bleiben geöffnet. Und so ist es möglich, durch die Stanzen Raffaels zu wandeln, das reich geschmückte Apartment Leo X. Der Medici-Papst wurde vor genau 500 Jahren, im März 1513, gewählt. Da war er gerade 38 Jahre alt. Raffael malte ihn als kraftstrotzenden Mann und geschickten Reiter, die Bischöfe auf dem Krönungsbild scheinen gerade der Schulbank entsprungen. Tempi passati.

In der Lieblingstrattoria

In den Tagen vor dem Konklave konnten die Römer amüsiert beobachten, wie die Papabili ihre Stadt eroberten. Kardinal Philippe Barbarin aus Lyon hatte sich ein schwarzes Fahrrad ausgeliehen und radelte damit vergnügt die Via della Conciliazione entlang. Und Kardinal Donald William Wuerl aus Washington schaute, elegant in einen knielangen Mantel gekleidet, in seiner Lieblingstrattoria im Borgo Pio vorbei. Ein Paparazzo lichtete den Kardinal just in dem Moment ab, wo er sich an der Haustür herzlich vom Koch verabschiedete. Andere «erwischten» den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn beim möglicherweise konspirativen Mittagessen mit dem Mailänder Kardinal Angelo Scola und den Amerikaner Timothy Michael Dolan sogar bei der Weinprobe.

Überhaupt, die Paparazzi. Hier, wie im Konklave, wo sie mit 28 Kardinälen die grösste Fraktion bilden, sind die Italiener noch führend. Fast 5000 Journalisten aus aller Welt verfolgen die Papstwahl, die grossen internationalen Fernsehsender haben sämtliche Dachterrassen um den Petersplatz gemietet – besonders begehrt: die Balkons des Nonnenklosters Maria Santissima Bambina. Doch hinter die Kulissen schauen nur die Italiener. Das Klatschblatt «Chi» aus einem Berlusconi-Verlag brachte pünktlich zur Papstwahl die ersten Bilder des zurückgetretenen Benedikt XVI. als Ruheständler in Castel Gandolfo. Sie zeigen den emeritierten Papst beim Spaziergang am Albaner See, ganz in Weiss gekleidet, mit Spazierstock und Baseballkappe. Ob er sich immer noch bei Gammarelli einkleidet?

Bis Ende Mai soll Joseph Ratzinger in den Kirchenstaat zurückkehren, er zieht in ein Kloster in den Vatikanischen Gärten. Vielleicht wird er dann im Waldstück wieder die streunenden Katzen füttern, der emeritierte Papst hat ja selbst eine Katze namens Milly. Dass er während des Konklaves den Kirchenstaat verlassen hat, bedeutet eine klare Abgrenzung: Ratzinger wird zwar ständig informiert, will sich aber auf keinen Fall einmischen. Das wäre auch nicht erwünscht. Während der Generalkongregationen hat das Kardinalskollegium dem einstigen Oberhaupt ein eisig formuliertes Glückwunschtelegramm geschickt, vielen Dank für die geleistete Arbeit, bitte beten Sie jetzt für uns.

Endlich wieder Nabel der Welt

Natürlich gab das Anlass zu Spekulationen, wie überhaupt sehr viel spekuliert, geklatscht und gewettet wird. Lustvoll zelebrieren die italienischen Zeitungen ihr Papst-Toto und prophezeien interessante «Tandems»: Wenn ein Italiener Papst würde, müsse der Kardinalstaatssekretär ein Ausländer sein und umgekehrt. Die konservativen Kurienkardinäle favorisieren angeblich die zweite Lösung und auf dem Stuhl Petri den Brasilianer Odilo Pedro Scherer. Die Reformwilligen setzen auf den Italiener Angelo Scola, unterstützt von einem zweiten energischen Reformer als Regierungschef. Scherer begrüsste seine Gemeindemitglieder in der Kirche Sant'Andrea al Quirinale sogar mit Handschlag, offenbar die Volksnähe suchend. Aber dann entglitt ihm während der Kommunion eine geweihte Hostie, fiel zu Boden. Ein schlechtes Zeichen, findet man in Rom, wo sich abergläubische Überzeugungen auch nach zweitausendjähriger Kirchenpräsenz hartnäckig halten.

Auf jeden Fall wird der nächste Papst ein Römer sein, auch wenn er nicht in der Ewigen Stadt geboren ist. Schon deshalb verfolgen die Hauptstädter das Konklave «jenseits des Tiber» mit mindestens so viel Interesse wie die Anstrengungen für die Regierungsbildung in Italien: endlich mal wieder Nabel der Welt sein. Es ist ein historischer Zufall, dass die 63. Nachkriegsregierung entstehen soll, während der 265. Nachfolger Petri gewählt wird. Für die Kirche hat das keine Bedeutung, doch der greise italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano, der in der ehemaligen Sommerresidenz der Päpste auf dem Quirinal residiert, mag fast neidisch zum Vatikan hinüberblicken: Dort gelten feste Regeln; wenn ein Papst abtritt, kommt unweigerlich der nächste. Italien eine Regierung zu geben, ist viel, viel schwieriger.

Erstellt: 12.03.2013, 07:17 Uhr

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