Er könnte der Papst der Armen werden

Ein Papst aus Südamerika ist eine grandiose Überraschung. An Jorge Mario Bergoglio klebt aber der Vorwurf, einst mit der Junta kooperiert zu haben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine Riesensensation. Die römisch-katholische Kirche hat einen Südamerikaner als Papst. Das Kardinalskollegium hat damit ein grosses Zeichen gesetzt: Das Kirchenoberhaupt soll aus jenem Teil der Welt kommen, wo die meiste Katholiken leben. Der Papst soll jenen Teil der Welt repräsentieren, dem bis heute die Armen ein trauriges Gesicht geben. Dass Bergoglio diesem Zeichen der Kardinäle entsprechen will, könnte er mit des Wahl seines Papstnamens, Franziskus, nicht besser signalisieren. Franziskus war der Begründer des franziskanischen Bettelordens und verpflichtete seine Brüder zur Armut. Franziskus ist ohne Zweifel der populärste Heilige der Kirche. Und Bergoglio könnte ihm mit seinem Charisma eines guten Vaters nachfolgen. Vielleicht ist er wirklich der Mann, der die Kirche statt mit Strenge und Härte mit Liebe, con carità, leiten wird.

Bergoglio selber hat in Argentinien und Buenos Aires den Ruf eines Anwalts der Armen. Kraft seines neuen Amtes könnte er sehr viel für sein Volk und seinen Kontinent bewirken. Er könnte auf dessen politische Agenda vom Landlosen- bis hin zum Wasser-Problem zumindest indirekt Einfluss nehmen. Und zu einem neuen Bewusstsein beitragen, ganz so wie seinerzeit Papst Wojtyla die Befreiungsbewegung in Polen beflügelt hat. Zu den lateinamerikanischen Befreiungstheologen gehört Bergoglio freilich nicht, die hat Kardinal Joseph Ratzinger zum Schweigen gebracht. Der Erzbischof von Buenos Aires gehört vielmehr zu jener neuen Generation lateinamerikanischer Bischöfe, die sich für die Armen einsetzen, aber dezidiert auf einer «unideologischen, nicht marxistischen Basis». Ihr Kampf gilt der Unterentwicklung, nicht der Unterdrückung.

Kein Interesse für Verschwundene

Die Wahl des Argentiniers, der schon im Konklave von 2005 40 Stimmen erhalten hatte, sich dann aber zugunsten von Joseph Ratzinger zurückzog, ist aber auch aus einem anderen Grund erstaunlich, diesmal befremdlich. Ungeklärt ist bis heute, welche Rolle Bergoglio als Jesuitenoberer zur Zeit der Militärdiktatur (1976–1983) spielte. Wie der katholischen Kirche insgesamt wird auch Bergoglio vorgehalten, in jener Zeit mit der Junta kooperiert und sich nicht für die Verschwundenen interessiert zu haben. Vor allem das Schicksal linker Priester habe ihn und die Kirche kalt gelassen. Konkret wirft man ihm vor, an der Entführung zweier Priester durch das Militärregime beteiligt gewesen zu sein und von dessen systematischem Raub von Neugeborenen gewusst zu haben. Das alles wird wohl noch für viele Kontroversen sorgen. Und es wird ganz sicher nicht an Verteidigern fehlen, die erklären, Bergoglio habe im Gegenteil so manchen engagierten Priester vor der Verfolgung durch die Todesschwadronen gerettet.

Bergoglio ist zudem mit seinen 76 Jahren ziemlich alt, nur zwei Jahre jünger als Kardinal Ratzinger bei seiner Wahl. Und er ist dem Vernehmen nach nicht der Gesündeste. Dabei wartet wahrlich eine Herkules-Aufgabe auf ihn. Vor allem muss er, der die römische Kurie nicht gut kennt, in dieser Ordnung machen. Kaum im Amt, wird er sich mit dem 300-seitigen Bericht der Kardinalskommission befassen müssen, die in den letzten Monaten den Vatileakskandal untersuchte und Benedikt die Freude am Papstamt nahm. Nimmt er den Bericht ernst, muss er nicht nur eine sanfte Renovation der Kurie vornehmen, sondern sich entschieden von den Karrieristen und Intriganten am römischen Hofstaat trennen. Der sanfte Bergoglio muss sich einen starken und integren Kardinalstaatsekretär zur Seite stellen.

Das wäre dann aber nur der Anfang viel weitergehender Reformen mit dem Ziel, den Ortskirchen mehr Freiheit insbesondere bei den Bischofswahlen einzuräumen. Dass sein Vorgänger Benedikt XVI. quasi im Gartenhaus des Vatikans logiert, macht die Sache für Bergoglio keineswegs einfacher. Und die Freundschaft zweier lebender Päpste wäre ein absolutes Novum.

Erstellt: 13.03.2013, 22:01 Uhr

Michael Meier ist Journalist des Tages-Anzeigers und Vatikan-Kenner.

Artikel zum Thema

Franziskus – der erste Jesuit im Papstamt

Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien ist der neue Mann an der Spitze der katholischen Kirche. Als Erzbischof von Buenos Aires versagte sich der 76-Jährige viele hergebrachte Privilegien. Mehr...

Der neue Papst: Jorge Mario Bergoglio ist Franziskus

Weisser Rauch – die Kardinäle haben gewählt: Erstmals in der Geschichte wurde ein Lateinamerikaner zum Papst gewählt. Er hat sich nach dem heiligen Franz von Assisi benannt. Mehr...

Schwarzer Rauch – kein neuer Papst

Die 115 Kardinäle haben den ersten Papst-Wahlgang in der Sixtinischen Kapelle abgehalten. Sie konnten sich noch auf keinen Nachfolger von Benedikt XVI. einigen. Morgen wird die Wahl fortgesetzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Sweet Home Oh, Olive!

Tingler Der Zauber der Deduktion

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...