Franziskus – der erste Jesuit im Papstamt

Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien ist der neue Mann an der Spitze der katholischen Kirche. Als Erzbischof von Buenos Aires versagte sich der 76-Jährige viele hergebrachte Privilegien.

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Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist neuer Papst, und er nennt sich Franziskus. Mit seiner Namenswahl erinnert Bergoglio an den Heiligen Franz von Assisi, den Bettelmönch und Begründer des Franziskaner-Ordens. Bergoglio, bisher Erzbischof von Buenos Aires, hat fast seine ganze Karriere in Argentinien verbracht. Sein Leben lang lehrte und führte er Priester in Lateinamerika, wo heute die grösste katholische Gemeinde der Welt lebt. Bei der letzten Papstwahl 2005 soll der 76-jährige Argentinier nach Joseph Ratzinger die meisten Stimmen erhalten haben.

Gemäss Vatikan-Kennern hat Bergoglio sowohl politische Sensibilität als auch die Art von selbstloser Demut an den Tag gelegt, die Kardinäle schätzen. Bergoglio steht für die Modernisierung der argentinischen Kirche, die lange als die konservativste Lateinamerikas galt. Bescheidenheit und Intelligenz seien die herausragenden Charakterzüge von Bergoglio, erklärten zwei enge Mitarbeiter des neuen Papstes, der Provikar der Erzdiözese Buenos Aires, Eduardo García, und Alejandro Ruso. Seine Menschennähe und seine Aussagekraft über Gesten anstatt grosser Worte sowie seine Auffassung, die Kirche sei Gottesvolk und nicht nur Hierarchie, seien weitere Tugenden des neuen Pontifex. Bergoglio gilt als volksnaher Geistlicher. Die argentinische Bevölkerung verehrt ihn als «Kardinal der Armen». Papst Franziskus ist der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl.

Möglicherweise Papst einer Kehrtwende

Nach Expertenansicht ist die Wahl des Jesuiten zum Papst eine Kehrtwende. «Der Jesuitenordnen steht für eine Hinwendung zur Welt und wurde in den vergangenen Jahrzehnten vom Vatikan zurückgedrängt», sagte etwa der katholische Theologe Magnus Striet von der Universität Freiburg gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der Chef der Schweizer Jesuiten, Provinzial Christian Rutishauser, sieht in der Wahl seines Ordensbruders zum neuen Papst ein klares Zeichen für einen Neuanfang. Dies sei schon am Namen «Franziskus» abzulesen.

Der bisherige Erzbischof von Buenos Aires und Primas Argentiniens bevorzugt ein möglichst unauffälliges Auftreten in der Öffentlichkeit. So konnte er bereits als Kardinal öfters in der U-Bahn auf dem Weg in die Kathedrale an der Plaza de Mayo beobachtet werden. Auch in Rom geht er lieber in einem dunklen Mantel und ohne Kardinalshut. In den letzten Jahren kollidierte Bergoglio mehrfach mit den Regierungen von Néstor und Cristina Kirchner. Er kritisierte Korruption und Armut, ausserdem wandte er sich erfolglos gegen die Legalisierung der Homo-Ehe in Argentinien.

Sozialer Auftrag der Kirche steht über abgehobenen Glaubensdoktrinen

Ganz in der Tradition des heiligen Franziskus, der freiwillig in Armut lebte und einen Bettelorden gründete, versagte sich Bergoglio als Erzbischof viele hergebrachte Privilegien. So fuhr er oft mit dem Bus zur Arbeit, kochte selbst und besuchte regelmässig die Slums der argentinischen Hauptstadt.

Bergoglio hält den sozialen Auftrag der Kirche für wichtiger als die Schlacht um abgehobene Glaubensdoktrinen, wie langjährige Beobachter hervorheben. In der Vergangenheit bezichtigte er manche Kirchenobere der Heuchelei und erinnerte an das Vorbild Jesu Christi, der Aussätzige gebadet und mit Prostituierten gespeist habe.

Zu grosse Nähe zur Militärdiktatur?

Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Sein Vater war Bahnangestellter in der argentinischen Hauptstadt. Dort ging er auf eine technische Schule, die er als Chemie-Techniker absolvierte. Mit 21 Jahren ging er ins Priester-Seminar. Anschliessend trat er dem Jesuitenorden bei. Er promovierte in Deutschland. Nach seiner Priesterweihe 1969 folgte Bergoglio Theologiestudien und wurde 1973-1979 zum Provinzial des Jesuitenordens berufen.

In diesen schwierigen Jahren Argentiniens, in denen nach sozialer Aufruhr das Militär die Staatsmacht übernahm, führte Bergoglio mit Strenge seine Ordensbrüder in strikt religiöse Aufgaben zurück. Menschenrechtskreise werfen ihm vor, während der Zeit der Militärdiktatur (1976-1983) eine zu grosse Nähe zu den herrschenden Militärs gehabt zu haben. Dies hat der neue Papst stets bestritten.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen sda, dapd und afp.

Erstellt: 13.03.2013, 20:26 Uhr

Freude in Buenos Aires: Argentinien feiert den neuen Papst. (Video: Reuters )

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Der Jesuitenorden

Intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche

Der Spanier Ignatius von Loyola gründete 1534 die «Societas Jesu» (Gesellschaft Jesu). Hauptanliegen des Jesuitenordens war die innere Erneuerung der katholischen Kirche und ihrer Geistlichen. Dem dienen die «Geistlichen Übungen», 30-tägige Exerzitien in grosser Stille zur Einführung in die Glaubensgeheimnisse.
Im Unterschied zu anderen Orden verzichten die Jesuiten auf eine eigene Ordenstracht; sie leben auch nicht zurückgezogen im Kloster, sondern unterrichten zum Beispiel an Hochschulen. Die Jesuiten gelten als intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche und sind bekannt für anspruchsvolle Predigten.
Bildung, Missionierung, Spiritualität und Sorge um die Armen gehören zu den Aufgaben des Ordens, der an seine Mitglieder hohe Anforderungen stellt: Jesuiten absolvieren eine theologische und philosophische Ausbildung.
In der Gegenreformation spielten die Jesuiten eine wichtige Rolle. Sie gründeten zahlreiche Ordenshäuser in protestantisch gewordenen Regionen. Der Jesuitenorden wurde mehrfach verboten - vielen Herrschern war er zu mächtig geworden. Im Deutschen Reich etwa wurden die Jesuiten ab 1872 als Reichsfeinde verfolgt.
Innerkirchlich wurde der Orden in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem deshalb zurückgedrängt, weil er sich für eine politisch offensivere Armutsbekämpfung einsetzte.
Zu den bekanntesten Jesuiten des 20. Jahrhunderts gehören der Konzilstheologe Karl Rahner und Hugo Lassalle. Letzterer wollte den Zen-Buddhismus mit der christlichen Mystik verbinden. (vin/sda)

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