Interview

«Johannes Paul II. hatte einen grossen Einfluss auf die Politik»

Kann der Papst das Weltgeschehen beeinflussen? Ja, sagt Geschichtsprofessorin Claudia Zey. Je nachdem, wie politisch er sein Amt versteht.

Der eine bewegte, der andere könnte bewegen: Papst Johannes Paul II. und Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus.

Der eine bewegte, der andere könnte bewegen: Papst Johannes Paul II. und Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus. Bild: Keystone

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Die Papstwahl als Popevent: Viele verfolgten sie gespannt, obwohl es für ihren Alltag keine Rolle spielt, ob es überhaupt einen Papst gibt. Wie sehen Sie das?
Ob es für das alltägliche Leben eine geringe oder keine Rolle spielt, hängt stark damit zusammen, wie gläubig die Menschen sind. Wenn es um die grossen Kirchenfragen geht, die auch die Gemeinden bewegen, also den Umgang mit den Laien, den Frauen, Zölibatsfragen, dann spielt es eine Rolle, ob es einen Papst gibt und wer dieser Papst ist. Für die Kirche spielt es sicher eine Rolle, denn die katholische Kirchenverfassung ist absolut hierarchisch aufgebaut und braucht diesen Monarchen an der Spitze, um überhaupt funktionieren zu können.

Wie gross ist der Einfluss eines Papstes auf das Weltgeschehen überhaupt?
Das kommt sicher darauf an, wie ein Papst sein Amt versteht, also ob er es auch politisch versteht. Papst Johannes Paul II. hatte mit dem, was er in Polen bewegt hat, einen grossen Einfluss auf die Politik. Andere Päpste, die sich eher zurückhielten, spielten eine geringere Rolle. Man darf aber nicht unterschätzen, dass die Vermittlerrolle des Papsttums immer noch eine sehr grosse ist. Beim Irakkrieg war der erste Vermittler, der sich einschaltete, um diesen Konflikt beizulegen, ein päpstlicher. Es spielt sich vieles im Hintergrund ab. Was man heute nicht mehr so im Vordergrund sieht, ist der ganze Apparat, weil der Papst selbst medial sehr präsent ist. In der Geschichte war das mal anders. Die päpstlichen Gesandten im Mittelalter waren das Gesicht des Papstes in der Welt.

Papst Johannes Paul II. geht wohl als Papst in die Geschichte ein, der die Reformen in Polen beflügelte. Er wird gar mit dem Fall der Mauer in Verbindung gebracht. War er der Papst, der am meisten bewegt hat?
Was Johannes XXIII. und Paul VI. mit dem zweiten Vatikanum für die Kirche bewegt haben, ist auf der gleichen Stufe anzuordnen. Viel von dem, was geschichtlich passiert ist, verblasst in seiner Tragweite. Johannes Paul II. ist uns immer noch sehr präsent. Tendenziell hat jemand, der eine lange Amtszeit hatte, mehr Möglichkeiten, etwas zu bewegen. Mit einer Amtszeit von 26 Jahren war das bei Johannes Paul II. der Fall.

Wo sind die Grenzen des päpstlichen Einflusses?
Das hängt damit zusammen, wie stark der Einfluss der katholischen Kirche in den Ländern ist. Würde sich der neue Papst in Argentinien einschalten wollen, dann wird er sicherlich grössere Chancen haben. In anderen Ländern, in denen der katholische Anteil gering ist, ist auch der Einfluss gering. Es gibt dann ja keinen Bevölkerungsdruck. Nicht zuletzt deshalb halten sich Päpste zurück und beschränken sich auf Grundsatzäusserungen, die auf der Linie ihres Glaubens liegen. Das kann aber auch Folgen haben, wenn es um Themen wie Kondome oder die Pille danach geht. Die Beschränkung auf allgemeine Äusserungen muss man auch als politische Entscheidungen werten.

2008 sprach Papst Benedikt vor der UNO in New York, es wurde als historischer Moment bejubelt. Doch passiert ist nichts. Oder doch?
Sicher spielt die mediale Präsenz eine grosse Rolle. Wenn der Papst vor der UNO spricht, ist es ein Ereignis. Die Tragweite dieses Ereignisses hängt stark mit dem Inhalt zusammen und damit, inwieweit die Person, die dieses Amt verkörpert als Einflussnehmer auf die UNO vorgesehen ist. Für die Geschäfte der UNO spielt die Rede des Papstes vorderhand keine Rolle. Was hinter den Kulissen läuft, also inwieweit die Kurie als Vermittlungsinstanz eingeschaltet wird, ist eine andere Frage. Friedensstiftung ist ein Kontinuum in der Papstgeschichte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2013, 18:16 Uhr

«Es spielt sich vieles im Hintergrund ab»: Claudia Zey, Geschichtsprofessorin an der Universität Zürich.

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