Hintergrund

Mensch Franziskus

Er liebt Tango und Fussball und war verlobt: Was den jungen Jorge Mario Bergoglio umtrieb, warum er Deutsch spricht und wieso er einen Lungenflügel verlor.

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Mit 21 Jahren erlitt Jorge Mario Bergoglio eine schwere Krankheit, mehrere Tage machte er Todesängste durch. «Was passiert mit mir?», fragte der junge Mann seine ratlose Mutter. Die Ärzte diagnostizierten schliesslich eine schwere Lungenentzündung. Die Erkrankung war derart gravierend, dass Bergoglio der rechte Lungenflügel wegoperiert werden musste. Das gesundheitliche Drama des jungen Bergoglio schildert die italienische Journalistin Francesca Ambrogetti in der Biografie «Der Jesuit», die in den Jahren 2007 bis 2010 aufgrund von Interviews mit dem heutigen Papst Franziskus entstand. Seit dem schweren Lungenleiden vor 55 Jahren ist Bergoglio für eine besonders disziplinierte und gesunde Lebensführung bekannt.

Noch prägender für das weitere Leben von Bergoglio war allerdings der Entscheid, Priester zu werden. Zuvor hatte der gelernte Chemiker ein ganz normales Leben geführt. Wie seine Biografin Ambrogetti schreibt, verbrachte Bergoglio seine Freizeit mit Freunden. Er mochte es sehr, Tango zu tanzen. Von seiner Mutter erlernte er die Kunst des Kochens. Und Bergoglio hatte eine Verlobte, bevor er zur religiösen Berufung fand. Zuvor soll Bergoglio im Beichtstuhl der Kirche San José in Flores, einem Stadtviertel von Buenos Aires, eine göttliche Offenbarung erlebt haben.

Franziskus spricht auch piemontesischen Dialekt

Mit 22 Jahren trat Bergoglio dem Jesuitenorden bei und studierte sowohl Philosophie als auch Theologie. Seine Studien machte er in Chile und Deutschland. Darum spricht Papst Franziskus – neben fünf anderen Sprachen – auch Deutsch. Das Sakrament der Priesterweihe empfing Bergoglio im Jahr 1969. Von 1973 bis 1979, in den schwierigen Jahren des Neoperonismus und der dramatischen Zeit der Militärdiktatur, leitete er als Provinzial den Jesuitenorden in seinem Land und war von 1980 bis 1986 Rektor der theologischen Fakultät von San Miguel in Buenos Aires. Die Stadt, in der er am 17. Dezember 1936 zur Welt gekommen war. Die Rolle des neues Papstes während der Militärdiktatur in Argentinien wirft bis heute Fragen auf.

Papst Franziskus entstammt einer italienischen Einwandererfamilie, die sich wie viele andere Millionen Italiener am Rio de la Plata niedergelassen hatte. Sein Vater, Mario José, dessen Eltern aus Turin gekommen waren, arbeitete als einfacher Angestellter bei den englischen Eisenbahnen. Die Mutter, Regina Maria Sivori, war Hausfrau. Der neue Papst wurde mit vier Geschwistern gross. Gemäss italienischen Medienberichten spricht Bergoglio auch ganz gut den piemontesischen Dialekt. Bis heute hat Bergoglio nicht nur die argentinische, sondern auch die italienische Staatsangehörigkeit.

Literatur und Fussball sind seine Leidenschaften

Eine der persönlichen Leidenschaften des neuen Papstes ist die Lektüre berühmter Literaturklassiker, wie etwa der Werke von Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi. Unter den argentinischen Schriftstellern mag er vor allem Jorge Luis Borges. Begeistern lässt er sich auch von den Gedichten des deutschen Lyrikers Friedrich Hölderlin. Eine weitere grosse Leidenschaft von Papst Franziskus ist der Fussball. Er ist bekennender Anhänger des argentinischen Erstligisten San Lorenzo de Almagro. Seit fünf Jahren ist er – unter der Nummer 88235N/0 – einfaches Mitglied des Clubs aus Buenos Aires.

Der bisherige Erzbischof von Buenos Aires ist seit seiner Kindheit Fan von San Lorenzo. Sein Vater spielte Basketball im Verein, der in Boedo, nicht weit von dem Familienhaus im Stadtteil Flores, seinen Sitz hatte. Der neue Papst erwähnte vor einigen Jahren, dass er als Neunjähriger 1946 kein Spiel der Mannschaft verpasste, die in der damaligen Saison ihren dritten Meistertitel gewann. Als Erzbischof und Kardinal feierte Bergoglio 2008 eine Messe zum 100. Jahrestag des Vereins. Das Team und die Fans des von einem Salesianer gegründeten Klubs werden «santos» (Heilige) genannt.

Bergoglio hat nicht nur über den in Argentinien sehr populären Fussballsport den Zugang zu den Menschen gefunden. Er gilt als Mann, der die Nähe zum Volk sucht und im persönlichen Umgang sehr liebenswürdig ist. Bergoglio wird von der argentinischen Bevölkerung als «Kardinal der Armen» verehrt. Bekannt ist der 76-Jährige auch für seinen einfachen Lebensstil. Dazu passt, dass er bei seinen Reisen nach Rom gern inkognito unterwegs war, in einfacher Soutane, sodass man ihn nicht als Erzbischof erkannte. Seit der Wahl zum 266. Pontifex steht Franziskus aber im Rampenlicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2013, 13:49 Uhr

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