Russland ist verloren

Weshalb Putin eine Mehrheit hat und sich der Westen eine unangenehme Frage stellen muss.

Manipulationsverdacht: Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, wie Wahlhelfer in Moskau massenhaft Stimmzettel in eine Urne stopfen. (Video: Tamedia/AFP)

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Im Wahlresultat spiegelten sich die Krim und die Sanktionen gegen Russland, sagt ein Experte am russischen Fernsehen, als die ersten Ergebnisse der Präsidentenwahl Wladimir Putin bei über 70 Prozent der Stimmen zeigen – deutlich über dem Ergebnis vor sechs Jahren. Man kann diese Zahlen natürlich anzweifeln. Es gab Wahlmanipulationen. Manche Wähler wurden mit viel Fantasie an die Urne gelockt oder einfach mit Drohungen dahin geprügelt. Der Wahlkampf war unfair, die sieben Gegenkandidaten kamen kaum zu Wort, während die Auftritte Putins bis ins Detail choreografiert waren. Und dennoch muss man eingestehen: Der Mann hat eine Mehrheit.

«Ich bin für Putin, denn ohne ihn war Russland ein Nichts», begründet eine Russin ihre Wahl. Lieber will man in der Welt gefürchtet werden, als gar nicht zu zählen. Und die endlose Reihe von Vorwürfen an die Adresse Moskaus hat dieses Gefühl gut bedient. Ob Russland sich schuldig gemacht hat, indem es sich in den US-Wahlkampf einmischte oder Gift aus seinen Chemiewaffenbeständen nach London schickte, spielt für die meisten Russen keine Rolle mehr. Sie glauben dem Westen kein Wort mehr. Was man in Europa und den USA für die Wahrheit hält, ist für sie einfach hysterische, antirussische Propaganda.

Der Westen muss sich die unbequeme Frage gefallen lassen, ob er nicht mit dazu beigetragen hat, die Reihen zu schliessen. Auch Russen, die keineswegs zu den Putin-Fans gehören, fühlen sich vor den Kopf gestossen, wenn ihr Land pauschal für alles und jedes Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird. Dem Kreml spielen die westlichen Tiraden in die Hände: Russland wird angegriffen, es darf sich keine Blösse geben, muss aufrüsten und kann keine Reformen beginnen.

Putin entfernt sich seit der Annexion der Krim mit jedem Jahr weiter von Europa. Nun droht er offen mit irgendwelchen Superwaffen, und es gehen Gerüchte, dass Russland aus dem Europarat austreten und die Europäische Menschenrechtskonvention kündigen werde. Der Westen verhängt eine Sanktion nach der anderen, doch das sind nur hilflose Gesten. In Tat und Wahrheit hat man keinerlei Einflussmöglichkeit mehr. Der Westen hat Russland längst verloren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2018, 21:08 Uhr

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