Glock 17 – die «Todesmaschine»

Die Pistole ist leicht und einfach zu bedienen. Für normale Bürger ist es fast unmöglich, in ihren Besitz zu kommen. Der Täter von München fand einen Weg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aus dem Werbekatalog eines Online-Versandes: «Wegen ihrer unübertroffenen Zuverlässigkeit, der überdurchschnittlichen Magazinkapazität von 17 Schuss im Standardmagazin und ihrem geringen Gewicht gilt dieses Modell als die meistbenutzte Behördenpistole der Welt.» Gemeint ist die Glock 17, jener Typ von Pistole, mit welcher der Amokläufer von München um sich schoss. Der Anbieter rühmt weiterhin das «revolutionäre ‹Safe Action›-Abzugssystem». Kundenbewertung des Portals: 4,8 von fünf Sternen. Zu haben ist die Waffe für «689 Euro zuzüglich Versand».

Eine verstörende Lektüre, zumal nach der Münchner Schreckensnacht. Kann man Waffen einfach so legal im Netz kaufen? Nein, auch David S. hat das nicht getan. Nur Besitzer von richtigen Waffenscheinen sind dazu berechtigt und müssen ihre Legitimation auch online nachweisen. In Deutschland darf niemand, der keinen solchen Waffenschein hat, eine scharfe Schusswaffe besitzen.

Die Bundesregierung behauptet daher, hierzulande gelte ein besonders scharfes Waffengesetz. In der Theorie ist das richtig: Für normale Bürger ist es fast unmöglich, legal in den Besitz einer Glock 17 oder ähnlicher Waffen zu kommen. Ausnahmen sind, neben Polizeibeamten, Spezialberufe wie Jäger oder Menschen, die zum Selbstschutz eine Pistole tragen dürfen; das sind allerdings nur einige Tausend Personen.

Sechs Millionen legale Waffenbesitze

In der Praxis aber gibt es ein grosses Einfallstor: Sportschützen dürfen unter geringen Auflagen scharfe Schusswaffen erwerben, nach Schätzungen und Zahlen des Nationalen Waffenregisters sind daher bis zu sechs Millionen dieser Waffen legal in privater Hand. Die Schützenvereine bilden eine machtvolle Lobby, sind fast in jedem Dorf verankert, und so erstaunt es nicht, dass viele Politiker nach Amokläufen, bei denen Waffen von Sportschützen eingesetzt wurden, rasch verkünden, man dürfe die Sportschützen «nicht unter Generalverdacht stellen». Der Deutsche Schützenbund zählt gut 1,4 Millionen Mitglieder.

Statistisch gesehen wird mit Waffen der Sportschützen Missbrauch nur im Promillebereich verübt. Das hilft den Opfern von Winnenden (16 Tote, 2009), Erfurt (17 Tote, 2002) oder Bad Reichenhall (fünf Tote, 1999) freilich nicht: In diesen und anderen Fällen waren die jungen Täter Angehörige von Sportschützen und schossen mit deren Waffen oder waren, wie Robert Steinhäuser in Erfurt, selbst Sportschützen.

Offenbar hat sich David S. seine Glock illegal verschafft. Dazu gehört in Deutschland einige kriminelle Energie. Dubiose Märkte wie in Osteuropa, wo schnell mal eine Schusswaffe weitergereicht wird, gibt es praktisch nicht. Waffenhandel läuft über kriminelle Banden, man muss, salopp gesagt, jemanden aus dem Milieu kennen oder empfohlen bekommen.

«Darknet» - Das Portal zur Illegalität

Der zweite Weg ist das Internet jenseits der legalen Vertriebswege für Waffenbesitzer oder Plattformen wie Ebay, die derlei Angebote untersagen und ausserdem kontrolliert werden. Das Problem sind kriminelle, nur Eingeweihten zugängliche Webseiten, verkürzt als «Darknet» bezeichnet. Hier werden immer wieder auch Waffen verkauft. Im Umlauf sind auch gebrauchsunfähig gemachte Waffen, die ein Tüftler wieder scharf gemacht hat. Trotz erheblichen Fahndungsdrucks bleibt das Netz eine Börse für verbrecherische Geschäfte.

Steinhäuser in Erfurt 2002 und der norwegische Massenmörder Anders Breivik 2011 wie auch weitere Amokläufer schossen mit der Glock 17, einem Produkt des österreichischen Waffenherstellers Glock. Leider bietet diese halbautomatische Waffe auch Kriminellen und Amokschützen Vorteile: Sie ist leicht zu handhaben, sie neigt nicht zu Ladehemmungen und wiegt wegen des hohen Kunststoffanteils nicht viel; vor allem aber lassen sich mit einer einzigen Magazinladung 17 Patronen des Kalibers 9 Millimeter verschiessen, ohne dass der Schütze nachladen muss.

Der Abzug ist ungewöhnlich leicht zu drücken, so dass der Schütze weniger Training benötigt als bei herkömmlichen Pistolen. Kein Wunder, dass Waffenkritiker in den USA der Glock 17 bezeichnende Beinamen gaben: «Todesmaschine» oder «Terrorpistole».

Ein Artikel der «Süddeutschen Zeitung». (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 25.07.2016, 08:52 Uhr

Artikel zum Thema

Selbst ernannte Rächer

Analyse Amokläufer sind nicht aus ihrer Biografie zu begreifen, sondern über die Fiktionen, die sie leben. Oft sind sie gar nicht so einsam oder verfolgt, wie sie sich inszenieren Mehr...

«Die Täter dürfen nicht heroisch wirken»

Terroranschläge können Amokläufer zum Losschlagen bewegen, sagt Psychologe Peter Langman, der über Amokschützen forscht. Mehr...

Polizei verhaftet Freund des Münchner Amokläufers

Wegen des Verdachts «der Nichtanzeige einer geplanten Straftat» hat die Polizei im Zusammenhang mit dem Amoklauf vom Freitag einen Jugendlichen festgenommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...