Selbst ernannte Rächer

Amokläufer sind nicht aus ihrer Biografie zu begreifen, sondern über die Fiktionen, die sie leben. Oft sind sie gar nicht so einsam oder verfolgt, wie sie sich inszenieren

Eine Privataufnahme von David S. aus dem Jahr 2015

Eine Privataufnahme von David S. aus dem Jahr 2015 Bild: oh

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Wie jeder junge Mann im Alter von 18 Jahren wollte auch David S. herausfinden, wer er ist. Andere lesen Teeniehefte oder die Romane von Janne Teller. David S. las «Amok im Kopf», ein Buch des US-Psychologen Peter Langman, das 2009 unter dem Originaltitel «Why Kids Kill» erschienen war und von Amok­läufern an amerikanischen Schulen handelt. Jetzt, nachdem David S. in einem Münchner Einkaufszentrum neun Menschen erschossen und viele weitere verletzt hat, hat die Polizei das Buch in ­seinem Zimmer gefunden.

Man könnte zynischerweise sagen, David S. habe eine gute Wahl getroffen. Das Buch, das zehn junge Attentäter porträtiert, ist zu einem Standardwerk geworden für alle, die sich mit Amok beschäftigen. Langman beschreibt darin die Muster, in denen sich viele dieser Gewalttaten gleichen, und klassifiziert die Amokläufer nach der Art und dem Grad ihrer psychischen Störung. Und doch beharrt er auf dem schwarzen Fleck, der undurchdringbar im Zentrum des Amokphänomens besteht. «Es gibt keine Gleichung: A + B + C = Amokläufer», schreibt Langman. «Das Thema ist zu kompliziert, und es gibt einfach zu ­vieles, das wir nicht wissen.»

Trainieren mit Ballerspielen

Das ist nicht so banal, wie es klingt. Denn nur allzu leicht verfällt den gängigen Klischees, wer Amok erklären will. Ja, David S. war wie die meisten jugendlichen Attentäter depressiv. Auch er spielte Ego-Shooter-Games und erklärte, er sei über Jahre gemobbt worden. Doch treffen alle drei Faktoren auf sehr viele Teenager zu, und die allerwenigsten reagieren mit einem Gewaltexzess. Richtig ist aber, dass Attentäter mit Ballerspielen am Computer für den Amoklauf trainieren; genauso, wie sie auch entlegene Wälder oder Kiesgruben aufsuchen, um dort, ganz allein, aber umso obsessiver, Schiessen zu üben.

Und dass sich fast alle dieser Täter einsam und ausgestossen fühlten, heisst nicht, dass sie das auch waren. Eric Harris und Dylan Klebold etwa, die 1999 an der Columbine High School in den USA dreizehn Menschen und sich selber töteten, waren gut integriert in ihrer Schule und engagierten sich etwa in der Filmklasse oder bei Theateraufführungen – was sie aber nicht daran hinderte, in ihren Tage- und Notizbüchern auf existenzieller Einsamkeit zu bestehen. «Nur einer dieser zehn Attentäter war ein Einzelgänger», schreibt Peter Langman in seinem Buch: «Alle anderen hatten wohl nicht den sozialen Status, den sie sich wünschten, aber sie waren keineswegs allein.»

Amokläufer können also nur unzureichend auf Basis ihrer Biografie begriffen werden. Wohl entscheidender sind die Fiktionen, in denen sie lebten. Der deutsche Medienwissenschaftler Heiko Christians spricht von einer «Selbstprogrammierung», die die Attentäter an sich vornehmen: «Sie treten in eine fiktionale Welt ein, die sie irgendwann nicht mehr verlassen wollen oder können», schreibt er in «Amok», seiner umfassenden Studie über das Phänomen. Und: «Man wird eine Kunstfigur, modelliert sich neu nach dem Vorbild populärer Helden und übt sich in einer zuerst nur internen, monologischen Hassrede.» Und zwar so lange, bis sich das Selbstverständnis als «gnadenloser Krieger für ein letztes Gefecht» einstelle.

Er hatte keine Fiktion und keine Ideologie mehr gebraucht, um sich zum Amokläufer zu programmieren, nur Artikel und Bücher über Amokläufer.  

Diese Phase, in der die Attentäter sich selbst mit einer kriegerischen oder sogar messianischen Identität überschreiben, kann Wochen oder Monate dauern. Dass sich auch David S. in München seit einem Jahr akribisch vorbereitete, ist nicht erstaunlich. Während sie nach aussen die Fassade eines freundlichen und funktionstüchtigen Schülers oder Bürgers aufrechterhalten, verkapseln sich Amokläufer in einer hermetischen Welt. In dieser Kulisse verengen sie ihr Weltbild, üben das Schiessen und entwerfen ihre Kampfpläne und Kostüme, ihre hasserfüllten Manifeste und Mediendossiers. Nur, um am Tag X daraus hervorzuspringen, auf die «Bühne» eines Schulhofs oder Einkaufszentrums, zum Morden bereit.

Kostüme der Kunstfiguren

Sie gleichen sich, diese aggressiven, selbstmitleidigen, narzisstischen Rächerfiguren, die selbst ernannt über zufällig anwesende Menschen richten. Und doch sind die Kostüme ihrer Kunstfiguren so verschieden wie bunt; je nachdem, welche Bücher und Games, welche Historien und Ideologien sie in den langen Wochen und Monaten konsumierten, in denen sie sich als Helden neu erfanden. Anders Breivik trat schliesslich als Kreuzritter auf, James Holmes als Batman, und gleich als allerhöchste Instanz sah sich Eric Harris, der für «Doom», sein Lieblingsgame, eine Waffe programmierte, die er «Gottes Kanone» nannte.

Augenzeugen: David S. zieht die Waffe und feuert los (Video: TA).

Wie die Beispiele zeigen, ist die Kulisse, aus der diese Attentäter auftreten, oft irritierend vertraut: Die «Batman»-Filme sind genauso Mainstream wie beliebte Ballerspiele oder die Islamfeindlichkeit bei Anders Breivik. Aber die Kulisse ist eben nur die Kulisse. Wie die Attentate in Nizza und Würzburg in den letzten Wochen gezeigt haben, gelingt es mittlerweile dem Islamischen Staat ganz gut, amoknahe Psychen in seine Terrorstrategie einzuspannen. Und wie jetzt bei David S. sichtbar wird, kann die «Kunstfigur» oder der «populäre Held», mit dem sich ein Amokläufer identifiziert, auch einfach ein anderer Amokläufer sein.

Ikonen des Amokgenres

Das Attentat von Eric Harris und Dylan Klebold wurde 1999 nicht nur darum zum bekanntesten seiner Art, weil dabei so viele Menschen starben; sondern auch, weil es davon im damals noch jungen Internet schon bald laufende Bilder zu sehen gab. Die verzerrten Überwachungsbilder aus der Schulcaféteria wurden, wenn man so sagen darf, zu Ikonen des Amokgenres. Ein paar Jahre später, am 22. Juli 2011, wusste Anders Breivik bereits, wie «inspirierend» sein Anschlag auf Utoya auf potenzielle Nachahmer wirken würde, und ergänzte sein Manifest durch eine detaillierte An­leitung zum Amoklauf.

Auf den Tag genau fünf Jahre danach machte sich der 18-jährige David S. auf, um sich vor einem Fast-Food-Lokal in München sein mieses Leben von der Seele zu schiessen. Er hatte keine Fiktion und keine Ideologie mehr gebraucht, um sich zum Amokläufer zu programmieren, nur Artikel und Bücher über Amokläufer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.07.2016, 21:20 Uhr

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