Der schönste Abend wurde zum grössten Albtraum

Der Bombenanschlag in Manchester zielte auf Kinder und Jugendliche, die voller Freude an das Konzert ihres Idols pilgerten.

Trauernde und schockierte Menschen an einer Mahnwache auf dem Albert Square in Manchester (23. Mai).

Trauernde und schockierte Menschen an einer Mahnwache auf dem Albert Square in Manchester (23. Mai). Bild: AP Photo/Kirsty Wigglesworth

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Am bedrückendsten waren letztlich die Suchanzeigen. Die nackte Angst, die Verzweiflung, die aus diesen Appellen sprachen. Per elektronischen Steckbriefen, denen Bilder der Gesuchten beigefügt waren, fahndeten Eltern und Freunde am Dienstagmorgen nach Besuchern jenes Popkonzerts in Manchesters, das so katastrophal geendet hatte. Ob denn nicht um Himmels willen jemand ihr Kind gesehen habe, fragten Väter und Mütter, die in ihren Tweets um ein erlösendes Wort geradezu bettelten. Ihnen selbst fehle von den Gesuchten jede Spur.

Das war, nachdem die Polizei in der Nacht auf Dienstag bestätigt hatte, dass mindestens 22 meist junge Leute ums Leben gekommen seien, beim Bombenanschlag auf die Manchester Arena am Vorabend. Wie sich später heraus stellte, waren zwölf der über 50 Verletzten des Anschlags unter 16 Jahren alt.

«Mein Freund Martyn war bei diesem Arena-Konzert, hat aber seither nichts von sich hören lassen», klagte dessen Freundin Christina. Courtney Boyle wurde von ihrer Mutter Deborah vermisst gemeldet: «Sie muss doch sicher nach Hause kommen!» Auch von Courtneys Partner Philip fehlte jedes Lebenszeichen, am Morgen nach dem Konzert.

Dem Zusammenbruch nah, appellierte Charlotte Campbell live an die Zuschauer des Frühstücksprogramms der BBC, doch «bitte, bitte» ihre 15-jährige Tochter Olivia zu finden. In ihrem bescheidenen Garten hinterm Haus hielt die Mutter ein Foto ihrer Tochter im roten Kleid in die Kamera: «Sie war bei dem Konzert.»

Video - Augenzeugen schildern die Momente nach der Explosion

Bei einem Konzert der US-Sängerin Ariana Grande sprengt sich ein Selbstmord-Attentäter in die Luft. (Quelle: Tamedia/sda)

Nach dem Vorprogramm noch habe Olivia ihr getextet, wie phantastisch die Vorstellung sei und wie froh sie sei, dass sie nach Manchester habe fahren dürfen, sagte Charlotte Campbell. «Jetzt ist nichts mehr von ihr zu hören. Ihr Telefon ist tot.»

Auch fernab Manchesters, auf den schottischen Hebriden, schauten sich Eltern bestürzt an. Dort wurden zwei Freundinnen von den Inseln, Laura MacIntyre (15) und Eilidh MacLeod (14), vermisst. Der Unterhaus-Abgeordnete für Schottlands westliche Inseln, Angus MacNeil, dessen Tochter mit den Mädchen gut befreundet war, erklärte betroffen, er könne «nicht mal annähernd ermessen», wie den Eltern der beiden zumute sei.

Anderswo wurde fieberhaft nach der kleinen Saffie Rose Roussos gefahndet. Die Achtjährige war mit ihrer grossen Schwester zum Konzert gereist und in den Tumulten am Ende offenbar verloren gegangen. Denn just als das Konzert zu Ende war und im Saal das Licht anging, brach in der Manchester Arena die grosse Panik aus.

Schreiende Kinder, panische Teenager

Die weiter weg waren vom Foyer, von der Detonation der Bombe, glaubten anfangs noch, ein riesiger rosaroter Luftballon sei geplatzt, oder die Lautsprecheranlage sei in die Luft gegangen. Die sich näher am Tatort befanden, begriffen aber schnell, dass sie es mit einer horrenden Terror-Attacke zu tun hatten.

Blutende Teenager schwankten panisch durch die Ausgangstüren, über die Leichen Gleichaltriger hinweg, die am Boden lagen. Bombensplitter und Metallbolzen fanden sich weithin verstreut im Eingangsbereich. Eltern, die ihre Spösslinge nach dem Konzert in Empfang nehmen wollten, gerieten ihrerseits in Panik, als die schreienden Kinder aus dem Saal gelaufen kamen. Ein rosaroter Luftballon war an diesem Chaos nicht schuld.

Bildstrecke - Terror am Konzert in Manchester

Fast ein Wunder war es, dass die Fliehenden einander nicht zu Tode trampelten. Die Manchester Arena, mit einem Fassungsvermögen von 21.000 Besuchern eine der grössten Veranstaltungshallen in ganz Europa, war für diesen Abend ausverkauft. Star der Veranstaltung war die selbst erst 23-jährige US-Sängerin Ariana Grande, für die sich ein riesiger Pulk jüngerer und jüngster Popfans im Vereinigten Königreich begeistert.

Für Donnerstag und Freitag dieser Woche waren Auftritte der fröhlichen Amerikanerin in der Londoner O2-Halle, dem Millenium Dome an der Themse, vorgesehen. Ob es dazu kommen wird, ist nun dahin gestellt. Ariana Grande zeigte sich, als die grausamen Fakten im Laufe der Nacht nach und nach deutlich wurden, zutiefst bestürzt über den Anschlag, der sich ihren Auftritt zum Ziel genommen hatte. Sie sei «am Boden zerstört», erklärte sie ihrer Fan-Gemeinde: «Das tut mir entsetzlich, entsetzlich leid.

«Ein Alptraum»

Das zarte Alter ihrer Anhänger erklärte die hohe Rate an jungen Opfern, beim Bombenanschlag von Manchester. Während Rettungswagen in langen Konvois und mit Sirenengeheul und Blaulicht durchs Dunkel der Nacht zur Manchester Arena rasten, suchte die Polizei ein immer weiteres Gelände um die Arena herum abzusperren und sich Klarheit über die Lage zu verschaffen.

400 Polizisten waren in der Nacht auf Dienstag bereits im Einsatz. Die über 50 Verletzten wurden auf acht verschiedene Krankenhäuser der Stadt verteilt. Augenzeugen sprachen später von «blutüberströmten Opfern», von «Rauch im Foyer» und davon, dass «wir alle komplett durchdrehten». «Ein Albtraum» sei das Ganze gewesen, sagte ein Besucher: «Wir rannten Hals über Kopf ins Freie. Mir tun die furchtbar leid, die nicht davon gekommen sind.»

Recht schnell gelangte die Polizei zum Schluss, dass der Anschlag von einer einzelnen Person verübt worden war - und zwar von einem Mann mit Hilfe einer «improvisierten Bombenvorrichtung», also möglicherweise mit einem Selbstmord-Gürtel oder einem Rucksack voller Sprengstoff. «Unsere Priorität ist es jetzt, herauszufinden, ob der Mann allein gehandelt hat oder Teil eines grösseren Netzes ist.»

Der Bombenleger sei bei seinem Anschlag jedenfalls auch in der Arena ums Leben gekommen, meldete das Polizeipräsidium. Identifiziert hatten die Beamten den Täter am Dienstag bereits, wollten aber zu seiner Person vorerst noch nichts sagen. Mehrere andere Personen seien im Zusammenhang mit der Tat verhaftet worden, wurde am Nachmittag gemeldet. Um weitere Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde auch zur Identität dieser Verhafteten zunächst nichts bekannt.

Zusätzliche Empörung, weil es um Kinder ging

Vorsorglich meldete sich schon am Dienstagmorgen der Moslemische Rat Grossbritanniens zu Wort - und verurteilte den Anschlag als «entsetzlich» und als «ein Verbrechen». «Mögen die Urheber das volle Gewicht der Rechtsprechung in diesem und im nächsten Leben zu spüren bekommen», erklärte Harun Khan, der Generalsekretär des Rats.

Viele Briten haben nicht nur mit Sorge jüngste Anschläge auf dem Kontinent verfolgt und über den bizarren Anschlag eines islamistischen Einzelgängers vom März in Westminster gerätselt, der vier Menschen das Leben kostete. Sie fühlen sich auch erinnert an das Londoner Kings-Cross-Attentat von 2005, bei dem 52 Menschen getötet wurden. Das löste damals Katastrophenstimmung, grimmige Reaktionen und Hasskundgebungen gegen britische Moslems aus.

Die Bluttat dieser Woche in Manchester war jedenfalls die schlimmste seit damals auf den Britischen Inseln. Weil es aber diesmal um eine spezielle Veranstaltung für Jugendliche, Kinder und Familien ging, hat die neue Tat zu zusätzlicher Empörung geführt.

Hilfsbereitschaft vor Ort

Andererseits führte sie auch zu einer Welle spontaner Hilfsbereitschaft vor Ort, zumal viele Konzertbesucher von auswärts kamen. Hotelzimmer im Zentrum Manchesters wurden für Familien der Opfer geräumt. Taxifahrer boten sich an, Betroffene gratis zu fahren. Mitbürger aus allen Teilen der Stadt luden zur freien Übernachtung «in unserem Gästezimmer» ein - oder auch einfach «zu einer Tasse Tee».

Vom frisch gewählten Labour-Bürgermeister Manchesters, Andy Burnham, der trotzigen Widerstand gegen allen Extremismus ankündigte, bis zum Buckingham-Palast, wo die Queen just ihre sommerlichen Gartenparties abhält, reichten die Beileids-Bekundungen. Elizabeth II. versicherte die Angehörigen der Opfer ihres persönlichen «tiefen Mitgefühls».

Burnham setzte für Dienstagabend eine öffentliche Trauer-Kundgebung auf Albert Square, einem Platz in der Innenstadt Manchesters, an. Kerzen, Gebete und ein Gefühl des Miteinander sollten den Schock mildern, und den stark empfundenen Schmerz.

Den ganzen Dienstag über trafen Grussbotschaften der Anteilnahme aus aller Welt ein - vor allem von den europäischen Nachbarn, mit denen sich London sonst im Brexit-Streit so kabbelt. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron sprach von seinem «Abscheu» gegenüber den Tat und seinem «Mitgefühl für die britische Bevölkerung». Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte den Briten, dass ihr Land «Schulter an Schulter» mit ihnen stehe.

Groll und Entsetzen bei den Politikern

Aus dem Nahen Osten, den er zur Zeit mit seinem Besuch beehrt, liess sich US-Präsident Donald Trump vernehmen. Die «bitterböse Ideologie», die an solchen Anschlägen schuld sei, müsse «ausgerottet» werden, grollte Trump.

Terroristen, Extremisten und ihre Helfer, meinte der Präsident, müssten «für immer aus unserer Gesellschaft verstossen werden». Es dürfe nicht sein, dass die «üblen Verlierer» des Lebens all die «jungen, schönen, unschuldigen Menschen morden, die nur ihr Leben geniessen wollen». «Denn Verlierer», sagte Trump, «das sind sie ja nun.»

In Downing Street selbst ging der Union Jack auf halbmast am Dienstag. Vor der schwarzen Tür von No.10 trat Premierministerin Theresa May zum dritten Mal binnen vier Wochen an ein schnell herbei getragenes Redepult. Diesmal nicht, um Neuwahlen auszurufen oder die EU-Partner zu schelten, sondern um die Nation in Trauer um sich zu scharen.

«Alle Terroranschläge sind feige Attacken gegen unschuldige Menschen», erklärte die Regierungschefin. «Aber diese Attacke zeichnet sich durch ihre scheussliche, ekelerregende, feige und ganz bewusste Zielvorgabe aus. Das Ziel waren unschuldige, wehrlose Kinder und Jugendliche, die eine der denkwürdigsten Nächte ihres Lebens feiern wollten.» Am Nachmittag besuchte May Manchester und die belegten Kinderkliniken.

Der Wahlkampf in Grossbritannien wurde, zweieinhalb Wochen vor dem Wahltermin des 8.Juni, mit Zustimmung aller Parteien für mindestens 24 Stunden ausgesetzt. Auch ein Eisenbahnerstreik wurde gestrichen, der für nächste Woche angesagt war. Ähnlich war es vor genau einem Jahr, als kurz vorm Brexit-Referendum die Labour-Abgeordnete Jo Cox von einem Rechtsexstremisten getötet wurde. Zu solchen Zeiten demonstriert die Insel vorübergehend Einheit an jeder Front.

Unterdessen laufen nun nicht nur die polizeilichen Fahndungen auf Hochtouren in Manchester und London. Auch zusätzliche Sicherheitsmassnahmen sind bereits ergriffen worden. In der Strassen britischer Grossstädte sind mehr bewaffnete Polizisten denn je unterwegs, um den Leute ein Gefühl grösserer Sicherheit zu geben. Bei allen Grossveranstaltungen wird die Kontrolle erhöht.

Bittere Wahrheit steht bevor

Den Angehörigen und Freunden all derer aber, die das Ariana-Grande-Konzert in Manchester nicht überlebten, steht nach dem Schock über der Bombe und den verstummten Mobiltelefonen nun die bitterste Wahrheit bevor. Als eins der ersten Todesopfer wurde am Dienstag die achtjährige Sofie Rose Roussos identifiziert, die an der Hand ihrer Schwester zum Konzert gekommen war. Das kleine Mädchen hatte seinen grossen Tag in der Arena nicht überlebt.

Auch die 18-jährige Georgina Callander war unter den Toten. Von ihr gab es ein Selfie, das sie glückstrahlend mit ihrem Idol, Ariana Grande, zeigt. Am Tag vor dem Konzert hatte Georgina der Sängerin noch getweetet, wie riesig sie sich auf deren Auftritt in Manchester freue: «Bin so aufgeregt, dich morgen zu sehen!»

Erstellt: 23.05.2017, 19:36 Uhr

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