2018, das amerikanische Schicksalsjahr

Die Präsidentschaft Donald Trumps radikalisiert Land und Leute. Wie 1968 wird das neue Jahr für die USA zum entscheidenden.

Eine Gesellschaft am Abgrund: Anti-Vietnam-Demonstration in Chicago, 1968. Foto: Peter Foley (Keystone)

Eine Gesellschaft am Abgrund: Anti-Vietnam-Demonstration in Chicago, 1968. Foto: Peter Foley (Keystone)

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Es war ein furchtbares Jahr, eines von denen, die ein Land an den Rand des Zerfalls treiben. Im April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis ermordet, im Juni Robert F. Kennedy in Los Angeles. Unruhen erschütterten die amerikanischen Städte, der Vietnamkrieg spaltete die Nation bis hin zur Anarchie, wie sie in der Gewalt am Rande des Demokratischen Parteitags im August 1968 in Chicago sichtbar wurde.

US-Amerika schien auseinanderzubrechen, ein krisengeschüttelter Koloss, dessen politische Führung das Volk über den Stand der Dinge in Vietnam dreist belogen hatte, ehe die Tet-Offensive von Nordvietnamesen und Vietcong im Januar 1968 die Wahrheit ans Licht brachte. Aretha Franklin spielte in jenem Jahr «Lady Soul» ein und Jimmy Hendrix «Electric Ladyland». In der Luft lag eine politische wie kulturelle Revolution, eine Absage an alles, was die Nation in den endlosen Krieg in Südostasien getrieben hatte.

Das Land ist krank

2018 könnte ein ähnliches amerikanisches Schicksalsjahr werden. Nicht wegen eines Krieges, wenngleich auch der kommen könnte. Eher schon wegen einer fundamentalen politischen Zerrissenheit, stetig ausgenützt und zugleich angefacht von einem Präsidenten, wie es ihn noch nie gegeben hat. Nicht einmal im 19. Jahrhundert, als schillernde Figuren wie Andrew Jackson und Ulysses Grant im Weissen Haus regierten.

Die Proteste auf beiden Seiten nehmen zu: Anti-Trump-Demonstration in New York, 2017. Foto: Peter Foley (Keystone)

Auch die florierende Wirtschaft sowie der von Rekord zu Rekord eilende Aktienmarkt können nicht verdecken, wie krank das Land ist: der fehlende Dialog zwischen den verfeindeten politischen Lagern, die Radikalisierung der Republikanischen Partei hin zu einer Bewegung mit autokratischen Tendenzen, das Unverständnis, ja die Arroganz vieler Demokraten gegenüber der weissen Arbeiterschicht, dazu ein allgegenwärtiges Misstrauen, das die amerikanischen Stämme gegeneinander aufbringt.

Verstärkt wird die Malaise durch Medien, die weltanschaulich abgegrenzt ihre Klientel bedienen: Fox News, konservative Radio-Talker und das «Wall Street Journal» für die Rechte, MSNBC, CNN, die «New York Times» sowie die «Washington Post» für Linksliberale und Linke.

Trump hat die republikanischen Träume erfüllt

Ernsthafte Versuche, die Gräben zu überbrücken, sind nicht in Sicht. Im Gegenteil: 2018 dürfte die Polarisierung weiter vertiefen. Denn Donald Trump werde noch mehr seinen Instinkten folgen, befürchten enge Berater des Präsidenten. In seiner Partei wird der Präsident kaum noch angefochten. Trump hat 2017 geliefert, was die Republikaner wollten: Deregulierung, die Steuerreform, Einzelerfolge im ewigen Kulturkampf. Die Basis steht hinter ihm, auch wenn sie gerade mal ein Drittel der US-Wählerschaft repräsentiert.

«Zum Beginn des zweiten Amtsjahres von Donald Trump freuen wir uns zu berichten, dass es keinen faschistischen Coup in Washington gegeben hat», schrieb hämisch das «Wall Street Journal» in einem Leitartikel. Wenn es nur so einfach wäre: Immer wieder hat Trump historische Normen gebrochen und gefährliche Präzedenzfälle geschaffen. Seine autokratischen Impulse sind lebendig wie eh und je, das hohe Amt hat ihn nicht im mindesten verändert, wie manche seiner Freunde und Gegner hofften. Er hingegen hat das Amt tief greifend verändert.

Ist er richtig im Kopf?

«Eine Regierung des Gesetzes und nicht der Menschen» wollte Gründervater John Adams für die junge amerikanische Republik. Donald Trump aber beklagt, dass ihn Gesetze behindern. Mit dem Justizministerium könne er machen, was immer er wolle, sagte er kürzlich. Selbst Richard Nixon hätte sich niemals – niemals! – zu einer solchen Äusserung hinreissen lassen. Trump hingegen kennt keine Grenzen: Er brüstet sich mit seinem «nuklearen Auslöserknopf», der grösser sei als derjenige von Kim Jong-un. Er möchte politische Gegner – Hillary Clinton und ihre Gehilfin Huma Abedin – ins Gefängnis bringen, er beschimpft kritische Medien und liefert Diktatoren anderswo damit den Vorwand, gegen kritische Medien vorzugehen.

Eminem «The Storm», Quelle: Youtube

Und regelmässig werfen nicht nur politische Feinde des Präsidenten bang die Frage auf, ob Trump recht im Kopf sei. Sein wirres Interview mit der «New York Times» zum Jahresende 2017 erregte Aufsehen und Angst: In 20 Minuten enthielt es 36 Lügen und Falschaussagen, zeigte erschreckende Wissenslücken und bot wuchernde Verschwörungstheorien.

Das Pulverfass

Was würde geschehen, wenn Robert Muellers Ermittlungen nicht wie vom Präsidenten erwartet zu seiner und der Absolution seiner Angehörigen führen? Wenn stattdessen beispielsweise herauskäme, dass Trump und seine Mitarbeiter tatsächlich mit Moskau kungelten oder Wirtschaftsverbrechen begangen hatten?

«Hier geht es doch nur um Geldwäsche», sagte Trumps Ex-Stratege und ethno-nationalistischer Vordenker Steve Bannon dem Journalisten Michael Wolff für dessen neues Buch. Was die Geldwäscherei betreffe, führe der «Pfad» zu Trump über Paul Manafort, Donald junior und Jared Kushner. Muellers Ankläger würden Donald junior «im nationalen TV wie ein Ei aufschlagen», behauptete Bannon. Trump keilte umgehend zurück: Bannon habe «den Verstand verloren».

Ehe Donald junior oder Kushner Schaden erlitten, würde Trump den Sonderermittler wahrscheinlich feuern und Sohn wie Schwiegersohn begnadigen – worauf sich die Frustration von Trumps Feinden in den Strassen grosser Städte wie Seattle oder Washington oder Chicago entladen würde. Dort, wo Trump nichts zu melden hat und gehasst wird. Aber die Randale könnte sich auch anderweitig entzünden: Trump ist das Pulverfass, auf dem US-Amerika sitzt.

Bob Seger «Two Plus Two», Quelle: Youtube

Ihn schachmatt zu setzen, bedürfte eines Sieges der Opposition bei den Kongresswahlen im November. Falls die Demokraten zumindest eine der beiden Kammern zurückgewinnen, weil die US-Wähler Trump und seine Eskapaden leid sind, würden dem Präsidenten Zügel angelegt. Ausserdem begännen sofort Untersuchungen im Kongress: Die politischen Geschäfte ruhten, noch grösserer Hass und der Ruf nach Rache definierten die vergiftete Atmosphäre der Hauptstadt.

«Now he’s buried in the mud over foreign jungle land» (Jetzt liegt er, vergraben im Schlamm, im Dschungel eines fernen Landes), sang Detroit-Rocker Bob Seger 1968 über einen jungen Mann, der sein Leben lassen musste für den Krieg in Vietnam. Trump sei ein «kamikaze that will probably cause a nuclear holocaust» (Ein Kamikaze, der wahrscheinlich einen nuklearen Holocaust verursachen wird), rappte Eminem 2017. Ein halbes Jahrhundert nach 1968 steht den Amerikanern 2018 einmal mehr ein Schicksalsjahr ins Haus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2018, 11:28 Uhr

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