59 Lenkraketen gegen Assad

Der US-Präsident hat Kreml-Chef Wladimir Putin herausgefordert. Er droht mit weiteren Interventionen.

Donald Trump informiert in Florida die Presse über den Militärschlag. Foto: Keystone

Donald Trump informiert in Florida die Presse über den Militärschlag. Foto: Keystone

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Mit einem Raketenangriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt hat US-Präsident Donald Trump Verbündete und Gegner überrascht und die Vereinigten Staaten auf den momentan schlimmsten Kriegsschauplatz der Welt zurückkatapultiert. 59 Lenkraketen wurden am Freitag in den frühen Morgenstunden von Kreuzern der US-Marine im Mittelmeer auf das Flugfeld al-Shayrat im Westen Syriens abgefeuert, wo sie eine Landebahn, Tanklager, Hangars und Flugzeuge zerstört haben sollen. Eine syrische Nachrichtenagentur berichtete von mindestens neun Toten.

Der Angriff löste eine Krise zwischen den USA und Russland aus, das sich als Schutzmacht von Machthaber Bashar al-Assad versteht und das Kriegsgeschehen in Syrien weitgehend kontrolliert. Russland berief noch für den Abend den UNO-Sicherheitsrat ein und kündigte die Luftraumkoordination mit den USA für alle Flüge über Syrien auf – ein Zeichen, das von Sicherheitsexperten mit Sorge registriert wurde. Die Absprachen über militärische Flüge haben Zwischenfälle bisher verhindert.

Trump wandte sich in einer kurzen Botschaft an die Nation und begründete den Angriff mit dem Chemiewaffeneinsatz, der am Dienstag in der Stadt Khan Sheikhoun bis zu 70 Menschen, darunter auch viele Kinder, das Leben gekostet hat. Trump sprach vom «lebensnotwendigen nationalen Sicherheitsinteresse» der USA, die Verbreitung und den Einsatz chemischer Waffen zu verhindern. Trump zeigte sich insbesondere vom Schicksal der toten Kinder betroffen.

Bisher hatten die USA im syrischen Bürgerkrieg nicht direkt Machthaber Assad und sein Regime angegriffen, sondern sich auf die Bekämpfung der Terrormiliz IS und die Unterstützung von Widerstandsgruppen konzentriert. Russland wurde vor dem Angriff informiert, damit es Soldaten und Hubschrauber in Sicherheit bringen konnte.

Die schnelle Festlegung der US-Regierung, dass Assad für den Chemiewaffenangriff verantwortlich ist, stützt sich Berichten zufolge auf mindestens zwei Belege: Zum einen wollen die Geheimdienste von Washingtons Verbündetem Israel herausgefunden haben, dass die Attacke auf Khan Sheikhoun von hohen Beamten des Regimes abgesegnet worden war, wenn nicht sogar von Macht­haber Bashar al-Assad selbst. Das berichtet die Tageszeitung «Haaretz».

So feuerten die USA nach Syrien

Zum anderen sollen Mitarbeiter des Pentagons über Radar- und Satellitenbilder mitverfolgt haben, wie ein syrisches Kampfflugzeug zum Zeitpunkt der Attacke am Dienstagmorgen über Nord­syrien und der Stadt Khan Sheikhoun kreiste. Eine entsprechende Karte mit der Route des von dem mittlerweile zerstörten Stützpunkt al-Shayrat gestarteten Jets veröffentlichte das Verteidigungsministerium. Zeugen beschrieben eine Bombenexplosion und eine Wolkenbildung, wie sie für chemische Waffen typisch ist.

Unterstützer des syrischen Macht­habers Assad wenden gegen diesen Vorwurf ein, dass ein Einsatz von Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Sinn für das Regime ergäbe: Nach der Rückeroberung Aleppos sei das Regime militärisch ohnehin im Vorteil gewesen. Selbst die USA und die Türkei waren zuletzt bereit, Assad als Machtfaktor anzuerkennen. So hatten US-Aussenminister Rex Tillerson und Nikki Haley, die Botschafterin bei der UNO, noch Anfang der Woche gesagt, ein Regimewechsel sei nicht weiter im Interesse der USA.

Mit ihrer Attacke werden die USA neues Gewicht auch in den politischen Verhandlungen um einen Frieden verlangen.

Betrachtet man jedoch das Vorgehen der Regierungsarmee und ihrer Verbündeten im Bürgerkrieg, passt die Attacke von Khan Sheikhoun durchaus in das taktische Muster: Um Gebiete unter der Kontrolle von Aufständischen wird nach Möglichkeit ein Belagerungsring gezogen, sodass Waffen- und Hilfslieferungen nicht mehr möglich sind. Es folgen Flächenbombardements, der gezielte Beschuss von Krankenhäusern, Märkten und Bäckereien – und Berichten zufolge auch immer wieder der Einsatz chemischer Kampfstoffe. Bisher reagierte das Ausland auf diese Angriffe lediglich mit Betroffenheit.

Wenn die Armee die Aufständischen zur Verhandlungsbereitschaft gebombt hatte, verlangte sie etwa in Homs, Ostaleppo oder dem Wadi Barada bei Damaskus die Kapitulation und die Übergabe des betroffenen Gebiets. Im Gegenzug bekamen Kämpfer mit ihren Familien freies Geleit und durften in ein anderes Rebellengebiet weiterziehen.

Mit ihrer Attacke werden die USA neues Gewicht auch in den politischen Verhandlungen um einen Frieden verlangen. Sie haben mit weiteren Angriffen gegen die Streitkräfte des syrischen Machthabers Bashar al-Assad gedroht. «Wir sind darauf vorbereitet, noch mehr zu tun, hoffen aber, dass es nicht notwendig sein wird», sagte am Freitag in New York die US-Botschafterin bei der UNO, Nikki Haley.

Erstellt: 07.04.2017, 21:11 Uhr

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