68,5 Millionen sind weltweit auf der Flucht

Derzeit gibt es mehr Flüchtlinge, als Frankreich oder England Einwohner haben. Europäer meinen oft, sie seien besonders schwer betroffen. Der Schein trügt aber.

Als am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise der Welt bezeichneten die Vereinten Nationen 2017 die Lage der Rohingya: Rohingya in einem Flüchtlingslager in Bangladesh.

Als am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise der Welt bezeichneten die Vereinten Nationen 2017 die Lage der Rohingya: Rohingya in einem Flüchtlingslager in Bangladesh. Bild: A. M. Ahad/Keystone

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Nie sind in der Welt durch Krisen und Konflikte so viele Menschen auf der Flucht gewesen wie 2017. Insgesamt gab es weltweit 68,5 Millionen Vertriebene, nach 65,5 Millionen im Jahr davor, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Dienstag berichtete.

Es ist der fünfte Rekordwert in Folge. Um diesen zu verdeutlichen: Es gibt derzeit mehr Flüchtlinge, als Frankreich (66,9) oder England (53) Einwohner haben. Zum Vergleich: Die Schweiz zählt rund 8,4 Millionen Einwohner. Jeder 110. Mensch auf der Erde ist demnach auf der Flucht. Insgesamt stieg die Zahl der Vertriebenen 2017 um 3,1 Millionen.

Türkei mit den meisten Flüchtlingen

Kein Land beherbergte 2017 so viele Flüchtlinge wie die Türkei: 3,5 Millionen, überwiegend aus Syrien. Deutschland beherbergte nach diesen Zahlen im vergangenen Jahr 970'400 Vertriebene und stand damit hinter der Türkei, Pakistan, Uganda, dem Libanon und dem Iran an sechster Stelle.

Der Eindruck, die reichen Länder seien durch Flucht- und Migrationsbewegungen besonders betroffen, ist nach den Worten von UNHCR-Chef Filippo Grandi falsch. 85 Prozent der Geflüchteten hätten nahe ihrer Heimat in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen Zuflucht gefunden.

«Die grösste Bürde tragen ärmere Länder»: UNHCR-Chef Filippo Grandi. Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Drei von fünf Vertriebenen fanden im eigenen Land fern der Konfliktzone Zuflucht. Von denen, die über Grenzen flohen, stammten nach Angaben des UNHCR fast 70 Prozent aus nur fünf Ländern. «Wenn es Lösungen für diese Länder gäbe, könnten die Zahlen deutlich sinken», sagte Grandi. Es handelt sich dabei um Syrien, Afghanistan, den Südsudan, Myanmar und Somalia.

Fünf Millionen Vertriebene seien im vergangenen Jahr in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Eine permanente neue Heimat fanden nur 100'000 Menschen, 40 Prozent weniger als im Jahr davor. Es seien nicht genügend Plätze angeboten worden, so das UNHCR.

USA zahlen am meisten

Unter den Flüchtlingen seien mehr als die Hälfte – 52 Prozent – minderjährig, oft handelt es sich um Kinder, die von ihren Familien getrennt wurden. Die USA waren nach Angaben von Grandi mit einem Beitrag von 1,3 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr der grösste Geber des UNHCR. Allerdings hätten sie die Zahl der Plätze für die Umsiedlung von Flüchtlingen von 110'000 auf 45'000 reduziert.

Grandi legt grosse Hoffnungen in eine neue weltweite Vereinbarung über den Umgang mit Flüchtlingen und Vertriebenen, die im Herbst bei den Vereinten Nationen in New York verabschiedet werden soll. Dabei geht es unter anderem um mehr Geld für die Bekämpfung der Fluchtursachen.

Guardian»: Westen muss stärker gegen Ursachen vorgehen

Der Londoner «Guardian» plädiert am Dienstag für eine stärkere Bekämpfung der Ursachen für die Flucht vieler Menschen:

«Bei dieser Krise geht es nicht nur um die Anziehungskraft Europas oder der USA. Es geht ebenso sehr um die furchtbaren Lebensbedingungen in Zentralamerika, Eritrea, Syrien oder Afghanistan. So lange diese Länder unter Anarchie oder verheerenden Kriegen leiden, werden verzweifelte Menschen sie verlassen. Angela Merkel will die Lasten durch die Flüchtlinge auf ganz Europa verteilen und das ist richtig so. Doch jedwede dauerhafte Lösung muss über die Grenzen der Zufluchtsländer hinausreichen.

Damit ist nicht gemeint, dass Nordafrika mit Internierungslagern gefüllt wird. Langfristig wird die Gewährung grosszügiger Hilfe für die Herstellung von Frieden und von Voraussetzungen für die Schaffung von Wohlstand von grundlegender Bedeutung sein.» (nag/sda)

Erstellt: 19.06.2018, 08:42 Uhr

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