Wie Chinas Schüler die Schweizer überholen

Nach dem Pisa-Schock beleuchten die Tamedia-Korrespondenten ihre Länder. Wer hat die Schweiz übertroffen, und mit welchen Mitteln?

Mathematikunterricht in Shanghai. Die chinesische Regierung schickt bei der Pisa-Studie ohne Frage ihre besten Schüler ins Rennen. Foto: David Hogsholt (Getty Images)

Mathematikunterricht in Shanghai. Die chinesische Regierung schickt bei der Pisa-Studie ohne Frage ihre besten Schüler ins Rennen. Foto: David Hogsholt (Getty Images)

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Nachdem sich die erste Enttäuschung über die nachlassenden Pisa-Testergebnisse der Schweizer Schüler und Schülerinnen ­gelegt hat, lohnt sich ein Blick ins Ausland: Wer hat die Schweiz überrundet, und was steckt jeweils hinter diesen guten Resultaten? Dieser Frage gehen die Korrespondenten dieser Zeitung an den Beispielen von China, Estland und Japan nach. Und was war da los in Spanien – warum führt die OECD in ihrem offiziellen Ranking das Land nur ausser Konkurrenz auf? Ein Blick hinter die Kulissen.

China – nicht repräsentativ 

Die Metropolen Peking, Shanghai und die ostchinesischen ­Provinzen Zhejiang und Jiangsu sind die Sieger dieser Bildungs­olympiade. Repräsentativ ist das kaum, denn die Regierung schickt ohne Frage ihre besten Schüler ins Rennen.

In vielen ärmeren Regionen Chinas sieht es deutlich düsterer aus: schlecht ausgebildete Lehrer, überfüllte Schulklassen, wenig Aufstiegschancen. Die Kinder von Wanderarbeitern sind häufig weitgehend vom regulären Bildungssystem abgehängt. Um es an eine gute Universität zu schaffen, müssen Schüler in China bei der Abschlussprüfung zur Spitze gehören. Für viele ­endet die Kindheit in der Vorschule. Sie pauken bis tief in die Nacht, sitzen am Wochenende in Nachhilfeschulen. Der Wettbewerb ist gnadenlos.

Schon lange versucht die ­Regierung, den Druck zu verringern. Doch «hausaufgabenfrei», das hören Chinas Tigereltern nicht gerne. Die meisten Familien geben für nichts mehr Geld aus als für die Ausbildung ihres Kindes. Sie sind ehrgeizig, vor ­allem hoffen sie aber, ihren Kindern einen bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen.

Auch in ärmlichen Regionen glauben die Menschen daran, dass Fleiss eine Chance sein kann. Anders als in westlichen Ländern blicken viele junge Menschen nicht zu Popsternchen auf, sondern zu Unternehmern wie Steve Jobs und Jack Ma, zu Menschen also, die aus nicht privilegierten Familien stammen. Der Glaube, sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen zu können, herrscht nicht nur in Peking oder Shanghai, sondern im ganzen Land. Auch das steckt in Chinas Pisa-Resultaten.

Lea Deuber, Peking

Spanien – blamable Noten

Selten hat die Pisa-Studie in Spanien für so viel Aufregung gesorgt wie dieses Mal. In der Tat sind die Testergebnisse ziemlich unerfreulich: In den Naturwissenschaften sackten die Schüler ab auf einen neuen Tiefstand, in Mathematik ging es ebenfalls weiter bergab.

Die Resultate in der Sparte ­Leseverständnis wurden erst gar nicht bekannt gegeben, weil die OECD bei den 2018 durchgeführten Tests auf Unregelmässigkeiten gestossen sein will. Insgesamt fällt Spanien knapp unter den Durchschnitt der getesteten Staaten, was Kommentatoren als blamabel für das fünftgrösste EU-Land bezeichnen.

Bei so viel schlechter Stimmung ist der politische Streit nicht weit: Die Sozialisten machen für die Resultate die Sparmassnahmen der bis 2018 regierenden Konservativen verantwortlich. Unter ihrer Ägide wurden im ganzen Land mehr als 2000 Lehrerstellen gestrichen, Junglehrer mussten sich mit prekären Arbeitsverträgen zufriedengeben, Klassengrössen erhöhten sich.

Die Konservativen verweisen darauf, dass Bildung Sache der Regionen ist. Und da liegen bei den Pisa-Tests die konservativ regierten Regionen Madrid, Kastilien-Leon und Galicien klar vorn – während Andalusien, bis vor einem Jahr Hochburg der ­Sozialisten, das Schlusslicht ist.

Thomas Urban, Madrid

Estland – viel für wenig Geld

Anfangs sei man ja besorgt ­gewesen, «weil wir uns hier mit Staaten messen, die sich viel mehr Ausgaben im Bildungsbereich leisten können», erklärte die estländische Bildungsministerin Mailis Reps diese Woche. Anfangs, das war 2006, als Estland zum ersten Mal bei Pisa mitmachte. Seitdem geht es stetig aufwärts, längst ist das Land ein Pisa-Star, diesmal sogar das beste aller europäischen OECD-Mitglieder, noch vor Finnland und Polen. Und das, obwohl es fast ein Drittel weniger ausgibt als der Durchschnitt der OECD-Staaten.

Das Erfolgsrezept? Beobachter verweisen auf gut ausgebildete Lehrer und motivierte Schüler, denen es hilft, dass Bildung in der Gesellschaft viel gilt. Vor allem aber: Das System ist erstaunlich egalitär, die Herkunft der Schüler spielt eine viel kleinere Rolle als anderswo. Ein ­armes oder bildungsfernes ­Elternhaus ist in Estland kaum ein Hinderungsgrund für gute Schulleistungen. «Kinder, die nicht aus brillanten Familien stammen, erhalten Unterstützung, und die meisten estnischen Schulen haben es geschafft, die Effekte unglücklicher Familienumstände abzufedern», heisst es aus dem Bildungsministerium.

Raum für Perfektion bleibt: Die Buben hinken den Mädchen nicht mehr ganz so arg nach, aber die Kluft ist immer noch da. Die Schüler in russisch­sprachigen Landesteilen schneiden schlechter ab als die im ­übrigen Land. Und schon im vergangenen Jahr diagnostizierte das Onlinemagazin «Estonian World», die Leistung sei da, «die Freude» fehle aber noch an estnischen Schulen. Es gebe zu ­viele Prüfungen, zu viele Hausaufgaben und generell zu viel Druck. Das Erziehungsministerium will nun die obligatorischen Prüfungen am Ende der Primarschule abschaffen.

Kai Strittmatter, Kopenhagen


Japan – lesen fällt schwer

Eigentlich dachten die Bildungspolitiker in Tokio, ihre empfindlichste Niederlage längst hinter sich zu haben – die japanische Version des Pisa-Schocks liegt immerhin 15 Jahre zurück. Damals stürzten die Schüler in der Disziplin Lesekompetenz von Platz 8 auf 14. Eine Debatte setzte ein, die Praxis des Yutori, des milderen Unterrichts, kam auf den Prüfstand.

Und jetzt? Schon wieder sind ­Japans 15-Jährige beim Lesen ­abgerutscht, wieder von Platz 8 – aber diesmal auf den Tiefststand seit Beginn der Tests: Platz 15. So ungelegen kam das dem Bildungsministerium, dass es die Schuld dem veränderten Design der Studie zuschob. Japans ­Jugendliche seien es nicht gewohnt, lange Texte am Computer zu lesen – das verlangt Pisa erst seit 2015 von ihnen.

Allerdings passt das enttäuschende Ergebnis auch recht gut zu der Kritik, die japanische Schulbildung lege zu wenig Wert auf den freien Ausdruck. Denn vor allem die Fragen, bei denen statt einfacher Kreuzchen selbst formulierte Antworten gefordert waren, brachten Japans Schülerinnen und Schüler in Rückstand, wie OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher feststellte. Das Bildungsministerium räumte dann auch ein, dass ­Japans Jugend beim Verstehen von Texten noch Entwicklungspotenzial hat.

Allzu dramatisch fand man die Resultate in Japan aber wohl nicht. Selbst beim Lesen lagen die Jugendlichen schliesslich über dem Durchschnitt. Und in den anderen beiden Sparten waren die japanischen Jugendlichen schlicht gut: Unter den 37 Mitgliedsländern der OECD belegten sie Platz 1 in Mathematik und Platz 2 in Naturwissenschaften.

Ausserdem: Lesen ist in Japan ziemlich schwierig, wenn man bedenkt, dass die japanische Schriftsprache gleich drei Alphabete und über 2000 aus chinesischen Zeichen entstandene ­Kanji bereithält.

Thomas Hahn, Tokio

Erstellt: 08.12.2019, 23:20 Uhr

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