Das Feuer der Iren

Die EU will Moore unter Schutz stellen. In Irland wehren sich Torfstecher vehement dagegen. Denn der Torf aus den Mooren ist für sie nicht nur Heizmaterial, er ist Teil ihrer Identität.

Iren beim Torfstechen von Hand. Viele benützen dafür allerdings schweres Gerät, das die Moorlandschaft beeinträchtigt. Foto: Design Pics (Alamy)

Iren beim Torfstechen von Hand. Viele benützen dafür allerdings schweres Gerät, das die Moorlandschaft beeinträchtigt. Foto: Design Pics (Alamy)

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Vor dem Nightingale-Pub im westirischen Whitegate haben sich die Dorfbewohner zum Torfstapel-Wettbewerb versammelt. Im Halbkreis stehen sie um einen jungen Mann, der Torfstücke aufeinanderstapelt. Immer höher. Bald muss sich Seamus strecken, um weiterzustapeln. Dann steigt er auf einen Plastikstuhl. Schliesslich stellt er den Plastikstuhl auf einen Gartentisch und klettert hinauf, balanciert nun auf den Zehenspitzen und streckt die Arme. Der Stuhl auf dem Tisch wackelt. Die Dorfbewohner halten den Atem an. Vorsichtig legt Seamus ein weiteres Torfstück auf den Turm. Männer, Frauen und Kinder klatschen und jubeln. Doch nicht lange: Der Torfturm kippt zur Seite, die Torfstücke poltern zu Boden, und Seamus flucht.

Was Seamus zu einem Turm gestapelt hat, ist getrocknete schwarze Erde. Sehr alte Erde. Über Jahrtausende hat sich organisches Material in den Mooren abgelagert und Torf gebildet; jedes Jahr eine dünne Schicht von einem Millimeter. Viele Bewohner Whitegates heizen noch heute mit dem Torf ihre Häuser. Schon ihre Urgrossväter und Ururgrossväter stachen den Torf aus dem Moor, schnitten ihn in schmale, rechteckige Stücke, ungefähr so lang wie eine Whiskeyflasche, und trockneten ihn.

Die Moorbesetzung

Irland ist der zweitgrösste Torfverbrenner Europas, hinter Finnland und vor anderen skandinavischen und baltischen Ländern. Doch die Moore leiden unter dem Torfabbau. Deshalb verpflichtet die Europäische Union ihre Mitgliedsstaaten, seltene Lebensräume, wie sie Moore sind, zu schützen.

Moore bedecken in der Republik Irland noch 20 Prozent der gesamten Landesfläche – deshalb ist das Land wichtig für den Moorschutz. Zum Vergleich: In der Schweiz nehmen Moore heutzutage nicht einmal 1 Prozent der Landesfläche ein, um 1800 waren es 6 Prozent.

Der Schutz der «Bogs», wie die Iren ihre Moore nennen, ist auch eine Klimaschutzmassnahme. Denn in den Mooren ist CO2 gespeichert. Werden sie trockengelegt und gestochen, entweicht das CO2 in die Atmosphäre, wie Duncan Stewart erklärt. Der Ire produziert Dokumentarfilme zu Umweltthemen und beruft sich auf wissenschaftliche Studien. Aus Irlands Mooren entweicht so viel CO2 wie aus allen irischen Autos.

«Wer das Torfstechen verbieten will, weckt böse Erinnerungen.»Dermot Moran, Aktivist der Torfstecher

Umweltfilmer Stewart plädiert dafür, die Moore zu schützen. Damit gar nicht einverstanden ist Dermot Moran. Der Handwerker und Lokalhistoriker sitzt in seinem weissen Van, den er am Rand von Clonmoylan Bog geparkt hat. Regen hämmert auf das Autodach. Moran spricht das weiche Englisch der Gegend. So freundlich Moran ist, so vehement verteidigt er die Sache der Torfstecher. Er ist der Sprecher der Barroughter and Clonmoylan Bogs Action Group, die gegen die Schutzmassnahmen rebelliert und in geschützten Mooren weiterhin Torf sticht. Mit einem SMS-Dienst mobilisiert die Gruppe die Torfstecher zu lautstarken Demonstrationen, besonders dann, wenn Politiker aus Dublin die Gegend besuchen.

Die Torfstecher verstehen die getrocknete Erde als Teil ihrer Kultur. Als 2012 das Torfstechen in Clonmoylan Bog definitiv hätte verboten werden sollen, besetzte die Gruppe kurzerhand das Moor. «Dutzende Polizeiautos waren da, blockierten die Strassen und versuchten zu verhindern, dass wir Torf stechen», sagt Moran. «Doch Hunderte Menschen aus der ganzen Region kamen, um sich mit uns zu solidarisieren.»

Ein Katz-und-Maus-Spiel folgte. Die Torfstecher kennen alle Wege und jedes Gatter – im Gegensatz zu den beigezogenen Polizisten. Im Dunkel der Nacht schleppten die Leute der Aktionsgruppe Torfstechmaschinen über Trampelpfade zum Moor. Frühmorgens begannen sie, den Torf trotz des Polizeiaufgebotes zu stechen.

Überwachung mit Helikoptern

Seit diesem Aufstand patrouillieren in der Torfsaison im Frühling und Sommer Polizeiautos in der Gegend. Sogar Helikopter und Flugzeuge setzen die Behörden ein. «Tausende Euros hat die Regierung für die Überwachung schon ausgegeben», sagt Moran. Die Torfstecher aber lassen sich nicht aufhalten. Rund um Clonmoylan Bog hat Moran alle paar Meter Strommasten mit Pappschildern behängt; mit Slogans wie «Turf Cutters are not Criminals» – «Torfstecher sind keine Kriminelle». – «In Irland hat es Tradition, Gesetze zu erlassen und dann zu ignorieren. Das funktioniert aber nicht, wenn die EU die Gesetze erlässt», sagt Jimmy McClearn. Er politisiert im Parlament der irischen Grafschaft Galway und setzt sich dort für die Rechte der Torfstecher ein.

«Die Umsetzung der EU-Richtlinie ist Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten», erklärt McClearn. Die irische Regierung wusste bereits in den 90er-Jahren, dass sie gewisse Moore unter Schutz stellen muss. «Dann hat man zehn Jahre lang nichts getan und gehofft, dass sich das Problem von selbst löst», sagt der Lokalpolitiker.

2011 machte die EU Druck und verlangte von der Republik, die Schutzmassnahmen endlich umzusetzen. Als Irland daraufhin ein Torfstechverbot in den geschützten Mooren durchsetzen wollte, folgte der Aufstand. «Die Torfstecher wurden nie befragt», sagt Lokalpolitiker McClearn.

Dass die Torfstecher nicht hätten mitreden können, betont auch Action-Group-Sprecher Dermot Moran immer wieder. Er steigt aus dem weissen Van und marschiert in Gummistiefeln, schmutzigen Jeans und einer zu grossen grünen Regenjacke über die Strasse zu einem Gatter. Schilder hängen daran, auf einem steht «Private Property» – «Privatgrundstück», und gleich daneben: «Our bogs are our bogs» – «Unsere Moore sind unsere Moore.»

Moran schlüpft zwischen zwei Querstreben hindurch und steht nun im Moor von Clonmoylan. Bei jedem Schritt sinkt er ein paar Zentimeter ein, und wenn er die Gummistiefel wieder hebt, schmatzt der Boden. «Das Land hier ist in Parzellen unterteilt, die verschiedenen Familien gehören», erklärt er. Einige stechen nur für den Eigenbedarf, andere stechen grössere Flächen und verkaufen den Torf weiter. Insgesamt beziehen pro Jahr ungefähr 900 Familien aus dem rund sechs Quadratkilometer grossen Moor ihr Heizmaterial.

Misstrauen und Folklore

Torf aus dem eigenen Moor – das bedeutet den Iren viel, gerade auch wegen ihrer Geschichte. Wer versuche, jemandem Grundeigentum wegzunehmen oder darauf das Torfstechen zu verbieten, der wecke böse Erinnerungen, sagt Moran. An die «britische Besatzung», wie Moran die Zeit nennt, als Irland zu Grossbritannien gehörte, und an die «Evictions» im 19. Jahrhundert, als Briten Iren aus den Häusern geworfen hätten, wenn diese die Miete nicht mehr hätten bezahlen können. In Irland lebt heute erst die vierte Generation, die Grund und Boden besitzen darf. Die Republik ist noch keine hundert Jahre unabhängig von Grossbritannien.

Die Eigentümer dürfen ihren Boden zwar trotz der Schutzmassnahmen behalten, aber sie dürfen den Grund nicht mehr nutzen. Dafür erhalten sie eine Kompensation von 1500 Euro während 15 Jahren. Die Torfstecher aber glaubten nicht, dass die Republik nach der Finanzkrise genug Mittel für die Kompensationen habe, sagt Moran. Tatsächlich hat die Republik bisher über 14,8 Millionen Euro Kompensationsgelder an rund 3000 Antragssteller ausbezahlt, wie die Medienstelle des zuständigen Departements schreibt.

Moran stapft weiter durchs Moor und umgeht Reifenspuren, die sich mit Wasser gefüllt haben. Torfstücke sind zum Trocknen zu kleinen Pyramiden im Gras aufgestellt, Moran nennt die Stapel «Footings». Nach ein paar Minuten kommt Moran zu der Stelle, an der vor einigen Wochen der Torf gestochen wurde: Eine rund eineinhalb Meter hohe Stufe, die sich über Dutzende Meter längs durch das Moor zieht. Die Erde an der vertikalen Seite der Stufe ist offen und gekörnt wie Schokoladekuchen; durch die schwarzen Schichten tropft Wasser. Vor der Stufe haben die Maschinen die Erde umgewühlt, sie sieht aus wie eine Fleischwunde.

Morans sonore Stimme bricht durch den übers Moor rauschenden Wind: «Ein Tag im Moor ist ein Fest. Wir machen Tee über einem Feuer und essen mitgebrachte Sandwiches.» Manchmal werde musiziert. An Dorffesten, wie jenem in Whitegate, messen sich Männer und Frauen darin, wer am schnellsten die meisten «Footings» aufstellt. Im Winter und an kühlen Sommertagen brennt der Torf in den Kaminen und verströmt den typischen, erdigen Rauchgeruch.

«Yes We Can, Yes We Will»

Doch aus Sicht des Umweltfilmers Duncan Stewart verdrehen die Torfstecher das Traditionsargument. «Früher wurde mit Handspaten Torf gestochen. Heute tun das grosse Maschinen, die massiven Schaden in den Mooren anrichten», sagt er. Viel Publicity zugunsten der Torfstecher machten die Contractors, die Kleinunternehmer, die ihren Torf weiterverkaufen und daraus Profit schlagen. Politiker gingen mit dem Thema auf Stimmenfang.

Der Umweltfilmer kann von den Verhältnissen in der Schweiz nur träumen: Seit der Annahme der Rothenturm-Initiative 1987 ist hierzulande die Mehrheit der verbleibenden Moore geschützt. Heute steht der Moorschutz klar vor wirtschaftlichen Interessen, wie das jüngst gefällte Urteil eines Berner Gerichts zum Grimsel-Stausee zeigt: Die Staumauer darf nicht erhöht werden, weil der steigende Wasserpegel ein Moor zerstören würde. Das ist in Irland zurzeit nicht denkbar. Die irische Regierung will Torfstechen nicht grossflächig verbieten. Derzeit gelte das Stechverbot für 4 Prozent des Torflandes, welches überhaupt nutzbar sei, heisst es beim zuständigen Amt. Eine Mehrheit der Torfstecher halte sich daran.

Die Restlichen machen dafür umso mehr Lärm. Lokalpolitiker Jimmy McClearn plädiert dafür, die privaten Torfstecher gewähren zu lassen. Stattdessen sollen die 80'000 Hektaren Moor der halbstaatlichen Firma Bord na Móna unter Schutz gestellt werden, die Torf industriell abbaut. Damit würden aber etliche der 2000 Jobs beim Unternehmen gefährdet. Bord na Móna selbst hat im Oktober angekündigt, die Bewirtschaftung des Torflandes bis 2030 ganz zu stoppen.

Für Umweltschutzorganisationen und für Duncan Stewart ist das zu spät: «Wir müssen die Beschädigung der irischen Moore sofort stoppen.» Die Barroughter and Clonmoylan Bogs Action Group denkt nicht daran. Entlang der Strasse nach Whitegate, dem Dörfchen mit dem Nightingale-Pub, hängen Schilder an jedem zweiten Strompfosten: «Cut Turf – Yes We Can, Yes We Will» – «Torfstechen, ja wir können das und tun das.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2016, 23:26 Uhr

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