Das Leid mit den Hilfsorganisationen

In der von Konflikten gebeutelten Demokratischen Republik Kongo herrscht grosse Armut. Deshalb bemühen sich die Einheimischen um gut bezahlte Jobs bei Hilfsorganisationen.

Medizinische Hilfe und Arbeitsmöglichkeiten für die Einheimischen: Ein Gesundheitszentrum im ostkongolesischen Ort Mavivi. Foto: Eduardo Soteras (AFP)

Medizinische Hilfe und Arbeitsmöglichkeiten für die Einheimischen: Ein Gesundheitszentrum im ostkongolesischen Ort Mavivi. Foto: Eduardo Soteras (AFP)

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Passy Mubalama wurde zum Gespött der Kollegen, als sie ihren Job verlor. Die Menschenrechtsaktivistin arbeitete bei einer britischen Hilfsorganisation in Goma und war mit der Chefin in Streit geraten. «Wie kann man nur so dumm sein», lästerten die Bürogenossen.

Wer in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt eine Stelle bei einer internationalen Hilfsorganisation hat oder bei der Monusco, der UNO-Friedensmission, gilt als Glückskind. Niemand riskiert so einen Job. Deshalb sahen die Kollegen den Rauswurf als «absoluten Abstieg», sagt Mubalama. Die frühere Journalistin und studierte Entwicklungsexpertin war nun wieder eine von vielen, die verzweifelt ein Auskommen suchen. In der Demokratischen Republik Kongo herrscht Massenarbeitslosigkeit. Zwei Drittel der 80 Millionen Einwohner leben in Armut. Im Osten des Landes kommt die ständige Angst vor Milizen hinzu. Sie plündern, vergewaltigen und töten – und das seit Jahrzehnten.

Im Dezember 2016 ist der Kongo noch weiter in die politische und ökonomische Krise gerutscht. Damals hätten Parlaments- und Präsidentenwahlen stattfinden sollen. Doch Staatsoberhaupt Joseph Kabila verschleppt die Wahl. Friedlichen Protest lässt er niederschlagen. Korrupte Machthaber und dubiose Firmen beuten die Bodenschätze aus. Die Bevölkerung kämpft ums Überleben. Daher strömen Hilfsorganisationen zuhauf ins Land, ­darunter auch Schweizer Hilfswerke.

610 Hilfsorganisationen

Das UNO-Koordinationsbüro registriert allein für die ostkongolesische Provinz Nordkivu 610 Organisationen, die in irgendeiner Weise Entwicklungszusammenarbeit betreiben. Die Monusco ist mit insgesamt 20 000 Soldaten und zivilen Beschäftigten der weltweit grösste UNO-Einsatz. 2522 der 3313 zivilen Angestellten sind Einheimische.

Natürlich gibt es andere Arbeitgeber im Kongo – Banken zum Beispiel, Mobilfunkfirmen, Bau- und Gastgewerbe oder den Staat. «Aber bei kongolesischen Vorgesetzten weisst du nie, ob du deinen Lohn bekommst. Und wenn der Chef mies gelaunt ist, setzt er dich vor die Tür», kritisiert der Ökonom Jean Claude Katsuva Kisangani. Die Arbeitsbedingungen seien wesentlich besser bei internationalen Organisationen. Sie schliessen Krankenversicherungen ab, bezahlen regelmässig das Gehalt und grosszügige Reisespesen. Die Deutsche Welthungerhilfe in Nordkivu zum Beispiel erhöht den Lohn der 130 einheimischen Angestellten jedes Jahr um 5 Prozent. «Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben», erklärt Programmchefin Mirjam Steglich. Die Welthungerhilfe bezahle gut, aber nicht übermässig im Vergleich zu anderen internationalen Institutionen.

An erster Stelle in Sachen Gehalt rangiert die UNO. Ein Kongolese auf der untersten Hierarchiestufe bekommt einen Lohn und Zulagen von umgerechnet 1304 Franken im Monat. Die oberste Stufe für hoch qualifizierte Einheimische beträgt 13 400 Franken im Monat. Zum Vergleich: Ein Lehrer verdient bestenfalls 300 Franken, ein Wächter 150 Franken. «Das ist ein Problem», findet der Unternehmer Joël Tembo Vwira. Er spürt die negativen Folgen der Lohnkonkurrenz. «Wir können nur einen Bruchteil bezahlen», klagt der Berater für Start-up-Firmen. So wandert das gut qualifizierte Personal zu den internationalen Organisationen ab. Just jene Mitarbeiter also, die für den langfristigen Aufbau der Wirtschaft dringend gebraucht würden. Sie gehen selbst dann, wenn der lukrative Job zeitlich begrenzt ist.

Der Druck der Strasse

Vwira stört, dass die meisten internationalen Organisationen nur Personal mit Berufserfahrung einstellen. Praktika zum Beispiel bieten sie nicht an. «De facto bilden die Privatfirmen für die internationalen Organisationen aus», kritisiert er. Die Firmenchefs müssten immer wieder «bei null anfangen».

Die blosse Präsenz der Hilfsorganisationen heizt manchmal sogar die Gewalt an, obwohl die Helfer Frieden stiften wollen. Wenn etwa Organisationen irgendwo im Kongo einen Teil der 4,5 Millionen Flüchtlinge versorgen wollen, müssen sie laut Gesetz Mitarbeiter vor Ort einstellen. Die Enttäuschten, die leer ausgehen, blockieren bisweilen die Strassen oder demolieren vor lauter Wut auch mal eine Krankenstation. Seit einiger Zeit floriert auch das Geschäft mit Entführungen lokaler Mitarbeiter von Hilfswerken. Die Banditen verdienen damit mehrere Tausend Dollar auf einen Schlag.

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Manche Hilfsorganisationen reagieren auf den Druck der Strasse. So schreibt die Welthungerhilfe einen Wettbewerb in der Landwirtschaft aus. Bis zu 75 Jugendliche, die eine Geschäftsidee vorzeigen, bekommen Starthilfe für ihr Unternehmen. «Wir wollen einen Beitrag leisten, um Jobs zu schaffen», sagt Programmchefin Steglich. Ist das aber die Aufgabe einer Hilfsorganisation? «Eigentlich nicht», meint Ökonom Kisangani. Aber der Staat versage, private Unternehmer erstickten unter Willkür und Korruption. «Da bleiben nur die Internationalen», glaubt er. So bauen Helfer im Ostkongo Strassen und Wasserkraftwerke, reparieren Brücken und beliefern die Bevölkerung mit Trinkwasser. Oft ist das nur eine kurzfristige Erleichterung. Denn der Unterhalt der Infrastruktur ist nicht immer gewährleistet, wenn die Hilfswerke wieder abziehen.

Die Infrastruktur fällt eigentlich in die Verantwortung des Staates. Aber offiziell hat der Kongo nur ein Budget von 5 Milliarden Dollar, obwohl das Land riesige Mengen an Bodenschätzen birgt. 2016 hat der Kongo Hilfe aus dem Westen von 2,1 Milliarden Dollar bekommen. Vor kurzem haben die Geldgeber 530 Millionen Dollar Nothilfe zugesagt, obwohl der Kongo die Geberkonferenz boykottierte. Die Regierung behauptet, die UNO übertreibe mit der Analyse der humanitären Krise. Es seien keine 13 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen.

Der unabhängige Analyst Fidèle Bafilemba findet, dass es in seiner Heimat viel zu viele Hilfsorganisationen gebe. Die Bevölkerung profitiere davon kaum, da sie nicht direkt über das Geld verfügen könne. «Die Hilfsorganisationen sind Umverteilungsmaschinen, die unnötig Kosten verursachen», sagt er. Ihn stören die teilweise exorbitanten Gehälter, Zulagen und die teuren Geländewagen der westlichen Experten in Goma. Auf viele von ihnen könne der Kongo verzichten. Das Geld solle man lieber jungen Unternehmern geben.

«Das wäre der Idealfall», sagt die Aktivistin Mubalama. «Aber zuerst müssen wir die Korruption ausrotten und Wissen aufbauen.» Mubalama ist inzwischen ihre eigene Chefin. Sie hat mit Spenden aus dem Westen ihre eigene Menschenrechtsorganisation gegründet und zehn Stellen geschaffen. Ob das ihrem Land hilft? «Was ist denn die Alternative?», fragt sie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2018, 22:14 Uhr

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