Das Rezept für ein Desaster

Nigeria wählt mitten in Wirtschaftskrise und Terror einen neuen Präsidenten. Je knapper das Ergebnis, desto grösser die Gefahr, dass es danach zu einer Welle der Gewalt kommt.

Wahlplakate an einem Markt in Kano, Nigeria. Foto: Reuters

Wahlplakate an einem Markt in Kano, Nigeria. Foto: Reuters

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Yola, die schmuddelige Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Adamawa, hat sich herausgeputzt. Am Strassenrand weht alle paar Meter ein Fähnchen der regierenden Volksdemokratischen Partei (PDP), an jedem Laternenmast hängt ein Poster mit dem unverwechselbaren Hut und dem Antlitz ihres Vorsitzenden: Goodluck Jonathan. Selbst die Trottoirs sind mit Plakaten gepflastert, und alle hundert Meter wacht ein Polizist. Als schliesslich die nicht enden wollende Fahrzeugkolonne des Präsidenten auftaucht, ist das Sicherheitspersonal auf mehrere Hundert Soldaten angeschwollen. «Dieser ganze Aufwand für nur einen Mann», schüttelt ein Passant den Kopf, «während jeden Tag Dutzende von schutzlosen Nigerianern umgebracht werden.»

Wahlkampf im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Kurz vor der Abstimmung sind die Temperaturen im ohnehin brüllend heissen Land dem Siedepunkt nahe. 170 Millionen Nigerianer, von denen gut 80 Millionen wahlberechtigt sind, fiebern einer beispiellos hart umkämpften Entscheidung entgegen. Laut Umfragen liegen Jonathan und sein Herausforderer Muhammadu Buhari Kopf an Kopf. Nicht nur die Töne der Wahlkämpfer werden immer schriller. Wiederholt wurde Jonathans Konvoi mit Steinen beworfen, während auf einer Kundgebung des Oppositionschefs Buhari Schüsse zu hören waren. Befürchtet wird, dass spätestens nach der Auszählung der am Samstag abgegebenen Wahlzettel die Stimmung vollends kippt: Im erdölreichen Nigerdelta kündigen militante Anhänger Jonathans bereits den «Krieg» an, sollte der amtierende Präsident das Rennen verlieren.

Mit einem Honorar angelockt

Auf einem staubigen Platz im Zentrum Yolas haben sich zahlreiche Würdenträger und ein paar Tausend Repräsentanten des Fussvolks eingefunden. Viele von ihnen wurden mit einem kleinen Honorar von 1000 Naira (5 US-Dollar) angelockt. Dennoch antworten manche auf die von Parteifunktionären angestimmten Sprechchöre, wer in Zukunft das Land regieren soll, trotzig mit Buhari statt Jonathan. Für die 5 Dollar Auftrittsgage lassen sie sich aber von berittenen Polizisten herumscheuchen: Manche revanchieren sich schliesslich mit Plastikstühlen, die sie auf die Kavallerie der Ordnungskräfte werfen. Für Nigeria, wo nur wenige Kilometer weiter nordöstlich ein beispiellos grausamer Bürgerkrieg mit der islamistischen Sekte Boko Haram tobt, eigentlich kein Grund zur Sorge.

Doch Jonathan ist trotzdem besorgt. Erstmals seit dem Ende der Ära der Militärdiktaturen vor 16 Jahren könnte die PDP die Wahlen verlieren. Und das würde in dem von einem tief sitzenden System der Patronage beherrschten Staat einem Erdbeben gleichkommen. Bislang hatte die vom Regieren zu legendärem Wohlstand gelangte Partei noch mühelos jede Abstimmung gewonnen. Der lediglich durch einen Zufall – den Tod seines Vorgängers – an die Macht gekommene Jonathan schaffte es jedoch binnen weniger Jahre, die PDP in derart schwere Bedrängnis zu bringen, dass ihr womöglich selbst der Reichtum nichts mehr nützt.

Zahlreiche prominente Mitglieder kehrten der Partei den Rücken, unter ihnen auch Ex-Präsident Olusegun Obasanjo, der Jonathan in einem offenen Brief einen verheerenden Regierungsstil vorwarf. Zuvor hatte der Staatspräsident den Zentralbankchef Lamido Sanusi gefeuert, nachdem dieser die immer wilder wütende Korruption kritisiert hatte. Auch die versprochene Reform des hoch korrupten Erdölsektors blieb aus. Was Jonathan und seiner Partei allerdings vollends das Rückgrat zu brechen drohte, war die Unfähigkeit, mit der die Streitkräfte gegen Boko Haram vorgingen: Die Extremisten kontrollierten schliesslich ein Gebiet von der Grösse Belgiens im Nordosten des Landes.

Plötzliche Erfolge der Armee

Dem Vorwurf, dass er die Sekte mit Absicht wüten liess, weil sie einen dem Südnigerianer feindlich gesinnten Teil des Landes destabilisiere, widmet Jonathan in Yola fast seine gesamte Wahlansprache. Wie man einem Landesvater nur eine derartige Böswilligkeit unterstellen könne, fragt der Präsident eher beleidigt als überzeugend. Dass er den Konflikt mit den Extremisten tatsächlich für seine Zwecke nützt, zeigte sich spätestens, als vor sechs Wochen auf Druck des Präsidenten die Wahlen von Mitte Februar auf Ende März verschoben wurden. Damit könnte er seinen rapiden Popularitätsschwund mit Erfolgen im Kampf gegen die Sekte stoppen, so das Kalkül des PDP-Chefs. Tatsächlich operierten die Streitkräfte in der Wahlkampfverlängerung plötzlich sehr viel effektiver. Bereits Ende April werde Boko Haram zerschlagen sein, triumphiert Jonathan neuerdings.

Für den Staatschef hatte die Verschiebung des Wahltermins noch einen zweiten Vorteil. Der oppositionelle All Progressive Congress (APC) verfügt über wesentlich weniger Geld als die Regierungspartei. Die letzten Wochen musste das Bündnis seinen Wahlkampf fast zum Nulltarif führen. Als Buhari die Provinzhauptstadt Yola besucht, gibt es weder Flaggen an den Lampenmasten noch Poster auf den Trottoirs: Dafür drängeln sich Zigtausende von Anhängern des Ex-Generals auf den Strassen und sorgen dafür, dass der Kandidat zwei Stunden zu spät zur Kundgebung kommt. Zumindest im Norden des Landes muss Buhari kein Geld ausgeben, um die Wähler zu seinen Veranstaltungen zu locken: Der Muslim hat hier Heimvorteil. Dem als willensstark bis stur beschriebenen Offizier trauen die Boko-Haram-Opfer zu, mit der Sekte fertig zu werden: Als Militärdiktator hatte er Mitte der 80er-Jahre eine Invasionstruppe aus dem Nachbarland Tschad in die Flucht geschlagen.

Pfarrer, Okkultisten, Zauberer

Seine Vergangenheit kommt dem militärischen Haudegen allerdings nicht nur gelegen. Viele Nigerianer fragen sich, ob der Ex-Diktator inzwischen tatsächlich demokratische Regeln verinnerlicht hat oder ob er – wie damals – bald wieder Kritiker einsperren lassen wird. Sein Ruf als kompromissloser Korruptionsbekämpfer würde das nicht aufwiegen können. Buhari wird ausserdem Mühe haben, sein heterogenes Bündnis zusammenzuhalten: Die APC sei wie eine «Kirche, der neben katholischen Priestern, Pfarrern und Pfingstpredigern auch Okkultisten und sogar Zauberer angehören», kommentiert ein Kolumnist in Lagos.

Vor der Wahl ist nicht abzuschätzen, was aus Afrikas mächtigster Wirtschaftsnation in den kommenden Wochen wird. Experten beschreiben die vom Verfall des Ölpreises verursachten schweren Staatseinbussen, den Bürgerkrieg im Nordosten des Landes sowie den bevorstehenden Urnengang als «perfektes Rezept» für ein Desaster und sehen einen neuen Militärputsch voraus. Je knapper das Wahlergebnis ausfallen wird, desto grösser die Gefahr, dass es danach zu einer Welle der Gewalt kommen wird.

Erstellt: 27.03.2015, 19:45 Uhr

Goodluck Jonathan.

Muhammadu Buhari.

Boko Haram

Armee erobert Hauptquartier

Einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Nigeria haben die Streitkräfte nach eigenen Angaben das Hauptquartier der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram erobert. Einige Extremisten seien getötet und viele weitere verhaftet worden. Soldaten hätten die Kontrolle über die Zentrale des selbst ernannten Gottesstaats in der nordöstlichen Stadt Gwoza unweit der kamerunischen Grenze übernommen, teilte das Verteidigungsministerium gestern mit. Die Armee-angaben konnten zunächst nicht unabhängig bestätigt werden. (SDA)

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Kommentar Der Afrika-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet über die Wahlen in Nigeria. Mehr...

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