Dem Jemen droht eine Hungersnot

Wenn der Krieg die Hafenstadt Hodeidah erreicht, würde das zu einer riesigen Katastrophe führen. Der UNO-Sondergesandte will die Stadt unter internationale Kontrolle stellen.

Trümmer in der jemenitischen Hauptstadt: Sanaa wird von der arabischen Militärkoalition bombardiert. Foto: Khaled Abdullah (Reuters)

Trümmer in der jemenitischen Hauptstadt: Sanaa wird von der arabischen Militärkoalition bombardiert. Foto: Khaled Abdullah (Reuters)

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Der UNO-Sonderbeauftragte für den Jemen hat die Hauptstadt Sanaa gerade zur rechten Zeit besucht: Vielleicht gelingt es ihm, eine bevorstehende Schlacht um die Hafenstadt Hodeidah am Roten Meer abzuwenden, die verheerende Folgen für das ganze Land haben könnte. Nach seinen Gesprächen in Sanaa mit politischen Vertretern der aufständischen Huthi-Milizen und vorangegangenen Treffen mit der international anerkannten Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansour Hadi zeigte sich Martin Griffiths «ermutigt», den lange brachliegenden Friedensprozess wieder in Gang bringen zu können. Binnen zwei Wochen will er den UNO-Sicherheitsrat über seine Pläne informieren.

Im Zuge schwerer Gefechte mit angeblich mehr als 200 Toten sind von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte jemenitische Milizen jüngst 80 Kilometer von Süden entlang der Küste vorgerückt. Sie stehen nun zehn Kilometer entfernt vom Flughafen von Hodeidah im Distrikt al-Duraihimi. Die Kämpfer stellen drei jemenitische Milizen, die zwar verschiedene politische Ziele verfolgen, sich aber in ihrer Gegnerschaft zu den Huthis einig sind. Anwar Gargash, Staatsminister für auswärtige Angelegenheiten in Abu Dhabi, schrieb am Donnerstag auf Twitter, der Sieg im Jemen sei «nah». Die Huthis drohten, nun sei Abu Dhabi vor ihren Raketen nicht mehr sicher.

Der von den Huthis kontrollierte Hafen ist der grösste des Landes und lebenswichtig für die Versorgung im ärmsten Land der arabischen Welt. Sollte er bei Kämpfen blockiert, beschädigt oder gar zerstört werden, wäre eine landesweite Hungersnot unweigerlich die Folge. Mehr als 22 der etwa 29 Millionen Jemeniten sind im vierten Jahr des Kriegs auf humanitäre Hilfe angewiesen, mehr als 17 Millionen wissen laut dem UNO-Nothilfe-Büro nicht, wo sie ihre nächste Mahlzeit hernehmen sollen. Über Hodeidah werden 70 bis 80 Prozent der Lebensmittel für das von Importen abhängige Land eingeführt.

London gegen Intervention

Der Hafen ist zugleich von strategischer Bedeutung für die Huthis, die vom Iran unterstützt werden. Eine Eroberung durch Truppen der von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudiarabien unterstützten Militärkoalition brächte diese ihrem Ziel näher, der international anerkannten Regierung wieder die Kontrolle über das Land zu verschaffen – einschliesslich einer dann denkbaren Offensive auf Sanaa.

Saudiarabien und die Emirate haben die US-Regierung von Donald Trump um direkte militärische Unterstützung bei der Einnahme des Hafens gebeten, zugleich aber zugesagt, vorerst nicht ohne Einwilligung aus Washington mit der Offensive zu beginnen. Die Emirate schränkten allerdings ein, sie könnten nicht für die jemenitischen Gruppen garantieren. Quellen in Hodeidah bestätigen, dass die Milizen ihren Vormarsch vorerst gestoppt haben. Die Gründe sind jedoch unklar.

Die Huthis haben offenbar Minen gelegt und dürften erbittert um den Hafen kämpfen – gefangen zwischen den Fronten wären Hunderttausende Zivilisten in der drittgrössten Stadt des Landes. Eine Landungsoperation, die zur Einnahme des Hafens nötig wäre, ist zudem am ehesten bei Neumond möglich, der mit dem Fest des Fastenbrechens Mitte Juni zusammenfällt, das die Jemeniten eine Woche lang feiern und zu Familienbesuchen nutzen. Grossbritannien hat sich offen gegen eine Offensive ausgesprochen, die US-Regierung warnte, sie unterstütze keine Operation, die wichtige Infrastrukturen gefährde.

In dieser Lage könnte der UNO-Sondergesandte den Ausweg weisen: Dem Vernehmen nach sondiert er die Möglichkeit, den jemenitischen Hafen Hodeidah unter internationale Kontrolle zu stellen. Diese Massnahme fordern Riad und Abu Dhabi seit langem. Sie beschuldigen den Iran und die Huthis, ballistische Raketen und Waffen durch den Hafen zu schmuggeln.

Das halten westliche Diplomaten für übertrieben, weil alle Schiffe von der saudisch geführten Koalition kontrolliert werden. Allerdings verlangen die Huthis Zoll für kommerziell eingeführte Waren. Der UNO-Sondergesandte, habe «die beste Chance seit einiger Zeit, Bewegung hineinzubringen», sagen Diplomaten. Scheitert er, droht dem Jemen die absolute Katastrophe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 19:14 Uhr

Bootsunglück

Dutzende Flüchtlinge ertrunken

Wenige Tage nach dem verheerenden Kentern eines Flüchtlingsbootes vor Tunesien hat sich vor der Küste des Jemen eine ähnliche Katastrophe abgespielt. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen mindestens 46 Migranten um, als ihr Schiff am Mittwoch bei hohem Wellengang kenterte. 16 Menschen wurden vermisst, 39 Überlebende konnten gerettet werden. Menschenschmuggler hatten mindestens 100 Menschen auf das Boot gepfercht, das am Dienstag in Bosaso in Somalia ablegte. An Bord seien Äthiopier gewesen, die auf der Suche nach Arbeit womöglich über das Bürgerkriegsland Jemen in die Golfstaaten weiterziehen wollten. Über diese gefährliche Route seien letztes Jahr rund 100'000 Menschen in die Golfstaaten gelangt, heiss es bei der IOM.

Vor Tunesien waren am Wochenende 112 Menschen ums Leben gekommen, als ein Boot kenterte. 68 Menschen konnten vor den Kerkenna-Inseln im Osten des Landes gerettet werden. Ein Boot mit rund 180 Flüchtlingen an Bord hatte versucht, von Tunesien nach Italien zu gelangen. Zwei Stunden nach der Abfahrt war es in der Nähe der Kerkenna-Inseln in Seenot geraten und gesunken. Immer mehr Tunesier haben in den vergangenen Monaten versucht, illegal nach Europa zu gelangen. Trotz demokratischer Reformen kämpft das Land mit grossen wirtschaftlichen Problemen. Am Mittwoch war der Innenminister als Reaktion auf das Bootsunglück entlassen worden. (SDA)

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