«Depressionen sind kein Kriterium dafür, ob jemand gefährlich ist»

Die Psychiaterin Astrid Habenstein sagt, der Fall des Co-Piloten sei so speziell, dass er sich kaum hätte verhindern lassen.

Trauer, nicht nur in Haltern: Feuerwehrmänner gedenken der Opfer der Flugzeugkatastrophe. (27. März 2015)

Trauer, nicht nur in Haltern: Feuerwehrmänner gedenken der Opfer der Flugzeugkatastrophe. (27. März 2015) Bild: Keystone

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Wie oft kommt es vor, dass Menschen, die sich selber töten, andere mit in den Tod reissen?
Solche erweiterten Suizide machen weniger als ein Prozent aller Suizide aus. In den meisten Fällen müssen dann ein oder zwei Menschen mitsterben und nicht 149. Der Fall des Germanwings-Co-Piloten ist doppelt ungewöhnlich.

Warum reicht es manchen nicht, «nur» sich selbst zu töten?
Zuerst will ich klarstellen: Fast alle Selbstmörder versuchen, andere Menschen von ihrer Tat zu verschonen. Wenn sie am Brückengeländer stehen und Passanten vorbeikommen, verschieben sie den Sprung. Viele nehmen sich als Belastung für ihr Umfeld wahr. Sie glauben, ihre Mitmenschen mit einem Suizid vor sich selber bewahren zu müssen. Die seltenen Suizide, die sich auch gegen andere richten, treffen fast immer Menschen aus dem nahen Umfeld. Sie sind motiviert durch Gefühle diesen Angehörigen gegenüber: die Mutter, die in einer postnatalen Depression das Kind tötet, weil sie meint, ihm kein sinnvolles Leben bieten zu können. Oder der verlassene Geliebte, der aus Rache seine Ex-Geliebte umbringt. Man kann diese Fälle kaum verallgemeinern, weil sie so selten auftreten. Bei «normalen» Suiziden lässt sich oft ein Muster erkennen. Bei den erweiterten fehlen ausreichende Daten.

Könnte Narzissmus mitgespielt haben? Im Sinne von: Ich bin extrem wichtig, deshalb müssen möglichst viele Menschen meinen Tod zu spüren bekommen?
Das ist Spekulation. Wir wissen zu wenig, um solche Hypothesen aufzustellen.

Manche Selbstmörder rasen in ein Auto, das ihnen entgegenkommt.
Auch das passiert äusserst selten. Und man kann es nur bedingt mit dem vergleichen, was der Co-Pilot tat. Sein Suizid fand während der Arbeitszeit statt, in einem professionellen Umfeld. Und er forderte viel mehr Tote. Es ist wirklich ein Einzelfall.

War es eine Art Amoklauf?
Amokläufer sind oft von Rache getrieben. Sie versuchen etwa, ihren Arbeitskollegen erlittene Demütigungen heimzuzahlen. Der Co-Pilot dagegen kannte seine Passagiere nicht.

Der Co-Pilot konnte nicht wissen, dass der Pilot während des kurzen Flugs die Toilette aufsuchen würde. Gleichzeitig ist er dann acht Minuten lang nach unten geflogen, ohne sich durch das Hämmern an die Tür beirren zu lassen. Ist diese Mischung aus Spontaneität und Konsequenz typisch?
Man kann Erkenntnisse der Suizidforschung nicht eins zu eins auf diesen Fall übertragen. Das ist, als ob man von Äpfeln auf Birnen schlösse. Wir wissen aber, dass Menschen, die einen Suizidversuch überstanden haben, vor der Tat häufig einen tranceartigen, angstfreien Zustand erlebten. Die Suizidhandlung läuft wie automatisch ab, man kann das eigene Verhalten nicht mehr beeinflussen. Dieser Zustand ist allerdings sehr störungsanfällig. Oft reicht ein Detail, das nicht so ist, wie die Betroffenen es sich vorgestellt haben, damit sie die Handlung unterbrechen oder stoppen.

Ist es überhaupt möglich, im Nachhinein herauszufinden, warum der Co-Pilot die Maschine in den Berg gesteuert hat?
Momentan findet die psychologische Autopsie statt. Ermittler und Psychologen versuchen, die Persönlichkeit des Mannes zu rekonstruieren. Sie reden mit Angehörigen, lesen seine Aufzeichnungen, prüfen alles, was der Mann hinterlassen hat. Das Problem an dieser Methode ist, dass man weiss, wonach man sucht. Rückblickend scheint vieles auf die Tat hinzudeuten. Wenn man das Ende aber nicht kennen würde, hätten die Hinweise wohl nicht ausgereicht, um daraus eine solch krasse Tat herzuleiten.

Hätte man das Unglück voraussehen können?
Schwierig. Es heisst, dass der Mann unter einer Depression litt und diese dem Arbeitgeber verheimlichte. Das bedeutet noch gar nichts. Viele Menschen haben Depressionen, doch 99,9999 Prozent von ihnen würden niemals etwas Derartiges tun. Depressionen bilden kein Kriterium dafür, ob jemand gefährlich ist. Ich kann mir vorstellen, dass im Verhalten des Mannes kaum etwas auf seine spätere Tat hat schliessen lassen. Die Menschen, die ihn kannten, reagierten ja äusserst überrascht. Sie nahmen ihn als unauffällig wahr.

Dann haben die Tests nicht versagt?
Die psychologischen Auswahlverfahren, die Fluggesellschaften anwenden, kenne ich nicht genau. Aber derart seltene Fälle lassen sich selbst mit einem ausgeklügelten System kaum verhindern. Da ist es sinnvoller, vorzuschreiben, dass sich immer zwei Menschen im Cockpit aufhalten müssen.

Erstellt: 27.03.2015, 23:53 Uhr

Astrid Habenstein

Die 36-Jährige ist Oberärztin bei den Universitären Psychiatrischen Diensten in Bern. Sie gehört der Projektgruppe Suizidforschung an.

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