Der Fall des falschen Scheichs

Reporter Mazher Mahmood ruinierte Leben. Und nun seinen Konzern.

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Kaum ein Reporter brachte mehr Leute hinter Gitter als Mazher Mahmood. Er rühmte sich, über 100 Verurteilungen erreicht zu haben.

Seine Frontstorys für «News of the World» oder «The Sun» waren Legende: Sophie, Countess of Wessex, musste der Queen einen Entschuldigungsbrief schreiben, weil sie Mahmood gegenüber über die Ehe ihres Sohnes gesagt hatte: «Prinz Charles brauchte nur einen Bauch.» Sarah Ferguson bot ihm an, ein Treffen mit ihrem Ex-Mann Prinz Andrew zu vermitteln: für 500'000 Pfund. Und der englische Fussballnationaltrainer Sven-Göran Eriksson bat Mahmood, den Club Aston Villa zu kaufen, um ihn dort als Trainer anzustellen.

Noch schlimmer erging es einer langen Reihe Schauspieler und Sänger, die ihm Drogen verkauften oder von ihm kauften: Sie wanderten erst auf die Titelseite, dann ins Gefängnis.

Das Treffen mit Mazher Mahmood ­endete fast immer in Gefängnis oder Schande oder beidem

Kurz: Das Treffen mit Mazher Mahmood ­endete fast immer in Gefängnis oder Schande oder beidem. Sein Trick dazu war simpel: Der Reporter kam fast immer als Scheich, spendierte ultra-teure Essen, versprach viel, etwa einen Film an der Seite Robert de Niros, und machte dann antisemitische Witze oder verlangte Kokain: Wer mitmachte, war geliefert.

Fast dreissig Jahre war Mahmood ein Phantom: Es gab kaum Fotos von ihm. In der Zeitung erschien nur sein Schattenriss. Über sein Leben wusste man so gut wie nichts. Nur das: Er war der Sohn eines pakistanischen Journalistenehepaars und begann seine Karriere mit 18 Jahren: mit einer Story über die Freunde seiner Familie, die Raubkopien herstellten.

Immer wieder gab es Ärger, etwa als wegen mangelnder Beweise ein Prozess gegen Islamisten platzte, die angeblich von Mahmood Material für eine schmutzige Bombe kaufen wollten. Oder als der Hauptzeuge im Fall der geplanten Beckham-Entführung sich als von Mahmood bezahlter Informant herausstellte. Aber spektakuläre Storys wie ein Wettbetrug in der pakistanischen Cricket-Nationalmannschaft rissen den Reporter immer wieder aus dem Feuer.

Als der Fall vor Gericht kam, bemerkte der Richter, dass Mahmood die Protokolle gefälscht hatte.

Bis 2015. Dann versuchte Mahmood die Sängerin Tulisa Contostavlos des Kokainkaufs zu überführen. Als der Fall vor Gericht kam, bemerkte der Richter, dass Mahmood die Protokolle gefälscht hatte. Das konnte er tun, weil er – quasi als Lieferant – bei der Polizei ein- und ausging. Die «Sun» entliess ihn – und diese Woche wurde er selbst verurteilt: wegen Beweisfälschung.

Das Strafmass steht noch aus. Aber es dürfte ein Klacks sein gegen das, was dem Murdoch-­Konzern droht. In 30 Jahren Arbeit hatte Mahmood Hunderte Karrieren ruiniert. Und nun sollen Dutzende Fälle wieder aufgerollt werden.

Juristen schätzen, dass eine Prozesswelle auf Mahmoods Ex-Zeitungen zurollt, welche die 350-Millionen-Pfund-Wiedergutmachungen für den Telefonabhörskandal derselben Publikationen wie Geld aus der Portokasse wirken lässt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2016, 20:51 Uhr

Mazher Mahmood

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