Der KGB-Agent und sein Freund vom FBI

Der ehemalige DDR-Bürger Jack Barsky, der im Kalten Krieg Amerika ausspionierte, möchte nie mehr lügen.

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Im Film sieht es aufregend aus, aber wer tut sich das beruflich an? Geheimagent. Das Doppelleben, die dauernden Lügen, die Täuschung der Familie, die Angst vor der Enttarnung, vor Haft, Folter und Tod. Das Risiko, fallen gelassen zu werden. Die gefährlichen Aufträge, die permanente Paranoia. Keine Achtung, keine Beachtung. Misstrauen gegen alle.

Albrecht Dittrich, der sich Jack Barsky nannte, hat in einem Satz gefasst, warum er sich 1970 vom russischen Geheimdienst anwerben liess: «Ich konnte die Welt sehen und jenseits aller Regel leben», zitiert ihn der «Spiegel», «ich stand über dem Gesetz.» Dittrich wuchs in Jena in der DDR auf. Das mit der Welt war nicht als Metapher gemeint.

Die Lebenslügen, die der Beruf mit sich bringt

Der studierte Chemiker, hochintelligent, lernt in Berlin und Moskau Spionieren und Englisch, die Ausbildung dauert mehrere Jahre. 1978 fliegt er in die USA, nimmt den neuen Namen an, erschwindelt sich eine Sozialversicherungsnummer. Er stemmt sich vom Velokurier zum Programmierer hoch, arbeitet bei einem Versicherungskonzern, heiratet, das Paar bekommt zwei Kinder. Dass er auch in Deutschland eine Frau und einen Sohn hat, die er gelegentlich besucht: Das gehört zu den Lebenslügen, die der Beruf mit sich bringt. Wie er es fertigbringt, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen über eine so lange Zeit, bleibt schwer nachvollziehbar. Ausser für ihn.

Dittrich und Barsky, sagt er in der amerikanischen Fernsehsendung «60 Minutes», hätten nichts miteinander zu tun gehabt. Nur lügen konnten beide gleich gut. Den USA scheint der KGB-Agent wenig geschadet zu haben. Ausser einem Programmiercode, der für die Sowjetunion wirtschaftlich wichtig war, hat Barsky keine folgenreichen Geheimnisse nach Moskau geliefert. So weit jedenfalls die offizielle Version. Als die Mauer fällt und die Sowjetunion zerfällt, bleibt der Agent in den USA.

Seinen Auftraggebern lügt er eine HIV-Infektion vor, seine deutsche Frau hält ihn für tot. Obwohl er nicht mehr für den KGB arbeitet und im ländlichen Pennsylvania mit seiner Familie unverdächtig lebt, wird er von einem russischen Überläufer verraten. Das FBI macht ihn ausfindig und schickt einen erfahrenen Agenten, Joe Reilly, der ihn monatelang überwacht und seine Wohnung verwanzen lässt. Als Barsky seiner Frau im Streit eröffnet, ein Spion zu sein, haben die Amerikaner ihren Beweis. Der Ex-Agent wird an einem Freitag im Mai 1997 verhaftet, gesteht, kooperiert, wird freigelassen.

Wenn der Feind zum Freund wird

Ausgerechnet Joe Reilly, sein Überwacher, wird zum Freund. Der ehemalige FBI-Agent und der einstige KGB-Agent sehen sich bis heute, spielen zusammen Golf. Er habe Barsky schon gemocht, als er ihn mit seinem Feldstecher observierte, sagt Reilly, «ich spürte auch, dass er seine Kinder liebt, also würde er nicht fliehen». Von der Mutter seiner Kinder ist Barsky nach bitterem Kampf geschieden, seine dritte Frau stammt aus Jamaika und hat ihn bekehrt. Sie haben eine vierjährige Tochter.

Dass Jack Barsky dem amerikanischen Fernsehen jetzt seine Geschichte erzählt, begründet er mit seinem neu gefundenen Glauben. Er wolle Gott gereinigt gegenübertreten, sagt er. Mit Albert Dittrich, seinem früheren Selbst, hat Jack Barsky nur noch wenig zu tun. Immerhin kommen sie jetzt gut miteinander aus. Sagen sie beide. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2015, 18:06 Uhr

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