Der Kreml schweigt

In Syrien sind bei einem US-Angriff offenbar auch russische Söldner getötet worden. Die Reaktion in Moskau ist auffällig zurückhaltend.

Wladimir Putin, eskortiert von einem russischen Kampfjet, unterwegs zu einer Militärbasis in Syrien. Foto: Sputnik, Reuters

Wladimir Putin, eskortiert von einem russischen Kampfjet, unterwegs zu einer Militärbasis in Syrien. Foto: Sputnik, Reuters

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Seit die russischen Streitkräfte im Herbst 2015 in den Syrienkrieg eingriffen, war ein tödlicher Zusammenstoss von Amerikanern und Russen das Schreckensszenario schlechthin: Konfrontation der Supermächte. Doch seit vor einer Woche bei einem US-geführten Luftangriff auf eine mehrere Hundert Mann starke Milizeneinheit nahe der Stadt Deir al-Zour russische Staatsbürger getötet wurden, bemüht sich Moskau nach Kräften, die Details des bisher schwersten Zwischenfalls zwischen Amerikanern und regimetreuen Einheiten unter der Decke zu halten – ausser der üblichen Rhetorik gegen die US-Präsenz im Land.

Die Angaben über die Zahl der Opfer des Angriffs im Euphrat-Tal gehen weit auseinander. Während das russische Verteidigungsministerium betonte, dass die Streitkräfte keine Verluste erlitten, zitieren die Agentur Bloomberg und die «New York Times» russische Quellen, die von bis zu 200 Toten sprechen, die meisten Russen. Informanten in der Region berichteten erst von getöteten syrischen Stammeskämpfern und vielen Afghanen, möglicherweise waren aber auch Kämpfer aus Ex-Sowjetrepubliken in Zentralasien unter den Getöteten. US-Militärquellen meldeten zunächst etwa 100 Tote und doppelt so viele Verletzte.

Das «Conflict Intelligence Team», eine Gruppe russischer Aktivisten, die sich auf die Recherche zu Militäroperationen spezialisiert hat, veröffentlichte bis Mittwoch die Namen von acht Männern, deren Angehörige oder Bekannte bestätigten, dass sie beim Angriff am 7. Feb­ruar getötet wurden. Laut «New York Times» ist der Tod von mindestens vier Russen verifiziert.

Der Held Russlands

Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, hatte zuvor gesagt, der Kreml befasse sich nur mit den russischen Streitkräften und verfüge über keine Informationen zu «anderen russischen Staatsbürgern, die sich in Syrien aufhalten könnten». Die Zurückhaltung fällt auf im Vergleich zu einem anderen Zwischenfall wenige Tage vor dem Gefecht: Am 3. Februar schossen radikale Gegner des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad bei Idlib einen russischen Su-25-Erdkampfjet mit einer schultergestützten Luftabwehrrakete ab. Der Pilot Roman Fillipow rettete sich mit dem Schleudersitz, zündete aber nach einer Schiesserei mit Kämpfern das Al-Qaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Sham eine Handgranate, offenbar um nicht in die Gefangenschaft der Jihadisten zu geraten.

Über Wochen war der Heldentod von Pilot Roman Fillipow das Hauptthema in den russischen Nachrichten. Wladimir Putin verlieh dem 33-Jährigen posthum den Orden «Held Russlands» – die höchste Auszeichnung, die der Staat vergibt. Sein Begräbnis wurde im Staatsfernsehen übertragen. In der Wochenschau legte der Moderator nahe, die Terroristen könnten die Rakete nur von Amerikanern bekommen haben.

Söldner einer privaten Armee

Dass über den Tod russischer Kämpfer, die nachweislich Opfer eines Angriffs der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wurden, der Mantel des Schweigens gebreitet wird, hat zwei Gründe: Zunächst hatte Putin erst Ende vergangenen Jahres den Sieg über den Terrorismus in Syrien verkündet und den Abzug grösserer Truppenteile angeordnet. Nicht weniger wichtig ist der rechtliche Aspekt: Anders als der Pilot Fillipow waren die am 7. Feb­ruar Getöteten als Kämpfer einer privaten russischen Söldnerarmee in Syrien.

Die als «Gruppe Wagner» bekannte Einheit wurde laut Recherchen unabhängiger russischer Medien in einer Frühphase des Ukrainekriegs gegründet und kämpfte seither in der Ostukraine und in Syrien, dort angeblich mit mehr als 2000 Mann. Dem russischen Verteidigungsministerium erlaubte das Konstrukt, zu behaupten, in der Ukraine kämpften keine russischen Soldaten. Nach Recherchen des CIT hatten mehrere bei Deir al-Zour Getötete zuvor im Donbass gekämpft. Offiziell steht die Mitgliedschaft in privaten Söldnerarmeen in Russland unter Strafe. Anfang der Woche nahm das Parlament Pläne wieder auf, einen Rechtsrahmen für sie zu schaffen.

Russen bitten um Feuerpause

Auch sind die politischen Implikationen immens: Die Gruppe Wagner operiert in Syrien mit dem Wissen und unter Anleitung des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Die Amerikaner hatten über eine permanente Verbindung mit dem russischen Hauptquartier in Syrien einen direkt bevorstehenden Angriff auf das lokale Hauptquartier der mit ihnen verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gemeldet, das acht Kilometer jenseits einer mit Moskau vereinbarten Demarkationslinie liegt. Ihnen wie dem kurdischen Befehlshaber der SDF teilten russische Verbindungsoffiziere mit, es gebe keine ungewöhnlichen Truppenbewegungen in der Region, russische Soldaten seien dort nicht im Einsatz.

Nachdem laut den Amerikanern ein koordinierter Angriff mit Mörsergranaten und T-72-Kampfpanzern begonnen hatte und 30 Geschosse im Umkreis von 500 Metern um den Stützpunkt einschlugen, auf dem US-Militärberater stationiert sind, erwiderten sie das Feuer. Neben der Artillerie kamen Kampfdrohnen und ein C-130-Gunship zum Einsatz, ein zur Bekämpfung von Bodentruppen umgebautes Transportflugzeug mit enormer Feuerkraft. Während des mehrstündigen Gefechts baten die Russen laut dem kurdischen Kommandanten um eine Feuerpause, um Tote und Verletzte zu bergen – nachdem sie zuvor bestritten hatten, dass russische Einheiten im Einsatz seien oder überhaupt ein Angriff in Gang sei.

Das US-Militär bemüht sich nach eigenen Angaben um eine Klärung mit der russischen Seite, hält sich aber mit Aussagen auffällig zurück. Zu keiner Zeit habe die Gefahr eines direkten Zusammenstosses zwischen US- und russischen Truppen bestanden. Die Bewertung des Zwischenfalls ist nicht abgeschlossen. Entscheidend dürfte sein, ob die russischen Söldner ohne Wissen der Streitkräfte an einer Operation regimetreuer Milizen beteiligt waren, an der laut kurdischen SDF-Quellen auch iranische und afghanische Kämpfer teilnahmen. Oder ob Russland aus politischen Gründen nur jedes Wissen über die Operation abstreitet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 22:37 Uhr

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