Der Präsident ist bereit, die Taliban anzuerkennen

Ashraf Ghani bietet den Gotteskriegern Gespräche an – und sogar die Anerkennung als politische Kraft Afghanistans.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani sucht die Aussöhnung mit den Taliban.<br />Foto: Omar Sobhani (Reuters)

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani sucht die Aussöhnung mit den Taliban.
Foto: Omar Sobhani (Reuters)

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Eines kann man Ashraf Ghani nicht vorhalten: dass er sich entmutigen lässt. In seiner inzwischen gut dreijährigen Amtszeit hat der afghanische Präsident die Aussöhnung mit den Taliban in den Mittelpunkt seiner Politik gestellt. Er hat die Aufständischen umschmeichelt, immer wieder eindringlich an sie appelliert, die Waffen niederzulegen und an den Verhandlungstisch zu kommen – weil die inzwischen fast vierzig Jahre, die das afghanische Volk in Unfrieden lebt, an den Nerven der islamischen Nation zehren.

Nun hat Ghani bei einer internatio­nalen Konferenz in der afghanischen Hauptstadt Kabul den Islamisten erneut ein weitreichendes Angebot unterbreitet: Ohne Vorbedingungen wolle seine Regierung mit den Aufständischen reden, auch könne er sich gut vorstellen, die Aufständischen als politische Kraft zuzulassen. «Wir erwarten von den Taliban, dass sie sich in einen politischen Prozess einbringen, dessen Ziel es ist, die Taliban als Organisation zu Friedensgesprächen an den Verhandlungstisch zu bringen», sagte der Präsident.

Als ersten Schritt schlug er vor, die Taliban könnten eine Vertretung in Kabul eröffnen, eine Anlaufstelle, die ein Treffpunkt für Verhandlungen sein könnte. Zusätzlich zu einem Waffenstillstand als Grundlage für Gespräche bot Ghani auch an, gefangene Talibankämpfer freizulassen, Wahlen abzuhalten und mit den Taliban über die Verfassung zu debattieren, die diese immer wieder als unislamisch diffamiert haben.

USA lehnen Dialog ab

An der Kabuler Konferenz nahmen Vertreter von 26 Ländern teil. Die Taliban reagierten unmittelbar auf Ghanis Rede und lobten sein Friedensangebot. Allerdings wiederholten sie in einer Stellungnahme, was sie immer wieder betonen: dass es aus ihrer Sicht erst zu Friedensgesprächen kommen kann, wenn die ausländischen Truppen vollständig aus Afghanistan abgezogen sind. Die verbliebenen westlichen Soldaten, die am Hindukusch stationiert sind, beraten und unterstützen die einheimische Armee – ihr vollständiger Rückzug würde den Islamisten in die Hände spielen. Auch bevorzugen die Taliban direkte Gespräche mit den USA statt der afghanischen Regierung. Darauf lässt Washington sich aber nicht ein. Ein Talibanbüro, wie Ghani es vorgeschlagen hat, wäre nicht neu. Es gibt bereits eine Vertretung in Doha. Doch sind sämtliche Bemühungen für eine Aussöhnung unterlaufen worden. Und eine Vertretung in Afghanistan böte mehr Möglichkeiten direkter Kontakte für einen Friedensprozess, der seit Jahren auf Eis liegt.

Nach ihrem Sturz im Jahr 2001 waren sich die westlichen Besatzer in Afghani­stan sicher, dass es gar keinen Friedensschluss mit den Taliban brauche; dass die gestürzten Islamisten nachhaltig besiegt worden seien. Erst im Laufe des Einsatzes konnten die geschwächten Tali­ban ihre Macht schrittweise wieder ausbauen – vor allem, weil sie die ungesicherte Grenze nach Pakistan übertreten können und in Teilen des pakistanischen Sicherheitsestablishments ihre Unterstützer haben.

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Islamabad will ein gewichtiges Wort mitreden bei der Nachkriegsordnung. So versäumte es Ghani am Mittwoch auch nicht, Pakistan zu erwähnen und zu Gesprächen aufzurufen. Beobachter gehen davon aus, dass zusätzlich zu der innerafghanischen Aussöhnung eine umfassende internationale Lösung für Afghanistan gefunden werden müsse. Das Land ist aufgrund seiner geostrategischen Lage traditionell ein Spielball ausländischer Interessen. So müssten neben den USA auch Indien, China – das in der Region die wirtschaftliche Schutzmacht Paki­stans ist –, Russland und der Iran an einem Pakt zur Stabilisierung des Landes mitarbeiten. Da es sich um so viele verschiedene Akteure mit noch mehr Interessen handelt, gab es bislang aber immer wieder politische Kräfte, die jeden Friedensprozess im Keim erstickt haben.

Als die westlichen Kampftruppen den Hindukusch 2014 verliessen, herrschte im Afghanistan-Krieg ein Patt – die Taliban waren nicht so stark wie zu Zeiten ihrer Herrschaft 1996 bis 2001, die Sicherheitskräfte aber auch nicht gut genug ausgebildet, um die Aufständischen in Schach zu halten. In den vergangenen Jahren haben die Islamisten ihren Einfluss ausbauen können. Seit Polizei und Armee weitgehend auf sich allein gestellt sind, zahlen sie einen hohen Blutzoll, genau wie die Zivilbevölkerung. Nach UNO-Angaben starben 2017 etwa 3500 Menschen im afghanischen Krieg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2018, 21:02 Uhr

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