Der Traum des Martin Luther King

Vor 50 Jahren wurde der Anführer von Amerikas schwarzer Bürgerrechtsbewegung ermordet. Was ist aus seinen Visionen geworden?

Martin Luther King Jr. mit seiner Frau Coretta im März 1956 in Montgomery, Alabama. Foto: Gene Herrick (Keystone)

Martin Luther King Jr. mit seiner Frau Coretta im März 1956 in Montgomery, Alabama. Foto: Gene Herrick (Keystone)

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Ein Gespräch in Selma, Alabama, am Ufer des Flusses: Ein alter Handwerker klettert aus seinem Laster, die Hände voller Farbkleckse. Er hat hier in einem Haus zu tun, aber vorher will er ein Schwätzchen halten. Er zeigt auf die Brücke, die sich ein Stück flussabwärts über den Alabama River spannt, ein eleganter Bogen aus Stahlträgern, und sagt: «Ich kann mich noch erinnern, als die Schwarzen damals da drüber marschiert sind. Ich war etwa elf. Es gab ziemliche Schlägereien. Dieser Bursche war damals auch dabei.» Dann fügt er hinzu: «Viel gebracht hat es ihnen ja nicht. Heute sind die meisten Schwarzen arbeitslos und leben von Sozialhilfe.»

Willkommen im Süden der USA im Jahr 2018.

Es gab Zeiten, da war es noch viel schlimmer. Als der Handwerker ein kleiner Bub war zum Beispiel, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Amerikas Schwarze waren damals zwar seit einem Jahrhundert keine Sklaven mehr, aber in Bundesstaaten wie Alabama, im «tiefen Süden», waren sie Bürger zweiter Klasse – arm, rechtlos und diskriminiert. Der Rassismus gehörte dort zum Alltag, er war gesellschaftlich akzeptiert und staatlich vorgeschrieben. Das öffentliche Leben war segregiert, bis 1964 galt in etlichen Bundesstaaten eine gesetzlich verordnete Rassentrennung. Und kaum ein Weisser in Alabama fand in den Sechzigern etwas dabei, einen Schwarzen einen «Nigger» zu nennen. Das würde dem Handwerker in Selma heute nicht mehr einfallen. Und dass dies so ist, hat auch mit der Brücke und ganz wesentlich mit «diesem Burschen» zu tun.

Die Brücke – das ist die Edmund Pettus Bridge, wo im März 1965 weisse Polizisten und Rassisten auf schwarze Bürgerrechtsdemonstranten einprügelten. Und der Bursche, der damals auch dabei war – das war Martin Luther King Jr.

Als King im Frühjahr 1965 die schwarzen Demonstranten über die Edmund Pettus Bridge führte und von dort weiter über den Highway 80 nach Montgomery, die Hauptstadt von Alabama, war er 36 Jahre alt, ein junger Pfarrer und Familienvater. Zugleich war Martin Luther King damals jedoch schon eine historische Figur, ein politischer Akteur von Weltrang: der Mann, der Amerikas Schwarzen die Freiheit gebracht hatte.

Wie ein guter Guerillakämpfer

Angefangen hatte Kings Kampf zehn Jahre zuvor. Nachdem die schwarze Sekretärin Rosa Parks im Dezember 1955 in Montgomery verhaftet worden war, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen Weissen zu räumen, organisierte King einen Boykott der städtischen Bus­betriebe. Das schadete diesen wirtschaftlich enorm, vor allem aber war es eine offene und massive Provokation gegen die von den Weissen errichtete – und erbittert verteidigte – alte Ordnung. In den Jahren danach führte King in verschiedenen Städten und Bundesstaaten im amerikanischen ­Süden Protestaktionen gegen die Diskriminierung der Schwarzen an: Demonstrationen, Blockaden, Aufmärsche. Der baptistische Reverend aus Georgia wurde dadurch zum wichtigsten Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

King glaubte an Gerechtigkeit und Freiheit als ­etwas Absolutes und Unteilbares. Entweder es gab sie – oder nicht. In der staatlich sanktionierten Diskriminierung der Schwarzen sah er einen nicht hinnehmbaren Verstoss gegen die Gerechtigkeit und einen unauflöslichen Widerspruch zu den freiheitlichen Glaubenssätzen, auf denen die USA gegründet worden waren. Er glaubte allerdings nicht ­daran, dass Gerechtigkeit und Freiheit sich von ­allein einstellen. Ungerechtigkeit und Unfreiheit, davon war King zutiefst überzeugt, lassen sich nur durch Widerstand bekämpfen und überwinden.

King glaubte an Gerechtigkeit und Freiheit als ­etwas Absolutes und Unteilbares. Entweder es gab sie – oder nicht.

Kings Proteste waren deswegen immer bewusst konfrontativ. Er brach die Gesetze, die er als ungerecht für die Schwarzen empfand. Er marschierte dort, wo er nicht marschieren durfte, er rief zu Versammlungen auf, wo es verboten war. Er wurde ­dafür verhaftet, auf sein Haus wurden Anschläge verübt. Um Gerechtigkeit zu erzwingen, nahm King diese Risiken in Kauf.

Mehr noch: Er kalkulierte, so wie jeder gute Guerillakrieger, der gegen eine organisierte Übermacht kämpft, die Überreaktion seiner Gegner ein. In Birmingham schickte er Kinder auf die Strasse, die ihre Bürgerrechte einforderten – der Polizeichef hetzte Schäferhunde auf sie. Die masslose Gewalt der Polizei gegen wehrlose Demonstranten, die rassistischen Attacken auf Schwarze, die Morde an Bürgerrechtlern – das waren furchtbare Momente in der amerikanischen Geschichte. Aber sie halfen Martin Luther King am Ende, den wichtigsten Kampf zu gewinnen – den um die öffentliche Meinung im Land und um die Seele Amerikas.

King erreichte mit den Lehren vom friedlichen Widerstand das scheinbar Unmögliche: dass die Schwarzen in den USA endlich als Amerikaner anerkannt wurden.

Trotz der Gewalt, die gegen ihn und seine Anhänger ausgeübt wurde, glaubte King selbst bedingungslos an den Frieden. Die Rassisten warfen Bomben, sie lynchten Menschen und zündeten schwarze Kirchen an, die Keimzellen des Widerstands. Doch auf die Gewalt der Gegenseite antwortete King nie mit Gegengewalt. Sein Widerstand blieb strikt gewaltlos.

Wie weit man damit kommen kann, wie hilflos nach einer gewissen Zeit die vermeintlich Mächtigen aussehen, wenn sie auf friedliche Proteste mit Kugeln, Stockhieben und Tränengas antworten, hatte zuvor in Indien bereits Mahatma Gandhi vorgemacht. Und auch King erreichte mit den Lehren vom friedlichen Widerstand und zivilen Ungehorsam das scheinbar Unmögliche: dass die Schwarzen in den USA endlich als Amerikaner anerkannt wurden, als vollwertige, gleichberechtigte Bürger. 1964 bekam King dafür als bis dahin jüngster Preisträger den Friedensnobelpreis verliehen.

Der 28. August 1963

Vor allem aber glaubte er an das Wort. Schon als Schüler war King, der 1929 in Atlanta geboren und dort aufgewachsen war, ein begabter Redner gewesen. Als Pastor und Prediger hatte er sein Talent weiterentwickelt. Auch heute noch sollte man sich Reden von King lieber anhören, als sie nur zu lesen. Die Betonungen, der Rhythmus, die Wiederholungen, die alle auf einen zentralen Gedanken hinführen, sind aussergewöhnlich und faszinierend.

Am 28. August 1963 kam all das zusammen: Kings Organisationstalent, sein Wille, die Obrigkeit durch grosse Protestaktionen herauszufordern, das aber friedlich zu tun, und sein Können als Redner. An jenem Tag stand King auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington, in der dampfenden Sommerhitze des amerikanischen Südens, vor ihm füllten Hunderttausende Menschen die National Mall, den grossen Parkstreifen im Herzen der US-Hauptstadt: «Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben und die wahre Bedeutung ihres Bekenntnisses ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich erschaffen sind», rief King. «Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. Ich habe heute einen Traum!»

«I Have A Dream»: Die berühmteste Rede Martin Luther Kings. 28. August 1963. Quelle: Youtube

«I have a dream» – einer der berühmtesten Sätze der Weltgeschichte. Kurz darauf konnte die Bürgerrechtsbewegung zwei ihrer wichtigsten Siege feiern. 1964 verabschiedete der Kongress den Civil Rights Act, der den Schwarzen in den USA die vollen Bürgerrechte zugestand und die Rassentrennung für illegal erklärte. 1965 folgte der Voting Rights Act, der sicherstellen sollte, dass Minderheiten bei Wahlen nicht durch unfaire Regeln benachteiligt werden. Als Barack Obama im November 2008 zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt wurde, waren es auch diese beiden von Martin Luther King erkämpften Gesetze, die garantierten, dass die Stimmen der afroamerikanischen Wähler gehört und gezählt wurden.

Aber es wäre natürlich naiv zu glauben, dass sich Rassismus und Vorurteile durch ein oder zwei Gesetze aus der Welt schaffen liessen. Amerika ist längst nicht so weit, dass Menschen nur nach ihrem Charakter beurteilt werden anstatt nach ihrer Hautfarbe, wie King es sich einst erträumt hat. Den Schwarzen in Amerika geht es heute zwar sehr viel besser als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, nicht nur rechtlich, sondern auch wirtschaftlich. Darauf hat Barack Obama immer wieder hingewiesen. Es gibt heute eine breite schwarze Mittelschicht. Auch das ist ein Verdienst von Martin Luther King, der wusste, dass politische Freiheit ohne materielle Sicherheit wenig wert ist. Seine Protestaktionen zielten daher immer auch darauf, die Diskriminierung der Schwarzen im Wirtschaftsleben zu beenden. Es war kein Zufall, dass sein «Marsch auf Washington» im August 1963 als Marsch «für Freiheit und Arbeitsplätze» angekündigt wurde.

Von echter Gleichberechtigung kann keine Rede sein. Amerikas Schwarze sind immer noch ärmer, schlechter ausgebildet und leben ungesünder. 

Aber von echter Gleichberechtigung der Afroamerikaner kann keine Rede sein. Amerikas Schwarze sind im Durchschnitt immer noch ärmer als die Weissen, sie sind schlechter ausgebildet und leben ungesünder. Sie werden härter bestraft als Weisse und leiden mehr unter Kriminalität. Und sie landen öfter im Leichenschauhaus. Die vielen brutalen Übergriffe von weissen Polizisten auf offensichtlich unschuldige Schwarze haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sich unter dem Schlagwort «Black Lives Matter» eine zweite Bürgerrechtsbewegung formiert hat.

Die Konservativen in den USA haben darauf ähnlich verbissen und aggressiv reagiert wie einst weisse Politiker im Süden auf Kings Bewegung. Manche rechte Kommentatoren beschimpften die Black-Lives-Matter-Aktivisten als «einheimische Terroristen», die zum Mord an Polizisten aufriefen. Und tatsächlich gibt es im Black-Lives-Matter-Lager Leute, die fordern, dass sich Amerikas Schwarze bewaffnen und wehren sollen; und es gab Rachemorde von Schwarzen an weissen Polizisten. Das würde King wohl strikt ablehnen, so wie er zu seiner Zeit die Militanz des Schwarzenführers Malcolm X abgelehnt hat. Aber dass King heute, wäre er noch am Leben, mit den friedlichen Black-Lives-Matter-Aktivisten auf die Strasse gehen und demonstrieren würde, ist unzweifelhaft.

Der Stolz bleibt

Vor 50 Jahren, am Morgen des 4. April 1968, wurde Martin Luther King auf dem Balkon eines Motels in Memphis vom weissen Rassisten James Earl Ray erschossen. Amerikas schwarze Gemeinde hat sich in politischer Hinsicht von diesem Mord nie wirklich erholt, sie hatte seither keinen Anführer mehr, der über die gleiche moralische Integrität, das rhetorische Talent und die politische Wucht verfügt hätte wie Martin Luther King. Barack Obama hätte vielleicht das Zeug dafür. Aber er ist als ehemaliger Präsident zu umstritten. Zudem wollte er stets zwar der erste schwarze Präsident Amerikas sein, aber nie der Präsident der Schwarzen in Amerika.

Seit 2011 steht in Washington, nicht weit vom Lincoln Memorial entfernt, ein Denkmal, das den getöteten Freiheitshelden ehrt. Und ausgerechnet die irische Band U2 hat in einem ihrer Lieder in einem einzigen Satz zusammengefasst, was Martin Luther King hinterlassen hat: «Endlich frei / sie haben dir dein Leben genommen / deinen Stolz konnten sie dir nicht nehmen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 23:50 Uhr

Sex-Tonbänder an Kings Ehefrau

FBI wollte King diskreditieren

J. Edgar Hoover, langjähriger Direktor der amerikanischen Bundespolizei FBI, betrachtete Martin Luther King als seinen Intimfeind. Hoover überzeugte Präsident John F. Kennedy und dessen Bruder Robert, den Justizminister, dass King Teil der sowjetischen Strategie sei, in den USA einen Umsturz herbeizuführen. Das FBI zapfte das Telefon eines Vertrauten Kings an und hörte mit, als die beiden den Marsch nach Washington und die «I have a dream»-Rede planten. Das FBI sprach danach von einem «demagogischen» Auftritt und startete einen Feldzug gegen «den für die Zukunft des Landes gefährlichsten Neger». Justizminister Kennedy persönlich genehmigte die elektronische Überwachung des Bürgerrechtlers, wie US-Autor Tim Weiner in seinem Standardwerk zum FBI schreibt. So erfuhr das «Bureau» von Kings Taktik. Dazu kamen Late-Night-Partys, die mit Geschlechtsverkehr endeten. «King ist ein streunender Kater mit zwanghaft degenerierten sexuellen Neigungen», notierte Hoover.

Als 1964 Martin Luther King der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, versuchte Hoover, den Pfarrer mit seinen sexuellen Ausschweifungen zu erpressen. Damit wollte er verhindern, dass King die Auszeichnung annahm. Hoover liess ein Paket mit den Sex-Tonbändern an Kings Privatadresse schicken. Dessen Ehefrau öffnete es und las den beigelegten Brief, der einen Aufruf zum Suizid enthielt: «King, gehen Sie in sich. Das amerikanische Volk wird Sie bald als das erkennen, was Sie sind – ein übles abartiges Tier. Es gibt nur einen Ausweg.»

Als Martin Luther King am 4. April 1968 ermordet wurde, richtete sich die Wut und Empörung der Amerikaner auch gegen das FBI. Die Methoden der Bundespolizei und insbesondere J. Edgar Hoovers waren unterdessen ruchbar geworden. Der Chef der Behörde konnte erst 1969 aufatmen, als sein Freund Richard Nixon ins Weisse Haus einzog. Hoover blieb FBI-Direktor, bis er 1972 nach fast 48 Jahren im Amt starb. (chm)

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