Die Königin der Selbstdisziplin

IWF-Chefin Christine Lagarde hat gelernt, Konflikte wegzuatmen. Doch nun ist auch sie an ihre Grenzen gestossen.

Das Lächeln verloren: Christine Lagarde, IWF-Chefin. Foto: Thibault Camus (AP)

Das Lächeln verloren: Christine Lagarde, IWF-Chefin. Foto: Thibault Camus (AP)

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Sie ist keine Frau, die andere gern enttäuscht. Christine Lagarde ist eher vom Typus Indianer. Sie würde sich lieber ein Bein abschneiden, als das eigene Wort brechen. Ihr Trainer hat ihr als junges Mädchen eine Devise mitgegeben, an die sie sich ihr Leben lang gehalten hat: Zähne zusammenbeissen und lächeln. Dafür steht sie um sechs Uhr morgens auf, macht Yoga, meditiert. Sie hat gelernt, Konflikte wegzuatmen. Sie trinkt keinen Alkohol, isst kein rotes Fleisch. Sie lächelt immer, wie eine geübte Synchronschwimmerin, die von ihren Mühen unter Wasser nichts ahnen lässt. Christine Lagarde ist die Königin der Selbstdisziplin.

Antikes Drama

In Brüssel ist die 59-Jährige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) jetzt an ihre Grenzen gestossen. Das Lächeln ist aus ihrem Gesicht gewichen. Sie sieht mitgenommen aus. Übermüdet. Auf manchen Bildern hat man das Gefühl, dass sie, die immer tipptopp ­zurechtgemacht ist, jetzt völlig ungeschminkt in die Verhandlungen geht. Als wüsste sie, dass dies der Misserfolg ist, den man ihr für alle Zeiten ankreiden wird. Es wirkt wie ein antikes Drama, dass ausgerechnet sie, die zu ganz Grossem berufen schien, an Griechenland scheitern muss. Vor zwei Jahren noch hatte das amerikanische Magazin «Time» getitelt: «Kann diese Frau ­Europa retten?» Inzwischen kennt jedes Kind die Antwort. Nein, Christine ­Lagarde, Chefin des IWF, kann es nicht.

Die Situation ist noch vertrackter. ­Lagarde hat Angela Merkel abgelöst. Sie ist es, die jetzt den Bad Cop spielt und auf Rückzahlung pocht. «Wenn wir Geld verleihen, dann kommt es aus Senegal, Sri Lanka, aus der Schweiz», sagte ­Lagarde vergangene Woche in Brüssel. «Es ist deren Geld, das wir verleihen.»

Man kann ihre Position nachvollziehen. Lagarde muss den Laden zusammenhalten. Es geht ihr um Glaubwürdigkeit. Sie will die Regeln einhalten. In Wahrheit muss sie den Fehler ihres Vorgängers Dominique Strauss-Kahn ausbaden. Denn er war es, der sich das Griechenlandpaket ausgedacht hat. Er war es, der aus dem IWF einen Global Player machen wollte, der sich nicht nur um Schwellenländer kümmert, sondern in der Ersten Welt mitspielt. Auch Merkel wollte das. Die Seriosität des IWF schien ihr ein Garant für die strenge Lösung: kein Schuldenerlass, sparen, Zähne zusammenbeissen, durch. Seitdem Griechenland mit der vereinbarten Rückzahlung ausgesetzt hat, ist eingetreten, was man für das Undenkbare hielt: Griechenland ist das erste Industrieland, das sich über den IWF hinwegsetzt. Es steht jetzt in einer Reihe mit Zimbabwe, dem Sudan und Somalia.

Finanzminister Yanis Varoufakis sprach von «krimineller Verantwortung» des IWF. Das war für Lagarde das Wort zu viel. Letzte Woche in Brüssel soll sie zu weiteren Verhandlung mit der Begrüssung gekommen sein: «Hier kommt die Hauptverbrecherin.» Auf ­einer Pressekonferenz fiel dann der sagenhafte Satz, die Verhandlungen stockten und es könne erst weitergehen, «wenn Erwachsene an einem Tisch» sässen. Es war die Supernanny, die so sprach. Die Königin der Selbstdisziplin hatte kurz die Kontrolle verloren. Schon damals, als französische Finanzministerin, nannte man sie Madame Lagaffe nach dem gleichnamigen Komikhelden Gaston, dessen Name wörtlich «Ausrutscher» bedeutet. Ein Abgeordneter der französischen Sozialisten twitterte sofort: «Das letzte Mal, dass Lagarde unter Erwachsenen verhandelt hat, kostete das die Franzosen 400 Millionen. Lassen wir besser die Kinder machen.» Gemeint ist natürlich der Tapie-Skandal, in den Lagarde verwickelt ist. Ein Gericht hat kürzlich das Urteil eines Schiedsgerichts annulliert, das dem französischen Geschäftsmann Bernard Tapie 400 Millionen Euro zugesprochen hat. Jetzt wird gegen die ehemalige Finanzministerin Frankreichs ermittelt.

Standing Ovations

Dass der IWF die Hauptschuld an der Zahlungsunfähigkeit seines Landes trägt, mit dieser Meinung steht Varoufakis nicht alleine da. Sogar aus den Reihen des IWF kann man das hören. Vom «big greek mistake» spricht der Wirtschaftswissenschaftler Ashoka Mody, Gastprofessor in Princeton, zuvor Vizedirektor der europäischen Forschungsabteilung des IWF: «Inzwischen», so Mody, «ist fast jeder der Meinung, dass es ein Fehler war, Griechenland zu zwingen, die privaten Schuldner zu bezahlen. Die von ihnen geforderte Austerität hat sie schlicht überfordert und zum Kollaps der Wirtschaft geführt. Der IWF hat diesen Fehler in einem Bericht über Griechenland 2013 zugegeben.» Auch der IWF-Chefökonom, Olivier Blanchard, warnte in einem Arbeitspapier davor, dass weitere Austerität Wachstum verhindere. Präsident François Hollande plädiert ebenfalls für mehr Flexibilität. Mit der Forderung nach «sofortiger Einigung» opfert er die deutsch-französische Einigkeit für Europa.

Als Lagarde vor vier Jahren als Chefin des IWF antrat, hatte es Kritik von allen Seiten gegeben. In Wahrheit sei sie ja gar keine Ökonomin. Drei Jahre später gestand sie einem französischen Journalisten, vor ihrem Amtsantritt «endlos Akten gefressen zu haben», über Monate. «Ich bin keine Weltmeisterin regressiver Kurven geworden oder der höheren Ökonometrie, aber ich verstehe die Mechanismen. Und dafür habe ich sehr hart gearbeitet.» Wenn Lagarde «hart» sagt, dann heisst das, eisenhart.

Kein Porträt, das nicht ihr Äusseres beschreiben würde. «Preussin in Chanel», titelte der «Stern».

Kein Porträt, das nicht ihr Äusseres beschreiben würde. Das gepflegte silbergraue Haar. Ihre gerade Körperhaltung, die sie noch grösser, noch schlanker wirken lässt. Ihre Kostüme. «Preussin in Chanel», titelte der «Stern». «Das Gesicht der Austerität», schreiben andere jetzt. Aber es ist ihre ausserordentliche Intelligenz, gepaart mit stählerner Selbstdisziplin, die Lagarde zum politischen Shootingstar gemacht haben.

Unlängst gab sie zu verstehen, dass sie für ein zweites Mandat an der Spitze des IWF zur Verfügung stehe. Diese Option scheint jetzt verspielt. Die Vertreter der Schwellenländer werden sie für Griechenland bezahlen lassen. Aber waren das ihre einzigen Ambitionen? Auf dem Women’s Forum von Deauville, einer Plattform der weltweit einflussreichsten Frauen, stand unlängst eine Frau auf und verkündete, es gäbe eine grosse Gruppe Gleichgesinnter, die würden sie, Christine Lagarde, gern als die nächste Präsidentin Frankreichs sehen. Es gab Standing Ovations. Lagarde lächelte, legte ihre Hand aufs Herz und verneigte sich leicht. Ende der Vorstellung. «Frauen werden immer dann gerufen, wenn alles schiefläuft», hat sie einmal gesagt.

Erstellt: 03.07.2015, 04:39 Uhr

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