Die Regierung Tsipras empfiehlt ein «stolzes Nein»

In den Umfragen zum Euro-Referendum holen die Ja-Sager auf. Auf den Strassen zeigen die Bürger Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft.

Pensionierte Griechen warten vor der Nationalbank auf die Auszahlung ihrer Renten. Foto: Konstantinos Tsakalidis (Bloomberg)

Pensionierte Griechen warten vor der Nationalbank auf die Auszahlung ihrer Renten. Foto: Konstantinos Tsakalidis (Bloomberg)

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Der Himmel ist wolkenverhangen, ungewöhnlich dunkel für einen Juni-Tag, so, als habe sogar der griechische Sommer staubgraue Trauerkleidung angelegt. Die Werbung für einen Mobilfunkladen im Athener Zentrum leuchtet dagegen in Ägäis-Blau: «Wir sind auf dem Weg in eine neue Epoche» steht da. Das Geschäft ist geschlossen, das Fenster verklebt. Ganz Griechenland ist auf dem Weg in eine neue Zeit. In der Nacht zum Montag waren vor einzelnen Bank­filialen Polizisten aufgezogen, in schusssicheren Westen, aber lässig an ihre Motor­räder gelehnt. Die Staatsmacht gab sich entspannt. Am Morgen sind die Uniformierten weg.

Die ersten Automaten funktionieren gegen Mittag wieder, die Kreditinstitute waren schneller mit der Umsetzung der über Nacht verhängten Kapitalkontrollen, als die Regierung von Alexis Tsipras erwartet hatte. Die Geldmaschinen sollten eigentlich erst Dienstag wieder in Betrieb gehen. Das Limit beträgt 60 Euro am Tag. Nicht alle wollen das glauben. Eine ältere Griechin tippt die Zahl 600 in die Tastatur am feinen Kolonaki-Platz. Der Automat blockiert. Überall, wo es Geld gibt, bilden sich rasch wieder Schlangen, aber nicht mehr so lange wie in der Nacht, als Hunderte stundenlang anstanden.

Fast 50 Prozent der Güter werden importiert

Die Kapitalkontrollen wurden um drei Uhr Nachts auf der Website der Staatszeitung verkündet. Wie lange sie dauern werden, ist offen, es könnten Monate sein. In Zypern wurden sie erst jüngst aufgehoben – nach zwei Jahren. Die Banken sollen bis zum 6. Juli geschlossen bleiben, womöglich würden sie aber schon früher wieder öffnen, hiess es am Montag aus der Regierung. Die möchte die Griechen offenbar beruhigen vor dem von Tsipras verkündeten Referendum über den Reformplan der Kreditgeber am kommenden Sonntag.

«Ich fürchte, wir erleben ein voll­ständiges Marktversagen», sagt Athanasios Syrianos, Inhaber der Brauerei Hellenic. «Es wird bald keine Windeln und kein Hundefutter mehr geben.» Weil das Land so viel importiert, fast 50 Prozent seiner Lebensmittel, bei Medikamenten ist die Quote noch höher. Der Unter­nehmer und Vizechef der Deutsch-Griechi­schen Handelskammer fährt am Montag spät ins Büro, er konnte sich nicht von den TV-Talkshows am Morgen lösen. «Da hören sie kein Wort der Selbstkritik von den Syriza-Leuten.»

Syrianos will aber nicht die ganze Schuld an dem Griechenland-GAU der Regierung geben. «Die mögen infantil und rebellisch sein», sagt er, «aber Griechen­land ist vielleicht nur das erste Opfer von Leuten, die eine kleinere Euro­zone wollen.»

Kapitalkontrollen

Jens Bastian ist ein in Athen lebender Ökonom. Er war früher für die EU-Taskforce tätig, die den griechischen Beamten­apparat modernisieren half. Er glaubt: «Je mehr Tsipras der EU den Schwarzen Peter zuschiebt, desto grösser sind seine Chancen im Referendum am Sonntag. Je mehr die Griechen aber spüren, dass dies alles in ihren Alltag eingreift, desto eher wird er verlieren.» Es gibt Hinweise dafür, dass sich die Schere bereits schliesst. In der Nacht zum Samstag, als Tsipras überraschend die Volksabstimmung verkündete, lagen die Sympathien eindeutig aufseiten der Regierung. Der Vorsprung ist nach Umfragen aber bereits geschrumpft.

Auch hinter der Abstimmung selbst steht noch ein Fragezeichen. Ex-Finanzminister Evangelos Venizelos, ein Verfassungsjurist, hat angekündigt, das höchste Gericht, den Aeropag, anzu­rufen, weil er eine Abstimmung über Finanz­fragen für verfassungswidrig hält. «Ich hoffe, dass Venizelos das macht», sagt Philipp Brinkmann, der in Athen ein Internetreiseunternehmen aufgebaut hat, das zuletzt stark expandierte. Der Grieche hofft, dass das Referendum abgesagt wird. «Wenn es doch kommt, sollte es Transparenz geben, es muss klar sein, dass wir über den Euro ab­stimmen.» Transaktionen ins Ausland werden mit Kapitalkontrollen ver­hindert, aber die Banken haben die Unter­nehmer schon beruhigt. «Gegen Vorlage einer Rechnung können wir auch unsere ­Partner im Ausland be­zahlen», sagt Brinkmann.

Die Gewerkschaft der Seeleute hat einen Streik «wegen der jüngsten Ereignisse» abgesagt, damit alle Griechen an dem Referendum teilnehmen können. Viele sind an ihren weit entfernten Geburts­orten in die Wählerlisten eingetragen. Mit denen könnte es auch Probleme geben, sie waren schon bei der Parlamentswahl am 25. Januar nicht auf dem neuesten Stand.

Den Sohn ins Ausland geschickt

Marina Flisvos ist ein Jachthafen vor Athen: Schiff an Schiff, viel weisser Lack, viel Chrom, eher wenig Sorgen. «Bitte nicht fotografieren!», steht auf ­einem Schild, ein Sicherheitsdienst überwacht den Zugang. John Anagnostopoulos besitzt keine Jacht und gehört auch nicht zu den Superreichen, er entspannt sich nur gern hier. Er ist Unternehmensberater, wenn Firmen in Not geraten, laufen seine Geschäfte in der Regel gut. «Unternehmer geben nicht so leicht auf», sagt er. «Sie kämpfen.»

Aber eine Situation wie diese hat er noch nicht erlebt. Anagnostopoulos kann die Kreditgeber verstehen. «Sie wollen ihr Geld.» Aber Forderungen, die Renten der Griechen abermals zu kürzen, findet er «nur noch grausam». Zehn Jahre werde Griechenland brauchen, um das Vor-Krisen-Niveau zu erreichen, glaubt der Berater. Seinem Sohn, der auf Jobsuche ist, hat er schon empfohlen, sein Glück im Ausland zu versuchen. «Aber komm wieder», hat er ihm gesagt. «Die Alten werden das Land nicht aufbauen können.»

Reiche Rentner?

Auf den Strassen kann man Sätze hören wie: Bei uns werden bald nur noch die Rentner Geld haben. Kommentatoren in den Zeitungen warnen schon vor einer «tiefen Spaltung der Gesellschaft» durch den Mini-Abstimmungskampf bis Sonntag. Die Regierung will angeblich all ihre Minister zur Werbung für ein «stolzes Nein» (Tsipras) auf die Strasse schicken. Der Frage auf dem Abstimmungszettel lautet: «Soll der vereinbarte Plan akzeptiert werden, den die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds in der Sitzung der Eurogruppe vom 25. Juni 2015 vorgelegt haben?»

Auf den Wahlzettel hat die Regierung schon das «Nein» (Oichi) oben drucken lassen und das «Ja» (Nai) unten. Die partei­unabhängigen Bürgermeister von Athen und Thessaloniki, Giorgos Kaminis und Giannis Boutaris, haben dagegen zu einer nationalen Initiative für ein «Ja» aufgerufen. Aus den Oppositionsparteien haben sich schon Unterstützer gemeldet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2015, 23:55 Uhr

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