Die Welt des Charles Dickens ist beängstigend modern

Von hungernden Kindern und Armengräbern ist in Grossbritannien vor den Wahlen auffallend oft die Rede.

Lehrer in britischen Krisenvierteln melden einen immer grösseren Anteil von Schülern, die von Armut und Verwahrlosung betroffen sind. Foto: Liz Hingley (Keystone)

Lehrer in britischen Krisenvierteln melden einen immer grösseren Anteil von Schülern, die von Armut und Verwahrlosung betroffen sind. Foto: Liz Hingley (Keystone)

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Es ist keine Welt, in der man leben möchte. Der schwarz verrusste Himmel wölbt sich über den Strassen der Stadt. Mausgrau hängt Wäsche an einer Leine zwischen Riegelhausfassaden und finsteren Steingewölben. Im schwachen Schein der Gaslaternen sind Cholerawarnungen, verdreckte Pflastersteine und Kartoffelsacklager von Obdachlosen auszumachen. Durch den Armenfriedhof, zwischen frisch gezimmerten Särgen, führt der Weg direkt ins Marshalsea Prison, wo die Schuldner der Gegend büssen. Rund ums Gefängnis drängen sich vielköpfige Familien, jede in einem winzigen, engen Verschlag. In der örtlichen Fabrik arbeitet die minderjährige Belegschaft zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche. Von Ferien, Krankenkasse, Kinderschutz hat man hier noch nichts gehört.

Das ist kein Wunder, denn «Dickens World» soll ja nicht das Grossbritannien des 21. Jahrhunderts abbilden. In diesem Themenpark in Chatham, im Osten Londons, wird die Zeit um gut und gerne 150 Jahre zurückgedreht. «Dickens World» ist eine rund 100 Millionen Franken teure Nachbildung der Welt des berühmten britischen Autors Charles Dickens, die von Bettlern, Taschendieben, Prostituierten und hochnäsigen Trägern von Zylinderhüten bevölkert wird. Es ist, in den Worten eines zeitgenössischen Spötters, Englands «viktorianische Antwort auf Mickymaus».

Das reichste Land der Welt

Durch diesen fahlen Hangar werden an verregneten Wochenenden von bildungswütigen Eltern bedauernswerte Kinder geschleppt. In jüngster Zeit zieht die Anlage besonders viel kleines und grosses Publikum an. Vielleicht rührt diese neue Faszination daher, dass den Besuchern so manches in «Dickens World» zwar immer noch gespenstisch, aber nicht mehr ganz so fremd vorkommt. Neuerdings fragen sich Dickens-Fans, ob denn wirklich eineinhalb Jahrhunderte verflossen sind seit «Christmas Carol» und «Oliver Twist» – oder ob, nach Kreditkrise, Rezession und fünf Jahren verschärfter Austerität im Königreich, der Geist der Viktorianer wieder von Britannien Besitz ergriffen hat.

Auch in der «grossen Politik» ist, wenige Wochen vor den Parlamentswahlen am 7. Mai, wieder auffallend oft von Dickens die Rede. Oppositionssprecher, Kirchenleute und karitative Verbände sehen ihr Land auf beängstigende Weise zurück ins 19. Jahrhundert driften. Eine immer tiefere Kluft zwischen Arm und Reich auf der Insel, zunehmend wackelige Existenzen grosser Teile der Bevölkerung und eine typisch viktorianische Verachtung der Besitzenden für die Mittellosen legt man Camerons «Kabinett der Millionäre» und vor allem seinen konservativen Ministern zur Last.

Erstaunliche Gegensätze kennzeichnen in der Tat Grossbritannien vor diesen Wahlen. Tory-Schatzkanzler George Osborne hält sich zugute, seinen Landsleuten durch strikte Sparmassnahmen die höchste Wachstumsrate Europas verschafft zu haben. Wenn man die Konservativen weiter walten lasse, versichert Osborne, bestehe gute Aussicht, dass Grossbritannien bis 2030 zum reichsten Land der Welt werde.

Eine Million Dollar-Millionäre

Sein Optimismus wird von der Londoner City geteilt, in der sich acht Jahre nach dem Credit Crash wieder fantastische Gewinne türmen. Binnen dreier Jahre sollen auf der Insel bereits eine Million Dollar-Millionäre leben.

Freilich ist das Königreich auch auf dem Weg zu ganz anderen Rekorden. Eine Million Menschen am anderen Ende des Spektrums haben nämlich gar nichts. Diese Leute müssen von Wohlfahrtsorganisationen am Leben gehalten werden. Und mehrere Millionen sind nur eine einzige unverhoffte Rechnung oder Zinserhöhung vom privaten Bankrott entfernt. Acht Millionen Briten wird von der Joseph-Rowntree-Stiftung bescheinigt, über «weniger als minimal erforderliche Einkünfte» zu verfügen. Seit der Kreditkrise sind vielerorts nur noch Teilzeitarbeit, Nullstundenverträge und Niedriglöhne erhältlich. Und die garantieren keinen Lebensunterhalt.

So wachsen selbst in Familien, bei denen ein Elternteil einen Job hat, Kinder in Armut auf. Dem Bericht «Breadline Britain» zufolge muss heute eins von zehn Kindern im Land ohne warmen Wintermantel auskommen – oder ohne neue Schuhe, wenn es welche brauchen könnte. Schlimmer noch: In jedem zwanzigsten Haushalt gebe es nicht genug zu essen.

Lehrer in Krisenvierteln bestätigen, dass immer mehr ihrer kleinen Zöglinge hungrig oder zu leicht gekleidet zur Schule kommen. Von «Zuständen wie bei Dickens» ist bei einer Umfrage unter 4000 Lehrern wortwörtlich die Rede. Fünf Millionen Kinder, warnt der Verband Save the Children, könnten bis 2020 in Grossbritannien «zu einem ­Leben in Armut verdammt» sein.

Mehr Bettler, mehr Obdachlose

Derweil haben sich bereits Hunderttausende von Haushalten hoffnungslos verschuldet. Weil sie sich nicht anders «über die Runden retten» können. Von «völlig inakzeptablen Umständen» hat in diesem Zusammenhang der Erzbischof von Canterbury gesprochen. Die Polizei meldet, dass Nahrungsmitteldiebstähle in den Supermärkten zunehmen. Auch die Zahl der Bettler und der Obdach­losen steigt.

Niedriglöhne in Kombination mit hohen Mieten, zum Beispiel in London, zwingen seit neuestem auch fremde Personen, sich Zimmer in Mietwohnungen – und nicht nur die Wohnungen selbst – zu teilen. Die Armen unter den Alten müssen unterdessen auf Hausbesuche kommunaler Pfleger verzichten, weil den Gemeinden von der Regierung der Geldhahn zugedreht worden ist.

Die krasseste Meldung aber betrifft das bittere Ende. Der Labour-Abgeordneten Emma Lewell-Buck zufolge werden aus Geldnot immer mehr Briten entweder in Armengräbern oder von ihren Familien im eigenen Garten beigesetzt. Insofern braucht man gar nicht mehr nach Chatham zu fahren, um sich in ­«Dickens World» wiederzufinden. «Dickens World» ist mittlerweile gleich vor der eigenen Haustür.

Allein schon die Poor Doors in den neuen Prachtbauten der Londoner Innenstadt, sagt der Labour-Abgeordnete David Lammy, «könnten aus einem Dickens-Roman sein – oder vielleicht auch aus der Fernsehserie ‹Downton Abbey›». Es existiert eine Vorschrift noch aus der Regierungszeit von Labour, wonach grosse Neubauten in London einen gewissen Prozentsatz an «erschwinglichen Wohnungen» – auch für Sozialhilfeempfänger – bereitstellen müssen. Die Baulöwen und ihre Architekten haben das so gelöst, dass die Käufer von Luxusappartements das Gebäude durch den marmorverkachelten Vordereingang benutzen, während die Bewohner der billigen Wohnungen durch kleine separate Seiten- oder Hintereingänge gehen müssen. Ohne den Luxusmenschen je zu begegnen. Schwer zu glauben, sagt der Abgeordnete Lammy, dass solche Apartheid «die Realität Londons im 21. Jahrhundert» sein soll.

Der Preis der Finanzkrise

Von einer «Geschichte zweier ganz verschiedener Britannien» spricht auch die Hilfsorganisation Oxfam. Immerhin beziehen die Bankbosse der City mittlerweile das 160-Fache dessen, was ein britischer Durchschnittsbürger verdient. Die fünf reichsten Familien in Grossbritannien verfügen über ebenso viel Besitz wie die ärmsten 20 Prozent. Während sich der Wohlstand der oberen Schichten kontinuierlich erhöht hat, nimmt bei den unteren die Armut stetig zu.

Grossbritannien, befand jüngst ein Credit Suisse Global Report, sei das einzige Land im Kreis der hoch entwickelten G‑7-Industrieländer, in dem sich die soziale Ungleichheit in diesem Jahrhundert deutlich verschärft habe.

Oxfam scheut sich nicht, der Regierung von David Cameron Mitschuld an dieser Situation zu geben: «Während in die Koffer der Reichsten immer mehr Reichtum geflossen ist, haben die, die es sich am wenigsten leisten können, den Preis der Finanzkrise bezahlt.» Die radikale Streichung von Sozialleistungen in den letzten fünf Jahren hat zweifellos zur Vermögensumverteilung von unten nach oben beigetragen. Unter anderem ist der Berechtigtenkreis der Bedürftigen eingeschränkt, die Hilfe für Behinderte abgebaut und die alte staatliche «Notstandskasse» für akute Notfälle ganz abgeschafft worden. Die Gratisberatungsstellen für mittellose Bürger sind fast alle geschlossen worden, und auf Zahlungen müssen Bedürftige nun länger warten als früher.

«Routinemässige» Sanktionen

Die Arbeitsämter sind ausserdem zu routinemässigem Verhängen von «Sanktionen» angehalten worden. Früher gab es solche Strafen nur ganz vereinzelt. 2014 ist rund 800'000 Personen die Sozialhilfe für mehr als einen Monat gesperrt worden.

Ein neues Gesetz, die «Bedroom Tax», ist in der Bevölkerung besonders verhasst. Dabei büssen Wohngeldempfänger, die in Wohnungen mit einem «überschüssigen» Zimmer leben, einen Teil ihres Unterhalts ein. Diese Leute sollen, heisst es, mit Sack und Pack in billigere Landesteile – oft Hunderte Kilometer entfernt – ziehen. Verhängt worden sei diese «Strafe für die Armen» von Ministern, «die ihrerseits in luxuriösen Villen mit jeder Menge unbelegter Räume wohnen», sagt der liberalde­mokratische Parlamentarier Andrew ­George. Das seien doch «haargenau die gleichen harschen Gegensätze, die es bei Dickens gab».

«In 50 Prozent aller Fälle», meldet ausserdem der Trussell Trust, Grossbritanniens christliche Schirmorganisation für Wohlfahrt, seien Sozialhilfestreichungen, Sanktionen und verzögerte Auszahlung der Grund für den jüngsten Ansturm auf die Food Banks, die Plätze karitativer Essensausgabe und Suppenküchen, von denen der Trust allein inzwischen mehr als 400 unterhält. Verzehnfacht hat sich der Bedarf nach diesen Almosenplätzen in den letzten drei Jahren. Die Food Banks gehören heute fest zum Strassenbild.

Run auf die Suppenküchen

Das hat den konservativen Wohlfahrts-Staatssekretär und Ex-Investmentbanker Lord Freud nicht davon abgehalten, den Run auf die Suppenküchen damit zu erklären, dass viele seiner Landsleute halt einfach geizig seien und nichts für ihr Essen bezahlen wollten. Ein andermal äusserte der Baron die Meinung, dass «wir nicht zulassen können, dass Leute einfach herumgammeln, nichts tun und dann erwarten, dass der Staat ihren Lebensstil finanziert».

Andere Mitglieder der Cameron-Regierung haben bekundet, Leute, die Food Banks frequentierten, seien einfach oft Leute, die «mit Geld nicht umgehen» könnten. «Arme Leute wissen nicht, wie man richtig kocht», analysierte beispielsweise Tory-Ernährungsexpertin Lady Anne Jenkin, eine Baronin von Kennington.

Dass viele führende Tory-Politiker, die traditionell der Oberschicht zugehören, ihren mittellosen Landsleuten die Schuld an ihrer eigene Situation zusprechen und die «hart arbeitende Bevölkerung» (die «strivers») von den «Drückebergern» (den «skivers») zu trennen suchen, treibt selbst sonst eher zurückhaltende Kirchenfürsten zur Weissglut. Wie könne man, fragt der Erzbischof von York, die Armen noch anno 2015 für ihre Armut verantwortlich machen? «Heute bietet ja nicht mal mehr Arbeit einen Ausweg aus der Armut.»

Diejenigen, welche sich als «Drückeberger» verunglimpft fühlen, würden natürlich am liebsten den einen oder anderen konservativen Minister im «Dickens World»-Hangar als schaurigen Anachronismus in Frack und Zylinder zur Schau stellen. Aber in der wirklichen Welt hilft ihnen das wenig. Hält sich Cameron im Mai im Amt, soll der Sparkurs der Regierung nochmals verschärft werden. Doppelt so viel wie bisher will Schatzkanzler Osborne in den nächsten zwei Jahren streichen.

Erstellt: 06.04.2015, 22:30 Uhr

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