Die Züchtigung des kleinen Bruders

Saudiarabien und die Emirate setzen mit der Blockade von Katar ihren lange gehegten Führungsanspruch durch.

Gegen Katar: Saudiarabien und die Emirate wollen sich als alternative Macht etablieren. Foto:  Keystone

Gegen Katar: Saudiarabien und die Emirate wollen sich als alternative Macht etablieren. Foto: Keystone

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Der traditionelle Schwerttanz, Ardah genannt, wird auf der Arabischen Halbinsel aufgeführt, um die Kampfkraft eines Stammes vor einem Waffengang zu demonstrieren. Zwei Wochen nachdem US-Präsident Donald Trump sich Säbel schwingend mit dem saudischen König Salman im Takt wiegte, bricht Riad nun die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarn Katar ab und verhängt eine Blockade gegen das Land. An diesem Schritt haben die Vereinigten Arabischen Emirate grossen Anteil. Saudiarabiens Satellitenstaat Bahrain hat sich ihm ebenso angeschlossen wie die Generäle in Ägypten. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Saudis und Emiratis haben Trumps Auftritt in Riad als Carte blanche verstanden, ihre regionale Agenda ohne Rücksicht auf Verluste durchzuziehen.

Der Vorwurf, Katar unterstütze Extremisten, trifft in Teilen zwar zu: Das Land hält Kontakte zu vielen bewaffneten Gruppen von den Taliban über die Hamas bis hin zu radikalen syrischen Rebellen. Es ist aber im Kontext der Golfstaaten ein vorgeschobenes Argument, um den Bann Katars im Westen und vor allem in den USA verkaufen zu können. Wenn es um die Verbreitung salafistischer Ideologie und indirekte Unterstützung für Terrorgruppen geht, sollten die Saudis vorsichtig sein mit dem Steinewerfen. Ausserdem hat man sich auch im Westen der katarischen Kontakte immer gerne bedient – etwa um eigene Bürger aus Geiselhaft freizukaufen.

Gegen den Iran

In Wahrheit geht es beim Konflikt in erster Linie um Katars Verhältnis zum Iran und um seine Unterstützung für die Muslimbruderschaft. Der saudische Königssohn Muhammad bin Salman und sein Einflüsterer in Abu Dhabi, Kronprinz Muhammad bin Zayed, haben in Übereinstimmung mit Trump einen aggressiven Konfrontationskurs gegen den Iran eingeschlagen zu einem Zeitpunkt, da die gemässigten Kräfte in Teheran so stark sind wie seit Jahren nicht mehr. Katars Emir schwenkte nicht auf diesen Kurs ein, sondern gratulierte dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani zur Wiederwahl. Doha muss schon aufgrund seiner geografischen Lage im Golf zwischen dem Iran und Saudiarabien seine Beziehungen ausbalancieren, überdies teilt es sich mit dem Iran das grösste Gasfeld der Welt.

Zugleich wollen Abu Dhabi und Riad mit dem politischen Islam in der arabischen Welt ein für alle Mal Schluss machen. Denn sie betrachten ihn – anders als die vor allem in Saudiarabien und am Golf vorherrschenden Salafisten – als zentrale Bedrohung für ihre absoluten Monarchien. Ägypten hängt sich da gerne an, versucht es doch vergeblich seit drei Jahren, die Welt davon zu überzeugen, dass die Muslimbruderschaft die Wurzel allen Übels und jedes Terroranschlags sei.

Saudiarabien und die Emirate sehen nach Jahren der Umbrüche im Arabischen Frühling und nach der Annäherung Amerikas an den Iran unter Barack Obama nun die Chance, ihren Führungsanspruch im sunnitischen Teil der arabischen Welt durchzusetzen. Dazu gehört, die Achse aus Katar und der Türkei zu zerschlagen, die versucht hat, sich als alternative Macht zu etablieren, und die Islamisten unterstützt – etwa in Libyen. Manche Medien und Blogger in den Emiraten und Saudiarabien machen kein Hehl daraus, dass es darum geht, den reichen, unbotmässigen kleinen Bruder zu disziplinieren.

Einfluss erkauft

Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von zeitweise 130 000 Dollar im Jahr hat sich das Emirat mit seinen lediglich 300 000 Bürgern international politischen Einfluss weit über seine Grösse hinaus erkauft. Ebenso wie die Stationierung von US-Truppen und die Ausrichtung von Sportveranstaltungen gehört dies zur Strategie des Emirats, sich gegen Begehrlichkeiten der grossen Nachbarn abzusichern. Nun rufen manche Saudis danach, den Emir oder die ganze Herrscherfamilie in Katar abzulösen. Die Halbinsel sei ohnehin nur eine verlorene Provinz, die durch Fehlentscheidungen der einstigen britischen Kolonialherren als eigener Staat existiere.

Europa sollte sich nicht in diesen Strudel ziehen lassen oder gar Trumps Kardinalfehler nachmachen, sich im Konflikt zwischen dem Iran und Saudiarabien auf eine Seite zu schlagen. Forderungen, Katar die Fussball-Weltmeisterschaft 2022 zu entziehen, zeugen von gefährlichem Opportunismus. Nötig sind in diesem Zusammenhang Strukturreformen der Fifa. Katar mit Boykott zu drohen, bedeutet, sich mit Saudiarabien und den Emiraten gemeinzumachen. Und das sollten die europäischen Kräfte in der momentanen Situation vermeiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 22:13 Uhr

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