Die irische Revolution

Die Iren entscheiden über die Aufhebung des Abtreibungsverbots. Ein Ja zur Reform wäre eine Epochenwende. Der Ausgang ist aber ungewiss.

Befürworter der Reform fordern in Dublin, dass das in der Verfassung verankerte Abtreibungsverbot aufgehoben wird. Foto: Clodagh Kilcoyne (Reuters)

Befürworter der Reform fordern in Dublin, dass das in der Verfassung verankerte Abtreibungsverbot aufgehoben wird. Foto: Clodagh Kilcoyne (Reuters)

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Im wilden Nordwesten Irlands, auf dem Weg von Sligo nach Bundoran, staunten die Autofahrer auf der Nationalstrasse N 15 nicht schlecht. An der Flanke des berühmten Tafelbergs Ben Bulben waren über Nacht zwei riesige weisse Lettern erschienen, die sich ausnahmen wie ein Fingerzeig von Gott: «NO». Was damit gemeint war, wusste jeder: Die Iren sollten mit Nein stimmen am kommenden Freitag beim Referendum zur Aufhebung des ­irischen Abtreibungsverbots.

Wie sich rasch herausstellte, stammte die Wahlempfehlung nicht von einem höheren Wesen. Für die Botschaft am Ben Bulben hatte der Regionalverband Sligo der sogenannten Pro-Life-Aktivisten ­gesorgt. Sie hoffen darauf, dass ihre Landsleute mit No stimmen werden – gegen die geplante Reform. Einer von denen, die das N und das O mitten in der Nacht an der Nordseite des Bergs befestigt hatten, war ein örtlicher Abtreibungsgegner namens Tommy Banks, der erklärte, das Zeichen sei «ein Ruf aus den Bergen» gewesen, «um Irlands Babys zu retten».

Nicht einmal der örtliche Geistliche hielt die Aktion für eine gute Idee. Father Christy McHugh meinte: «Solche Faxen brauchen wir nicht, um unsere Sache zu vertreten.» Schnell waren zu Beginn dieser Woche die beiden Lettern wieder verschwunden. Der Gemeinderat hatte sie eilends abtragen lassen. Mary Casserly, eine Gemeinde­rätin, stöhnte: «Die Leute werden froh sein, wenn dieses Referendum ausgestanden ist.»

Ärzten droht 14 Jahre Gefängnis

Casserlys Meinung dürften viele Iren teilen. 35 Jahre nach dem ursprünglichen Abtreibungsreferendum, das der Republik Irland eines der schärfsten Abtreibungsverbote der Welt bescherte, hat der aktuelle Revisionsversuch erneut bittere Gefühle, tiefen Groll und sozialen Zwist ausgelöst. Seinerzeit, im Jahr 1983, hatte die damals alles dominierende römisch-katholische Kirche erreicht, dass das gesetzliche Abtreibungsverbot per Volksabstimmung in die irische Verfassung aufgenommen wurde. Der Verfassungszusatz 8, das Eighth Amendment, bestimmt seither, dass das Leben eines Fötus dem der Frau, die ihn trägt, gleichgestellt ist. Nur bei Lebensgefahr für die Schwangere ist Abtreibung erlaubt.

Ärzte und Patienten aber, die gegen das achte Amendment verstossen, müssen mit einer Gefängnisstrafe von 14 Jahren rechnen. Weder bei existenzbedrohenden Missbildungen des Fötus noch bei «blossen» Gesundheitsproblemen, schwerer Depression oder Selbstmorddrohungen der Schwangeren darf in Irland ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden. Mädchen und Frauen, die vergewaltigt worden sind, müssen aus Gewaltakten hervorgehende Kinder austragen.

Schreckliche Vorfälle, die in den letzten Jahren Schlagzeilen machten, haben die absolute Härte dieser Verfassungsklausel illustriert – und immer wieder Empörung hervorgerufen. Einer der krassesten Fälle war der einer klinisch toten Frau, die künstlich am Leben gehalten werden musste, weil niemand Hand an ihren Fötus legen durfte, wiewohl der keinerlei Aussicht auf Überleben hatte.

Die Ärztin, die an einer Fehlgeburt starb

In einem anderen Fall wurde einer Inderin, selbst Ärztin, ein Abbruch verweigert, obwohl sie inständig darum bat – und sich offenkundig in einem kritischen Zustand befand, als sie ins Spital eingeliefert wurde. Eine Krankenschwester erklärte Savita Halappanavar, dass ein Eingriff nicht möglich sei, «weil wir ein katholisches Land sind». Halappanavar starb kurz darauf an einer Fehlgeburt. Ihr Name wurde zum Fanal für die wachsende Schar der Gegner des Verbots. Amnesty International sprach von «mittelalterlichen Zuständen». Die UNO hat Irlands Umgang mit Frauen als «unmenschlich» und «grausam» bezeichnet.

Das achte Amendment hat jedenfalls enorme Folgen. Etwa 170'000 Mädchen und Frauen sollen über die Jahre zu einem Schwangerschaftsabbruch nach Grossbritannien oder in andere europäische Länder mit liberaleren Gesetzen gereist sein. Der endlose Zug der Hilfesuchenden ins Ausland – es sollen noch immer jedes Jahr Tausende Irinnen sein – wird seit der Aufnahme neuer Zusätze von der Verfassung ausdrücklich gebilligt. Nur im eigenen Land dürfen die Betreffenden nicht abtreiben. Auch Abtreibungspillen, per Post aus dem Ausland bestellt, sind strikt illegal.

All dies Elend, all die schaurigen Vorfälle haben nach und nach zu neuen Reformbestrebungen geführt. Mit dem geschwundenen Einfluss der Kirche, vor allem nach der Enthüllung vieler Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester, haben die Befürworter einer Liberalisierung Aufwind erhalten. Eine von der letzten Regierung einberufene Bürgerversammlung, die Änderungsvorschläge ausarbeiten sollte, erwies sich als unerwartet reformfreudig. Der jetzige Taoiseach (Regierungschef) Irlands, Leo Varadkar, seines Zeichens Mediziner und vormals Gesundheitsminister, wagte dieses Jahr den entscheidenden Schritt.

Akzeptieren, vernünftig regulieren

Varadkar rief, zusammen mit seinem Fine-Gael-Kabinett, das neue Referendum aus, das das achte Amendment aus der Verfassung löschen und die künftige Regelung der Abtreibungspraxis ans Parlament übertragen soll. Gedacht ist an eine 12-Wochen-Frist und danach an abgestufte, medizinisch gerechtfertigte Möglichkeiten von Eingriffen – für Irland eine Revolution. Zur allgemeinen Überraschung stimmte sogar der Vorsitzende der konservativen Fianna Fail, Micheál Martin, dem Plan zu. Obwohl sich die Hälfte seiner Fraktion zornig gegen ihn stemmte, erklärte Martin, er sei aus persönlichen Gründen «zu neuen Schlüssen gekommen». Ähnlich hatte es Varadkar gesagt.

So klar haben irische Politiker in dieser empfindlichen Frage noch nie Stellung bezogen. Varadkar sprach von «einer Entscheidung, wie es sie nicht wieder geben wird für unsere Generation». Diese Woche werde darüber befunden, «wie wir Frauen in Not behandeln wollen in Zukunft», sagte der ­Taoiseach. Jeder in Irland wisse, dass Abtreibung «auch in Irland eine Realität» sei. Man müsse das «jetzt akzeptieren und es vernünftig regulieren».

Auf der Gegenseite, bei den Neinsagern, hat der Multiparteien-Vorstoss Entrüstung provoziert – und das Gefühl, «zum letzten Gefecht» um eine höhere moralische Ordnung anzutreten. Abtreibung sei «eine kriminelle Praxis, die den Gesetzen der Moral widerspricht», verkündete Bischof John Kirby, Oberhirte der Diözese von Clonfert. Sein Amtskollege Phonsie Cullinan, Bischof von Waterford, erklärte, die Abstimmung werde «darüber befinden, ob viele irische Babys leben dürfen oder sterben müssen». Es gehe hier um «Leben und Tod».

Religiöse Aktivisten schreien «Love Both»

Tausende junger Aktivisten, oft mit religiösem Hintergrund und häufig mit finanziellen Ressourcen aus auswärtigen Quellen, haben sich «in die Schlacht» geworfen, um einen Erfolg der Ja-Seite zu verhindern. Es sind Leute wie der 20-jährige Student Gavin Boyne, der in den letzten Wochen von Kundgebung zu Kundgebung zog. Boyne lag daran, seiner Zuhörerschaft zu erklären, dass es ihn nie gegeben hätte, wäre das achte Amendment nicht gewesen: «Respekt füreinander beginnt im Mutterschoss.»

Seinen letzten grossen Auftritt hatte Boyne bei einer Grosskundgebung an Marrion Square in Dublin, zu der Zehntausende aufmarschierten. Die Bewegung zum Erhalt des Achten trat unterm Banner «Love Both», Liebe beide (also den Fötus und die Schwangere), an. Die Vorsitzende der Bewegung, Cora Sherlock, bezeichnete den Referendumsantrag als «eins der tödlichsten Abtreibungsgesetze, die es je gegeben hat». Leben müsse «von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod geschützt bleiben – und zwar ausnahmslos.»

Rhona Mahony, der Direktorin der auf der anderen Parkseite gelegenen Nationalen Mutterschafts-Klinik Dublins, mussten die Ohren klingeln. Leute wie Mahony, dröhnte Sherlock in die erregte Runde, zeigten keinerlei Gefühl für die bedrohte Kreatur. Die Versammelten johlten, Trikoloren und Banner mit der Aufschrift «No Licence to Kill», keine Lizenz zum Töten, wurden geschwenkt.

Google verbietet Werbung

Mahony selbst, die zu einer Leitfigur des Reform-Lagers geworden ist, zuckte drüben in ihrer Klinik die Schultern: «So geht es einem eben in Irland, wenn man sich aus der Deckung wagt.» Die Emotionen seien begreiflich. Leid tue es ihr natürlich, dass es so viele persönliche Attacken gegeben habe. Und dass noch immer Plakate wie die von 1983 an den Laternenpfählen hingen. In der Tat waren die überall ausgehängten Poster nicht zimperlich in ihrer Botschaft. Mit «In England wird jedes fünfte Baby abgetrieben – bringt so etwas bloss nicht nach Irland!» sollten alte nationale Ressentiments geweckt werden. «Ich bin neun Wochen alt und kann schon gähnen und kicken», liess ein anderes einen gross abgebildeten Fötus erklären: «Don’t repeal me», schaff mich nicht ab.

Auf der anderen Seite verlangten Plakate progressiver Parteien «Mitgefühl» und «Fürsorge» für Frauen. «Mein Körper geht die Polizei absolut nichts an!» war die Botschaft einer Feministinnen-Organisation. Eine Vertretung von 1060 Ärzten proklamierte die Notwendigkeit eines radikalen Wandels. Für «unsichere Abtreibungen» und für «Angst bei Frauen und Ärzten» sei kein Platz mehr in ­Irland, sagten sie.

Ein paar Rückschläge mussten die Pro-Lifer mit ihrer Love-Both-Kampagne hinnehmen – nicht nur die Kritik von Father Christy McHugh am No-Gag am Ben Bulben. Erst eröffnete ihnen der Verband katholischer Priester, es sein unakzeptabel, dass einzelne Pfarrgemeinden es Aktivisten erlaubten, ihre «Botschaft» von der Kanzel herunter zu verbreiten. Dann verbot Google Referendumsanzeigen, die von ausländischen Interessensgruppen bezahlt waren. Facebook verbannte alle Werbung, die mit dem Referendum zu tun hatte. Ein harter Schlag für die Nein-Seite, die sich von Anfang an auf die Wirkung ihrer Webpräsenz verliess.

Ein Nein wäre «katstrophal»

Dennoch ist es allen Gegnern des achten Amendments bewusst, dass sie dieses Referendum noch verlieren können. Letzte Umfragen sagen keinen grossen Vorsprung voraus. Und die Zahl derer, die angeben, sich nicht entscheiden zu können, oder die ihren Entscheid lieber für sich behalten möchten, liegt noch immer bei 15 und 20 Prozent.

Taoiseach Varadkar gestand, er fürchte Schlimmes für Irlands Frauen, wenn das Referendum verloren gehe. «Wenn das Referendum nicht durchkommt», meinte er, «kann es keinen Wandel geben in diesem Bereich.» In seiner Post der letzten Wochen hat der Regierungschef Briefe gefunden, die ihm und den Reformbefürwortern, den Rücken stärken. Aber auch Briefe, die ihm sagen, dass «Feuer vom Himmel regnen» und «ein Drittel der Menschheit auslöschen» werde, falls die Welt «die Sünde der Abtreibung» nicht für immer stoppt.

Klinikdirektorin Mahony wiederum fände es «furchtbar», wenn die Reform jetzt nicht käme. «Dann müssten Frauen weiter sterben, bevor ihnen ärztliche Fürsorge zuteilwerden kann. Dann gäbe es weiter Backstreet Abortion, illegale Abtreibung. Vergewaltigte Frauen würden wir weiter zwingen, ihre Schwangerschaften auszutragen. Und wir ­würden Frauen weiter massenhaft ins Ausland ­treiben.» Für sie, sagt Rhona Mahony, wäre das «­katastrophal».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2018, 18:33 Uhr

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