Die jungen Hongkonger sind zornig

Seit 20 Jahren ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone Chinas. Für viele Junge ist der Einfluss des grossen Nachbarn unerträglich. Sie hauen ab – oder kämpfen weiter.

Vor dem Wechsel: Rote Dekoration für die «Übernahme» der Chinesen am 1. Juli 1997. Foto: Goh Chai Hin (AFP)

Vor dem Wechsel: Rote Dekoration für die «Übernahme» der Chinesen am 1. Juli 1997. Foto: Goh Chai Hin (AFP)

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Am Samstag sollen die Hongkonger antreten zum Feiern, aber nach Jubel ist kaum einem zumute.

20 Jahre ist das nun her, als die Uhr Mitternacht schlug. Am 1. Juli 1997. Plötzlich waren alle hier in China. Von einer Sekunde zur anderen waren die Gäste die Herrscher und die Herrscher nur noch Gäste, die sich nach 156 Jahren schnell davonmachten auf der königlichen Jacht Britannia. Mit dem britischen Empire war es in dieser Minute nun wirklich vorbei, und die Kronkolonie Hongkong war wiedergeboren als Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China. Hongkong war nun China und sollte doch, so das Versprechen Pekings, noch 50 Jahre lang Hongkong bleiben dürfen. «Ein Land, zwei Systeme», so lautete der Slogan.

Vor dem Parlament hatten sich ein paar Tausend Leute versammelt in jener Nacht. Sie warteten auf Martin Lee, Rechtsanwalt und damals Hongkongs populärster Politiker, Zeremonienmeister der Demokratie. Kurz nach Mitternacht erschien Lee auf dem Balkon des Parlamentsgebäudes. «Wir sind stolz, wieder Teil Chinas zu sein», begann er – Patriotismus war das Gebot der Stunde in allen politischen Lagern. Dann wandte er sich Richtung Peking, forderte Rechtsstaatlichkeit, Bürgerrechte, freie Wahlen. «Die Flamme der Demokratie wird in Hongkong nicht erlöschen», rief Lee, damals 59 Jahre alt.

«Hätten sie uns nur vertraut»

Jetzt, im Juni 2017, sitzt Martin Lee in seinem Büro und lacht über seine Naivität von damals. Er ist nicht mehr Parlamentarier, aber noch immer Rechtsanwalt. 20 Jahre sind vergangen, und von freien Wahlen ist Hongkong weiter entfernt denn je. «Hongkonger regieren Hongkonger, für 50 volle Jahre, das hat uns Deng Xiaoping versprochen damals», sagt er. «Und was ist passiert? Jetzt schon regieren Pekinger uns.» Die neuen Herrscher in Peking hätten sich für Zwang und Einschüchterung entschieden. «Das ist natürlich einfacher, als die Herzen zu gewinnen.» Martin Lee nimmt sich von den Keksen auf dem Tisch. «Hätten sie uns vertraut», sagt er, «dann würden auch wir ihnen jetzt vertrauen.» An der Wand seines Büros hängt ein Foto. Es zeigt Lee selbst, auf dem Balkon in jener Nacht des 1. Juli 1997. Unterhalb des Fotos steht eine kleine Gipsstatue, eine Nachbildung der Göttin der Demokratie, jener Skulptur, mit der die Studenten in Peking im Frühjahr 1989 den Platz des Himmlischen Friedens für sich reklamierten. Bis die Panzer rollten.

Was für ein Monat, dieser Juni im Jahr 2017. Er startete mit der Kerzenwache für die Toten vom Platz des Himmlischen Friedens. Und er mündet am kommenden Wochenende in den ersten Besuch von Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping. Xi ­inspiziert, unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen, seine widerspenstigsten Untertanen. Denn in eine durch und durch chinesische Stadt hat sich Hongkong beileibe noch nicht verwandelt.

Auch in diesem Jahr versammelten sich mehr als 100'000 Hongkonger zum jährlichen Gedenken an das Massaker vom Tiananmen-Platz in Peking. Ein Kern dessen, was Hongkong ausmacht. 

Die Justiz fällt hier noch immer Urteile, die der Regierung grosse Bauchschmerzen machen. Und jeden Juni sind im Victoria-Park im Herzen der Stadt Dinge zu beobachten, die im Rest Chinas unvorstellbar wären. Auch in diesem Jahr versammelten sich mehr als 100'000 Hongkonger zum jährlichen Gedenken an das Massaker vom TiananmenPlatz in Peking. Bis heute ist dieses Gedenken ein Kern dessen, was Hongkong ausmacht. Überall sonst erzwingt Chinas Kommunistische Partei das kollektive Vergessen; Hongkong ist der einzige Flecken chinesischen Territoriums, an dem der Toten in grossen Kundgebungen gedacht wird.

Manchen in der Stadt ist die Kerzenwache längst zu sehr im Ritual erstarrt. Bedeutung hat es aber noch immer. «Man versteht an einem solchen Tag schon, wovor die Partei in Peking Angst hat», sagt Edric Lam, ein Student der Hongkonger Universität. «In unserer Stadt wird die Erinnerung an ihre Verbrechen am Leben gehalten. Ausserdem können sie einfach nicht zulassen, dass Hongkong als selbstverwaltetes, demokratisch regiertes Territorium Erfolg hat, der ausstrahlen könnte aufs Festland. Aus ihrer Sicht ist es nur logisch: Sie müssen uns zertreten.»

Edric Lam und seine Kollegen vom Studentenverein der Universität Hongkong sympathisieren mit den Pekinger Studenten von 1989. «Sie haben einen hohen Preis dafür bezahlt, um ihre Heimat zu einem besseren Ort zu machen.» Und doch haben sie in diesem Jahr zum ersten Mal zum Boykott der Kerzenwache aufgerufen. Der Kampf des alten Martin Lee und seiner Gesinnungsgenossen, der Kampf für ein demokratisches China, er ist nicht länger der ihre. «Was hat China mit uns zu tun?», sagt Edric Lam. «Wir wollen keine chinesischen Patrioten mehr sein», sagt sein Studentenvereinskollege Fergus Wong. «Wir kämpfen einen anderen Kampf. Wir wollen ein unabhängiges Hongkong.»

Hongkong war früher immer eine Flüchtlingsstadt gewesen, ein Durchgangsort. Just in dem Moment, da China die Herrschaft übernahm, wurde es vielen zur Heimat.

Da ist etwas geschehen, in den Jahren nach 1997, was so keiner vorhergesehen hatte. Hongkong war früher immer eine Flüchtlingsstadt gewesen, ein Durchgangsort. Just in dem Moment, da China die Herrschaft übernahm, wurde es vielen zur Heimat. «Wir haben heute ein starkes Gefühl, Hongkonger zu sein. Und je chinesischer die Stadt wird, umso stärker wird das Gefühl», sagt Fergus Leung. Lokalisten nennen sie sich, diejenigen, die von einem unabhängigen Hongkong träumen. Ein verrückter Traum, absurd beim genauen Hinsehen. Und auch unter den frustrierten Hongkongern nicht mehrheitsfähig. Aber noch vor wenigen Jahren wäre die Idee allein undenkbar gewesen. Dass sie heute überhaupt eine solche Resonanz in der öffentlichen Debatte erlangt hat, ist erstaunlich.

Das hat zu tun mit dem Frust, dem Zorn und der Hoffnungslosigkeit der jungen Hongkonger. «China hat uns in die Ecke gedrängt», sagt Fergus Leung. «Sie machen eine chinesische Kolonie aus uns.»

China, so sehen es viele Hongkonger, hat seine Versprechen gebrochen. Die zugesagte Autonomie wird löchriger von Tag zu Tag.

China, so sehen es viele Hongkonger, hat seine Versprechen gebrochen. Die zugesagte Autonomie wird löchriger von Tag zu Tag. China hat unabhängige Hongkonger Zeitungen von chinafreundlichen Unternehmern aufkaufen lassen, das kritische Webportal «House News» schloss nach massiven Drohungen. Die Richter der Stadt, befand Pekings Nationaler Volkskongress, hätten ihre Urteile in Zukunft nicht mehr nur am Gesetz, sondern auch an Vaterlandsliebe und Interessen der «nationalen Sicherheit» auszurichten. Statt der versprochenen freien Wahl des Regierungschefs möchte Peking nur eine Scheinwahl zwischen ausgewählten Kandidaten zulassen.

Vielleicht der grösste Schock für viele waren die Entführungen von fünf Hongkonger Buchhändlern und Verlegern Ende 2015 durch Chinas Sicherheitsapparat. Mehr als alles andere fühlen sich die Hongkonger miserabel regiert, von willfährigen Statthaltern Pekings. «Haben unsere Regierungschefs in den kritischen Situationen der letzten Jahre auch nur ein einziges Mal die Stimme für die Hongkonger erhoben?», fragt Martin Lee, der Rechtsanwalt. «Ich habe sie nicht gehört. Nicht ein Mal.»

Gleicher Lohn seit 20 Jahren

Damals, 1997, haben die aus aller Welt angereisten Kommentatoren die braven Hongkonger als ultrapragmatische, apolitische Wesen beschrieben – einzig um ihr materielles Wohl besorgt. Die Hongkonger haben dann alle überrascht mit ihrem Bürgersinn, ihrem Engagement, ihrer Leidenschaft für eine bessere Zukunft, die kulminierten im zivilen Ungehorsam und den Massendemonstrationen der Regenschirmbewegung vom Sommer 2014. China aber liess die Proteste ins Leere laufen; seither herrscht Ratlosigkeit.

Die Angst und der Zorn der Jugend speisen sich dabei nicht bloss aus einem wolkigen Idealismus. «Es ist beschissen, jung zu sein in Hongkong», sagt Nathan Law, selbst 23, einer der Studentenführer der Regenschirmrevolte und im Frühjahr erst ins Parlament gewählt. Die Stadt ist ihnen Heimat geworden und zugleich ein feindseliger Ort. Die Anfangsgehälter für Absolventen der Geisteswissenschaften liegen heute bei rund 14'000 Hongkong-Dollar, umgerechnet 1600 Euro. Das ist exakt so viel wie vor 20 Jahren. Gleichzeitig sind die immer schon unverschämten Wohnungspreise explodiert, mehr als vervierfacht haben sie sich in den vergangenen 14 Jahren. Die Kluft zwischen Arm und Reich in der Stadt ist mittlerweile die grösste in Asien. «Viele von uns haben beim Abschluss nur noch im Kopf, wie sie die nächsten ein, zwei Jahrzehnte überleben sollen», sagt der Student Wong.

Die Wohnungspreise haben sich mehr als vervierfacht. Die Kluft zwischen Arm und Reich in der Stadt ist mittlerweile die grösste in Asien.

Vor allem die Jungen haben Nathan Law gewählt. Er ist mit 23 Jahren der jüngste Parlamentarier, den Hongkong je hatte. «Es gibt keine soziale Mobilität mehr», sagt er. Das aber sei ein Versagen der Politik, ein Versagen des Systems, in dem knapp 1200 von Peking handverlesene Wahlmänner den Regierungschef der Stadt wählen.

Am Samstag tritt eine neue an: die 59-jährige Carrie Lam, bisher schon Verwaltungschefin der Stadt, Wunschkandidatin Chinas, gewählt mit den Stimmen von am Ende genau 777 Hongkongern, die meisten von ihnen aus dem Establishment. «Die Wohlstandskluft ist strukturell», sagt Nathan Law. «China hat sich 1997 die Tycoons der Stadt als Partner gewählt, um Hongkong zu regieren. Wir leben noch immer in einem Kolonialsystem, das mittlerweile beherrscht wird von den Superreichen.» Deshalb, sagt Law, hätten die Hongkonger so sehr auf freie Wahlen gehofft. «Sie wollten an der Wahlurne etwas ändern, hofften, dass ihre Stimme gehört würde. Deshalb auch gab es die Regenschirmproteste vor drei Jahren.» Mit seiner Reaktion habe Peking ihnen dann alle Hoffnung genommen. «Die jungen Leute haben kein Ventil mehr für ihren Zorn. Manche resignieren, manche werden zynisch, und bei manchen kann man nun die Radikalisierung beobachten.»

Die Warnzeichen ignoriert

An Opportunisten ist aber – wie in jeder Gesellschaft – auch in Hongkong kein Mangel. «Der alte Untertanengeist lebt weiter», sagt Evan Fowler, ein Autor und Blogger aus einer alten Hongkonger ­Familie mit gemischt kantonesisch-britischen Wurzeln. Er erzählt von Freunden, die sich sehr anstrengten, alle Warnzeichen zu ignorieren. «Es ist aber nichts Positives, wenn du versuchst, auf Teufel komm raus positiv zu sein, während du in Wirklichkeit ignorant bist», sagt Fowler. Er und seine Familie, die mütterlicherseits schon seit 1880 in der Stadt zu Hause ist, haben jüngst erst eine schwere Entscheidung getroffen: Sie werden Hongkong verlassen. «Die Leute haben ihre Heimat verloren und fühlen gar nichts mehr», sagt er. «Es ist bedrückend. Ich muss hier raus.»

Nathan Law, der Parlamentarier, steht gerade vor Gericht. Die Regierung will ihm seinen Parlamentssitz aberkennen lassen, weil er die Eidesformel nicht würdevoll genug vorgetragen habe. Fifty-fifty, glaubt er, stünden seine Chancen. Natürlich sei das grosse China ein übermächtiger Gegner. «Aber wenn wir nicht kämpfen, wird alles vielleicht noch schlimmer», sagt er. «Schau dir Macao an.» Der kleine Nachbarort Hongkongs, das Glücksspielparadies, 1999 von den Portugiesen an China zurückgegeben. «In Macao haben die Leute immer brav zu allem Ja und Amen gesagt, und dort ist die Freiheit heute schon komplett verschwunden. Also: Gehorsam verschafft dir keinen Vorteil.»

Die Macht, sie stellt sich gerne selbst aus. Und so wird Xi Jinping seinen Besuch am Samstag von 9000 Hongkonger Polizisten bewachen lassen. Und die Hongkonger Post ehrt Chinas Volksbefreiungsarmee, seit 1997 mit einer Garnison in der Stadt stationiert, zu diesem Anlass mit einem eigenen Set von Briefmarken. Die Marken werben für Chinas «mächtige und zivilisierte Streitkräfte». Nicht wenige Hongkonger aber werden dann noch die Bilder im Kopf haben, die gewaltige Videoleinwände vor vier Wochen erst im Victoria-Park im Herzen der Stadt zeigten. Fotos von Panzern dieser «zivilisierten» Armee, die 1989 friedliche Demonstranten überrollten. Eine chinesische Stadt, dieses Hongkong? Immer mehr, ja, aber noch immer die erstaunlichste von allen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2017, 22:16 Uhr

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