First Lady im Reisfeld

Akie Abe, die Gattin des nationalkonservativen japanischen Premierministers, betreibt in Tokio eine Kneipe. Auch sonst bleibt sie nicht im Hintergrund, wie es von Frauen in Japan erwartet wird.

In einfacher Arbeitskleidung pflanzt Akie Abe (links) zusammen mit US-Botschafterin Caroline Kennedy ihren eigenen Reis an. Foto: AP Kyodo News, Keystone

In einfacher Arbeitskleidung pflanzt Akie Abe (links) zusammen mit US-Botschafterin Caroline Kennedy ihren eigenen Reis an. Foto: AP Kyodo News, Keystone

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Der Kellner, der Reis aus einem Steinguttopf schöpft, trägt einen schwarzen Stetson mit schmaler Krempe. Der Reis schimmert weiss, er wird erst aufgesetzt, wenn die Gäste ihn bestellt haben. Für jeden Tisch einzeln. Das Uzu, eine winzige Kneipe, versteckt in einer Tokioter Seitengasse, verwendet keinen Reiskocher wie die andern. Der Reis soll frisch sein. Und wer ins Uzu kommt, soll sich Zeit nehmen. Es ist auch kein gewöhnlicher Reis. Die Wirtin hat ihn selbst gezogen: in der Präfektur Yamaguchi, der Heimat ihres Mannes. Das Lokal gehört Akie Abe, der Frau des japanischen Premierministers.

Das Uzu ist eine Izakaya. So nennen die Japaner Trinklokale, die auch Essen servieren: Häppchen zur Begleitung von Sake oder Bier; und im Uzu, das ist eher ungewöhnlich, auch Weine. In einer Izakaya, einer japanischen Kneipe, isst man nicht, man nascht endlos. Die drei Kellner, hübsche, junge Männer mit geföhnten Frisuren, bringen immer wieder etwas. Dabei macht jeder von ihnen, was gerade ansteht: servieren, kochen oder spülen. Nach der Eröffnung vor drei Jahren arbeitete auch Akie Abe selber mit. Doch ihre Schwiegermutter, die Tochter von Ex-Premier Nobusuke Kishi, soll sie gestoppt haben. Angeblich findet die 86-Jährige, als Wirtin im Uzu zu stehen, passe nicht zur Frau des Premiers.

Präsent ist Akie gleichwohl: Auf der Speisekarte gibt es neben vielen Spezialitäten aus Yamaguchi auch «Kohl mit Akies Miso», der fermentierten Sojapaste. An der Wand sind Bücher über gesundes Essen ausgestellt, die sie verfasst hat. Auf dem Tresen steht eine Flasche Ayinger, «eiszeitliches Tiefenwasser», am Flaschenhals heisst es: «G-7 Schloss Elmau». Ein Souvenir von Akies letzter Reise als First Lady.

Der Wert der Weihnachtstorten

Die Ehefrauen japanischer Politiker hielten sich bisher im Hintergrund. Abe, ein Nationalkonservativer, sei gegen das Uzu gewesen, erzählte Akie einer Journalistin. Sie habe ihm versprochen, wenn sie binnen eines Jahres keinen Gewinn mache, gebe sie auf. Nach zwölf Monaten waren die Zahlen gerade schwarz genug, um weiterzumachen. Als Michelle Obama im Frühjahr Tokio besuchte, war sie vom Uzu begeistert. Und überrascht, dass Premier Abe noch nie in der Kneipe seiner Frau war. Das müsse er nachholen, soll die Präsidentengattin ihm geraten haben.

Kennen gelernt hat Abe die heute 53-jährige Tochter einer Unternehmerfamilie als Sekretärin seines Vaters, des langjährigen Aussenministers Shintaro Abe. Geheiratet habe sie ihn «am letzten Tag meines 24. Lebensjahres», wie sie in einem Podiumsgespräch mit Cherie Blair erzählte, der Frau von Tony Blair. «Damals wurden Frauen in Japan noch Weihnachtstorten genannt», erklärte sie. «Ab dem 25. verloren sie an Wert.» Darüber würde die kinderlos gebliebene Akie sich heute wohl hinwegsetzen.

Japans First Lady hat schon immer gemacht, was sie wollte. Und gesagt, was sie denkt. Sie sei Abes Opposition zu Hause, scherzt sie. Im stockkonservativen Yamaguchi, der westlichsten Präfektur auf der Hauptinsel Honshu, jobbte sie als Discjockey bei einem Lokalradio. Heute äussert sie sich öffentlich gegen die Kernkraftwerke, die ihr Mann wieder anfahren will. Sie demonstriert ihre Sympathie für Südkorea und ihre Vorliebe für Seifenopern aus Seoul, während zwischen der Regierung ihres Mannes und jener Südkoreas Eiszeit herrscht. Im April marschierte sie auf der Schwulen- und Lesbenparade von Tokio mit. «Ich will helfen, eine Gesellschaft aufzubauen, in der jeder ein glückliches, reiches Leben ohne Diskriminierung leben kann», notierte sie dazu auf Facebook, dem Medium, mit dem sie mit den Leuten in Kontakt bleibt. Sie unterstützt auch die Gegner der 370 Kilometer Seewälle, die Tokio entlang der vom Tsunami heimgesuchten Küste baut. Dieses Problem trägt sie sogar ins Ausland. Als Gast der Ford Foundation trat sie in New York gegen die Verrammelung der Sanriku-Küste auf.

Veredelt werden die Gerichte, indem man ihnen möglichst viel von ihrem Eigengeschmack entlockt.

Japanerinnen seufzen zuweilen: «Wäre doch Akie unsere Premierministerin.» Dennoch glauben politische Beobachter, sie helfe ihrem Mann eher, als dass sie ihm schade. Der bekannte Journalist Soichiro Tahara sagte ihr in einem Radiogespräch, sie sei «ein Plus» für Abe: Ihr öffentlicher Widerspruch demonstriere, wie grossherzig der Premier sei, dass er sie machen lasse. Das Argument demonstriert freilich eher, wie weit Japan von einer Gleichberechtigung entfernt ist. Akie wurde auch schon als «Abes beste PR» bezeichnet, weil sie den Hardliner weicher und sympathischer erscheinen lässt.

Wenn Akie mit Caroline Kennedy, der US-Botschafterin in Tokio, zum gemeinsamen Reispflanzen nach Yamaguchi fährt, reist die Presse mit. Als erste Premiersgattin Japans hält Akie bei offiziellen Auftritten die Hand ihres Mannes. Sie finde das cool, sagte sie. Andrerseits pilgerte sie jüngst stellvertretend für ihn zum umstrittenen Yasukuni-Schrein, der Japans Kriegstoten und Kriegsverbrechern gedenkt.

Die meisten Gerichte der japanischen Küche entstammen einer Küche der armen Leute, die einfache Zutaten wenig verändert. «Streifen vom rohen Fisch auf einem Bällchen Reis», der Rest ist Mythos. Oder Präsentation. Und etwas Geschick, den Fisch richtig zu zerlegen. «Kohl mit Akies Miso» sind rohe Kohlblätter, die man in Miso dippt. Veredelt werden die Gerichte, indem man ihnen möglichst viel von ihrem Eigengeschmack entlockt. Und mit der richtigen Balance. Das gelingt Akie Abe im Uzu vorzüglich. Und noch raffinierter in ihrer Interpretation der Rolle als loyale First Lady mit eigenen Meinungen.

Erstellt: 30.06.2015, 20:11 Uhr

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