Gottes Diener, Gottes Krieger

In Karbala stehen die heiligen Stätten der Schiiten. Deren Milizen wehren sich gegen den IS. Doch viele befürchten, dass daraus ein Kampf gegen die Sunniten im Irak wird.

Heiligtum der Schiiten: Die Imam-Hussein-Moschee in der Abenddämmerung. Foto: AFP

Heiligtum der Schiiten: Die Imam-Hussein-Moschee in der Abenddämmerung. Foto: AFP

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Wenn der Tag sich dem Ende zuneigt, taucht die Sonne die goldenen Kuppeln und Minarette von Karbala in ein magisches Licht. Es ist die Zeit, in der die ­sengende Hitze langsam nachlässt. Die Gläubigen sammeln sich dann in dem riesigen, mit weissem Marmor und schwarzem Granit ausgelegten Innenhof, der die Imam-Hussein-Moschee mit jener seines Bruders Abbas verbindet. Es sind Zehntausende Menschen an gewöhnlichen Tagen, an Feiertagen Millionen. Karbala im Irak ist für schiitische Muslime eine der heiligsten Städte.

Die Schlacht von Karbala am 10. Oktober 680 besiegelte die Glaubens­spaltung im Islam. Es ging darum, wer rechtmässig die Nachfolge des Propheten ­Mohammed antreten dürfe. Dessen ­Enkel Hussein verweigerte dem Kalifen Yazid die Gefolgschaft, der in Damaskus residierte. Die Partei Alis, arabisch Schiat Ali, benannt nach Husseins Vater, erkannte nur Mitglieder der Familie des Propheten als legitime Führer an. Doch Hussein und Abbas wurden vernichtend geschlagen von den Sunniten.

Die Schreine der Brüder liegen im ­Inneren der beiden Moscheen. Die Inbrunst im Glauben, die aufrichtig gefühlte Trauer der Schiiten für die Märtyrer, sie wird greifbar an diesen beiden Grabmälern. Gläubige pressen die Stirn zum Gebet auf kleine Tonscheiben. Frauen streichen ergriffen von der Heiligkeit des Ortes mit der Hand über die reich mit Kalligrafien verzierten Wände. Die Schreine werden geküsst als Ausdruck der Verehrung.

Die Pistole neben dem Koran

Für sunnitische Fundamentalisten ist all der Prunk, der Märtyrerkult, die Volksfrömmigkeit nichts als verwerflicher Götzendienst . Nichts würde ihnen mehr Genugtuung verschaffen, als die opulenten Schreine zu zerstören. Deswegen findet man Scheich Maitham al-Zaidi zurzeit nicht im Schrein von Abbas, wo er ­eigentlich in der Verwaltung arbeitet. Er sitzt hinter einem Schreibtisch in einem kleinen Büro in einem Pilgerzentrum am Rand der Stadt und trägt Kampf­uniform. Ausser dem Koran hat er eine Pistole ­neben sich liegen. Das Pilgerzentrum ist umfunktioniert worden zum Hauptquartier der Abbas-Division. Hier kommen die Männer an, die sich freiwillig melden zu einem der grössten Milizenverbände der Schiiten im Irak. Maitham al-Zaidi ist ihr Kommandeur.

«Wir sind einer Fatwa von Gross­ayatollah Sayyid Ali al-Sistani gefolgt, ­unser Land zu verteidigen», sagt er. Sie haben im Juni 2014 zu den Waffen gegriffen. Es war eine Glaubenspflicht für die Männer, die sonst zivilen Berufen nachgehen. Damals war der Islamische Staat (IS) den Schreinen von Abbas und Imam Hussein bis auf 30 Kilometer nahegekommen. Sie hatten Mosul überrannt, Tikrit und die benachbarte Provinz Anbar. Der greise Ayatollah aus Najaf, höchste Autorität der Schiiten im Irak, rief zur Selbst­verteidigung. Auf die ­Armee wollten sich die Schiiten nicht verlassen.

Maitham al-Zaidi mag das Wort Miliz nicht, er spricht von den Volksmobili­sierungseinheiten. «Wir schützen die ganze Welt vor dem Bösen», sagt er. Und dass Grossayatollah Sistani das Prinzip der Herrschaft des Rechtsgelehrten ablehne, das im Iran alle Macht dem Obersten Führer vorbehält. Soll heissen, die 6000 Mann, die al-Zaidi kommandiert, hören nicht auf Befehle aus Teheran. «Wir stehen unter dem Schirm des Verteidigungsministeriums», sagt er – was aber nicht gerade nach einer militärischen Befehlskette klingt.

Die Milizen gelten als kampfstarke Truppen; sie haben Tikrit befreit.

Vom Mardscha, der Quelle der Nachahmung, redet der Kommandeur, ein kleiner, kräftiger Mann mit sanfter Stimme, wenn er Sistani erwähnt. ­Schiiten folgen einem Grossayatollah, der ­autoritativ den Koran auslegt. Der Einfluss des Mardschas auf das Leben seiner Anhänger reicht weit – erst recht, wenn es um existenzielle Fragen geht. «Wir kämpfen für unseren Glauben», sagt Maitham al-Zaidi, wenn man ihn fragt, warum seine Männer einen Feind be­siegen können sollen, vor dem die irakische Armee mehr als einmal Reissaus ­genommen hat. «Wir haben bemerkt, dass die Kämpfer des Islamischen Staates feige sind», sagt al-Zaidi. «Sie haben moderne Waffen, aber sie laufen davon.» Seine Leute dagegen verliessen sich auf Gott – und leisteten Sistani Folge.

«Wir waren in einem Gefecht bei Amarli», schildert er. Selbstmordattentäter, Mörsergranaten, Millionen Kugeln habe der IS gegen sie geschickt. «Ich habe zu Gott gebetet, seine Gläubigen zu schützen, und wir haben gespürt, dass ein Geist hinter uns steht», sagt der Kommandeur – der verborgene zwölfte Imam, dessen Wiederkehr als Erlöser die Schiiten erwarten. Das habe sie in der Schlacht beflügelt, obwohl sie in der Unterzahl waren.

Die Milizen gelten als kampfstarke Truppen; sie haben Tikrit befreit. Sie sollen nun helfen, den IS aus Anbar zu vertreiben, jener überwiegend sunnitischen Provinz. «Wir werden uns daran beteiligen, wenn die Regierung uns darum bittet», antwortet Maitham al-Zaidi, wenn man ihn fragt, ob die Schiiten jetzt nicht nur ihre Schreine verteidigen, sondern auch ins Kernland der Sunniten vorstossen wollen.

Geplündert, gemordet

Die Milizen gelten aber auch als brutal, als undiszipliniert. Sie haben geplündert und Rachemorde verübt an Sunniten, die sie als Kollaborateure beschuldigen. In Tikrit und anderen befreiten Orten hindern sie Sunniten an der Rückkehr. Sie wollten «das demografische Gleichgewicht in einigen Provinzen ver­ändern», wirft ihnen ein sunnitischer Politiker aus Tikrit vor – eine deutliche Warnung, dass unter dem Vorwand des Kampfes gegen den IS ethnische Ver­treibungen organisiert würden.

Maitham al-Zaidi weist das entschieden von sich. Der Mardscha habe be­fohlen, «unsere sunnitischen Brüder mit unserem Blut zu verteidigen». «Zwischenfälle», wie er es nennt, gebe es in jedem Krieg. Tatsächlich bemüht sich Sistani um Versöhnung. Doch längst nicht alle Milizionäre hören auf ihn – und schon gar nicht auf die Regierung in Bagdad. Die Badr-Miliz, die Hizbollah-Brigaden, sie werden vom Iran gesteuert. Sie starteten die Offensive auf Tikrit. Abadi hatte keine Wahl, als sich an die Spitze der Operation zu setzen, wollte er nicht desavouiert werden.

Und nach dem schmachvollen Abzug der Armee vor dem IS in Ramadi blieb der Regierung nichts anderes übrig, als die Milizen auch im Kampf um Anbar zu Hilfe zu rufen. Maitham al-Zaidi beschwichtigt: «Wir kämpfen für ein Leben in Frieden und Freiheit und einen Irak, in dem alle Muslime zusammenleben.» Er hat eine Familie, einen Beruf. Auch er ist dem Ruf des Mardschas gefolgt, aber am liebsten will er zurück in den Schrein von Abbas. Doch die Gläubigen können sich nicht aussuchen, wie sie ihrem Gott zu dienen haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:13 Uhr

6000 Luftangriffe

Der IS ist noch nicht entscheidend geschwächt

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Ein Jahr ist es her, dass die Luftangriffe der von den USA angeführten internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) begonnen haben. Das US-Verteidigungsministerium betont, dass der IS «an allen Fronten unter Druck» sei. Mehrere US-Geheimdienste sprechen jedoch von einem «strategischen Patt». Noch sei der IS nicht entscheidend geschwächt.

Die USA haben bislang 3,5 Milliarden Dollar in den Krieg gegen den IS investiert, zusammen mit ihren Verbündeten flogen sie fast 6000 Luftangriffe. Obwohl etwa 10?000 IS-Kämpfer getötet wurden, sehen die Geheimdienste «keine zahlenmässige Schwächung»; der IS habe weiter bis zu 30'000 Mann. Er habe seine Verluste durch neue Rekruten ausgleichen können, viele stammten aus dem Ausland. Auch verfüge die Miliz über genügend Geld aus geplünderten Banken und Ölverkäufen; dazu kommen Schutzgelder, Steuern und Raubgut.

Nach US-Angaben wurde der IS in Nordsyrien aus einem 17?000 Quadratkilometer grossen Gebiet verdrängt – massgeblich mithilfe kurdischer Milizen, die der PKK nahestehen und nun von der türkischen Luftwaffe bombardiert werden. Im Irak können die Jihadisten laut Pentagon in «25 bis 30 Prozent der einst von ihnen kontrollierten Gebiete nicht mehr ungehindert agieren». Allerdings eroberte der IS die wichtige Stadt Ramadi. Auch verübt er in befreiten Gebieten regelmässig schwere Anschläge. Die Miliz hat ihre Taktik angepasst, um durch Luftschläge weniger verwundbar zu sein. (pkr)

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