Guantánamo zeichnen

Janet Hamlin zeigt in ihren Arbeiten die surreale Parallelwelt der US-Terrorjustiz. Diese ist vor allem eines: quälend – quälend langsam.

Janet Hamlin (links) will den Prozess bis zum Ende begleiten. Auch wenn dieses noch nicht absehbar ist. Fotos: Brennan Linsley (AP)

Janet Hamlin (links) will den Prozess bis zum Ende begleiten. Auch wenn dieses noch nicht absehbar ist. Fotos: Brennan Linsley (AP)

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Als Janet Hamlin erstmals Khalid Sheikh Mohammed zeichnet, misslingt das Bild. Es macht sie nervös, den Terrorverdächtigen vor sich zu sehen. Wie alle New Yorker erinnert sie sich bis heute an die Anschläge vom 11. September 2001. Jahre später bekommt sie den mutmasslichen Anstifter im US-Militärlager Guantánamo Bay zu Gesicht. «Ich war extrem eingeschüchtert», sagt Hamlin.

Sie malt ihn, wie sie so viele Angeklagte gemalt hat: braunes Papier, erst die Skizze aus dunklen Strichen, dann Pastellkreiden für die Farben und Einzelheiten. Das weisse Tuch um den Kopf, die schwarze Brille, der wuchernde Bart. Als sie fertig ist, legt man ihr Werk dem Sheikh vor – er soll zufrieden sein mit dem, was die Aussenwelt von ihm sehen wird. Doch der Sheikh ist nicht zufrieden. «Die Nase stimmt nicht», sagt er. «Die Künstlerin soll mein Fahndungsfoto im Internet suchen und damit die Nase korrigieren.»

3000 Menschen auf dem Gewissen

Als die Amerikaner von dieser Anekdote hören, finden sie das halb amüsant, halb grotesk: Der Al-Qaida-Operateur hat mutmasslich 3000 Menschen auf dem Gewissen, die CIA hat ihn gefoltert, ihm droht vor einem Sondertribunal die Todesstrafe – und er beklagt sich über die künstlerische Umsetzung seiner Nase? Aber Janet Hamlin muss ihm recht geben. «Die Nase war zu gross», sagt sie, «es war ein wirklich schlechtes Bild.»

Sie ist seit 2008 die Gerichtszeichnerin der Guantánamo-Prozesse. Sie gewährt die einzigen bildlichen Eindrücke aus der Parallelwelt der US-Terrorjustiz.Fortschritt ist hier kaum je zu beobachten. Wenn die Angehörigen der Opfer der Anschläge kommen, verzweifeln sie fast ob der quälenden Langsamkeit. Der Prozess gegen fünf mutmassliche Hintermänner der 9/11-Anschläge steckt noch immer im Vorverfahren fest, im Streit über unzählige Regeln, die eigens für dieses Sondertribunal entwickelt wurden. Es ist Pionierarbeit, zäh, mit ungewissem Ende. Die Verteidiger spielen auf Zeit, wie in allen Fällen, in denen die Todesstrafe droht. An manchen Tagen ist das einzig Greifbare, das entsteht, eine neue Zeichnung Hamlins.

Im Neonlicht des fensterlosen Justizcontainers hat Hamlin ein paar Variablen entdeckt: Sie veranschaulichen, wie die Zeit vergeht. Ein Angeklagter hat abgenommen. Oder trägt ein neues Kopftuch. Die Aktenstapel auf den Tischen sind gewachsen. Auch die Farben ändern sich. Khalid Sheikh Mohammed hat seinen Bart einst mit Henna gefärbt, dann in einem gelberen Ton, den Hamlin «Hawaii-Punsch» nennt. Zuletzt neigte er wieder ins Orange. Irgendwann hat der Sheikh auch eine Tarnjacke angezogen, ein Symbol dafür, dass er sich als Krieger sieht.

Der eitle Sheikh

Der Sheikh sei «sehr eitel», sagt Hamlin, das habe nicht nur die Geschichte mit der Nase offenbart. «Er posiert, er weiss, dass alle Welt diese Zeichnungen sieht, und mit seinem Bart und seiner Kleidung möchte er etwas mitteilen.» Vielleicht, dass sein Wille nicht gebrochen ist. Er sehe zwar nicht attraktiv aus in seinem Aufzug, aber er falle auf.

Die Terrorprozesse nehmen ihren Lauf in einer surrealen Landschaft. Das Pentagon fliegt Beobachter mit Charterjets ein oder Militärmaschinen, vom Flughafen muss man eine Fähre nehmen über die Bucht. Das Justizzentrum hat man vor einem leeren Hangar aufgebaut, daneben eine Zeltstadt: «Camp Justice». Hamlin stammt aus einer Militärfamilie, in Guantánamo fühlt sie sich zu Hause. Aber es gibt jenseits der Prozesse nicht viel zu tun. Sie fährt ein bisschen Fahrrad, abends treffen sich Anwälte, Reporter und Militärjuristen in der einzigen Kneipe. Hamlin schläft wie alle Journalisten in einem Zelt, hinter dem ein monströses Klimaaggregat dröhnt.

Es ist kein freundliches Ambiente für jene, die hier die Öffentlichkeit vertreten. Hamlin darf den Prozess nur aus der Zuschauerkammer für Reporter und Angehörige betrachten, durch eine Glasscheibe, vor allem aber: von hinten. Sie hat beantragt, im Saal zu sitzen, aber das Militär hat abgelehnt, weil sie dann etwas Geheimes hören könnte. Wenn vor Gericht Geheimnisse besprochen werden, wird hinten im Zuschauerraum der Ton abgestellt, der Prozess wirkt dann wie ein Stummfilm.

Hamlin muss im Hinterzimmer versuchen, auf engstem Raum immer neue Blickwinkel zu finden. Die Freiberuflerin hat ihre Bilder einem Zensor vorzulegen. Anfangs hat man es ihr verboten, Gesichter in ihren Einzelheiten zu zeichnen. Auch Details aus dem Gerichtssaal sollen vertraulich bleiben. Hamlins Bilder zeigen keine Türen – vielleicht für den Fall, dass jemand einen Fluchtplan entwirft. «Alle sechs Monate interpretieren sie die Regeln neu», sagt sie.

Verschleiert aus Rücksicht

Aber Hamlin hat auch Szenen eingefangen, wie man sie vor Amerikas ordentlichen Strafgerichten niemals sehen wird. Wie die Verteidigerin Cheryl Bormann im schwarzen Schleier vor dem Richter steht, verhüllt aus Rücksicht auf ihren muslimischen Mandanten. Wie Khalid Sheikh Mohammed in den Sitzungspausen immer, offenbar zur Entspannung, auf dem Fussboden sitzt, umringt von Anwälten und mutmasslichen Komplizen. Wie die Angeklagten auf ihren ausgerollten Teppichen beten.

Hamlin zwingt sich zur Objektivität wie ein Autor, der manches betont und manches weglässt und der doch bei den Tatsachen bleiben möchte. Aber es ist eine subjektive Kunst. Hamlin malt nur selten eine Totale, oft wählt sie zwei, drei Personen aus, deutet die anderen bloss an oder lässt sie ganz weg. Manchmal versucht sie eine Szene einzufangen, die nur einen Augenblick dauert – eine Geste, einen Blickwechsel. Es dauert aber viel länger, es zu Papier zu bringen. Sie prägt sich die Szene ein, skizziert sie, füllt sie dann mit Farbe aus.

Sie trifft die Protagonisten und die Stimmung verblüffend präzise, sie hat inzwischen einen ganzen Band veröffentlicht. Und doch sind es nur Zeichnungen. Betrachtet man nur ihre Bilder, könnte man zuweilen auf den Gedanken kommen, die Justiz in Guantánamo sei nur Fiktion. US-Präsident Obama hat die Strafprozesse aus dieser künstlichen Welt zurückholen wollen auf das Festland. Das Parlament hat es verhindert.

Wunsch nach sauberem Abschluss

Hamlin wünscht sich, dass dieser Prozess nicht nur irgendwann richtig beginnt, sondern auch irgendwann endet, dass es einen sauberen Abschluss gibt, der wenigstens den Angehörigen Frieden schenken würde. Aber Hamlin ringt mit sich, wie dieses Ende aussehen soll. Die Todesstrafe kann sie sich nur vorstellen, falls die Angeklagten alles gestehen und ihre Schuld ohne Zweifel bewiesen sei. Sie hat nicht gerade Sympathie entwickelt für die Verdächtigen, aber sie kann ihre Motive inzwischen besser nachvollziehen. «Ich bin hin- und hergerissen», sagt sie. Immerhin ist sie sich sicher, dass sie den Prozess beobachten möchte bis zum Ende. «Ich fliege hin, solange es geht», sagt sie und beginnt zu rechnen. Sie ist jetzt 53. Fällt ein Urteil, solange sie noch zeichnen kann?


Janet Hamlin: Sketching Guantanamo.
Fantagraphics Books, 2013.

Erstellt: 06.04.2015, 23:39 Uhr

Hamlin zeichnet den Angeklagten Omar Khadr im Jahr 2009.

Video

Die Anschläge von New York, Dokumentation. Quelle: Youtube

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