Im Sturm hält man den Kopf hoch

Bei Abstimmungen und Wahlen siegten Brexit, Trump, SVP. Leben Linke und Liberale in einer Blase? Und sollten sie mehr auf das Volk hören?

Hauptsache Protest: Ein US-Patriot reitet durch den Malheur-Nationalpark in Oregon. Foto: Jim Urquhart (Reuters)

Hauptsache Protest: Ein US-Patriot reitet durch den Malheur-Nationalpark in Oregon. Foto: Jim Urquhart (Reuters)

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Nach der Wahl wird die Beute verteilt. Donald Trump erhält die USA. Und sein Anhang die Wirklichkeit.

Gleich drei publizistische Lager sind sich einig, dass für Trumps Sieg alle verantwortlich sind, ausser die, die ihn gewählt haben: die Experten, die Demokraten, die Presse. Weil sie die Wut im Land unterschätzt haben.

Die Folgerung ist klar: Nun ist für die Verlierer Zeit, die eigene Blase zu verlassen. Und auf die Leute zu hören, die Trump, Brexit oder SVP wählten: die einfache Bevölkerung. Man sollte endlich die Sorgen der eigenen Arbeiterklasse zur Kenntnis nehmen, statt sich um Minderheiten zu kümmern: Schwarze, Ausländer, Schwule.

So weit die Forderung von rechten Publizisten, zerknirschten Linken wie gut gelaunten Radikalen jeder Art, die die Zertrümmerung des Staats als Vorspiel für die Revolution feiern.

Die Frage ist nur: Haben sie recht? Wird das Volk von einer linken Elite verraten?

Routinejammerei

Drei Dinge fallen dabei auf. Erstens. Man kann nur sagen, dass Trump von den einfachen Arbeitern gewählt wurde, falls man Schwarze und Latinos nicht zählt. Trump siegte bei den Weissen, und zwar in jeder Einkommensklasse.

Zweitens. Die aktuelle Rechte kämpft wie ein Boxer mit Glaskinn: ein Bully im Austeilen, ein Baby im Nehmen. Nichts liegt ihr ferner als Haltung. Ihre Propaganda ist industrielles Jammern: In unzensierten Artikeln werden Denkverbote beklagt. Bei Demonstrationen sprechen die Redner von sich als aussterbenden Verlierern. Und auf Plakaten wird das Volk als gerupftes Huhn dargestellt. Es ist Routinejammerei.

Drittens. Macht man die harte Rechnung, dann ist die liberale Linke durchaus mitverantwortlich für mehr Freihandel und Finanzplatz. Aber auch für das Gegenteil: den Versuch, das Ganze mit flankierenden Massnahmen wieder unter Kontrolle zu bringen. Wohingegen die Rechte für eine Kaskade von Steuererleichterungen für Konzerne, Banken, Reiche stimmte.

Die Vorwürfe gegen Obama als Verräter der einfachen Leute machen wenig Sinn: Er zähmte die Finanzkrise, er ermöglichte 24 Millionen eine Krankenversicherung, er rettete die Autoindustrie. Alles gegen den Widerstand von rechts.

Trotzdem wurde seine Partei dafür gehasst. Der erste Grund: Einiges ging an die Ärmeren. Und der Mittelstand glaubte, dafür zu zahlen. Der zweite Grund: die Hautfarbe. Man verdächtigte Obama, Farbige und Frauen zu privilegieren.

Klar ist, dass es echte Verlierer gibt. Die besten Erklärungen zur Trump-Wahl sind die Erinnerungen derer, die ihre Jugend in einer der Kleinstädte verbrachten, in denen der Mann etwas galt, der Autos und Dächer reparieren, jagen und Einbrecher verprügeln konnte. Und wo dieselben Männer nach dem Wegzug der Fabriken nun bei McDonald’s oder gar nicht mehr arbeiten. Während ihre Frauen oft mehr verdienen.

Der Verlust an Würde der weissen Männer zählt. Eine Politik, die kein Pulverfass will, muss sie berücksichtigen: mit Geld, Worten und einem Ziel.

Doch zur Würde gehört auch klare Sprache. Sicher, es gibt in der heutigen Wirtschaft viele Gründe für Zorn. Doch Wut ist keine Entschuldigung für Dummheit: Die republikanischen Arbeiter wählten einen Mann, der für Superreiche 40 Prozent Steuererleichterungen plant, für sie 0,6 Prozent. Und einen möglichen Diktator, der für Staat und Verfassung keinen Respekt hat.

Auch Zorn hat nur beschränkte Rechte. Wie Laurie Penny schreibt, hat der Mann, der im Bus wegen lauter Fremder keinen Sitzplatz findet, das Recht, wütend zu sein. Aber nicht das Recht, dem Fahrer ins Lenkrad zu greifen und den Bus in die Schlucht stürzen zu lassen.

Der Sturm wird kommen

Sollen Linke und Liberale also ihre Blase verlassen? Und auf die Sorgen des einfachen Volks hören? Die Antwort ist ein klares Nein. Denn erstens gibt es das einfache Volk nur in der Propaganda. Zweitens sind die Leute, die zur Volksnähe raten, fast immer Politprofis: Es sind Intellektuelle, die Intellektuelle Intellektuelle schimpfen. Drittens geht es den Profis nicht um Dialog, sondern um Unterwerfung. Viertens: Letzteres wäre sinnlos. Auf Nettigkeit haben autoritäre Charaktere noch nie anders reagiert als mit einem Fusstritt.

Das, was jetzt zählt, ist Kampfgeist. In einer polarisierten Gesellschaft gewinnt die Seite mit mehr Leidenschaft. Der Fehler Clintons war nicht das Leben in einer Blase, sondern mangelnde Mobilisierung der Leute in derselben.

Um Langeweile in der eigenen Blase muss man sich keine Sorge machen. Schon deshalb, weil in den USA, in China, in Russland nun autoritäre Regierungen herrschen, vielleicht bald auch in Italien oder Frankreich. Der Sturm wird kommen. Und da hält man den Kopf hoch, nicht gesenkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2016, 22:42 Uhr

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