«In China ist die Embryonen-Forschung kaum reguliert»

China-Korrespondent Christoph Giesen erklärt, weshalb die Regierung in Peking nichts von den Gen-Babys wusste und wie sie darauf reagieren wird.

Ein Embryo unter dem Mikroskop in einem Labor in der südchinesischen Stadt Shenzhen (Symbolbild).

Ein Embryo unter dem Mikroskop in einem Labor in der südchinesischen Stadt Shenzhen (Symbolbild). Bild: Mark Schiefelbein/Keystone

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Herr Giesen, weshalb fordert das chinesische Ministerium die beteiligten Wissenschaftler auf, die Erforschung der sogenannten Crisper-Babys zu stoppen?
Die chinesischen Richtlinien erlauben es Wissenschaftlern maximal 14 Tage an Embryonen zu forschen. Nach Ablauf dieser Frist ist das Experiment einzustellen. Eine Geburt dauert gewöhnlich 40 Wochen, die Richtlinie wurde also eindeutig verletzt. Ein formales Gesetz, dass Strafen bei Zuwiderhandlung vorsieht, existiert jedoch nicht.

Erstaunt es Sie, dass gerade Forscher aus China als Erstes die Gen-Schere bei Embryos angesetzt haben?
Die Ankündigung, dass sehr wahrscheinlich zwei Kinder mit veränderten Genen geboren wurden, war für die Welt eine negative Überraschung – auch in China.

Aber waren es nicht auch chinesische Forscher, die als Erstes an Embryonen geforscht haben.
Das war 2015 und hat für Kritik gesorgt. In China ist im Gegensatz zu Ländern wie der Schweiz oder Deutschland die Embryonen-Forschung kaum reguliert. Dazu kommt, dass in den vergangenen 38 Jahren der Staat massiv in die Familienplanung eingegriffen hat. Die Einkindpolitik wurde streng umgesetzt. Millionen Föten wurden auf Anweisung der Behörden abgetrieben.

Folgt in China die Wissenschaft nicht ohnehin der Regierung und erforscht, was diese vorgibt und erreichen will?
Im vorliegenden Fall trifft das nicht zu. Es lief heimlich ab. Sofort nach Bekanntgabe haben 120 chinesische Wissenschaftler einen offenen Brief unterzeichnet und sich von ihrem Kollegen He Jiankui distanziert. Kritisch hinterfragen muss man allerdings, wie es überhaupt möglich war, dass diese geheimen Menschenversuche stattfinden konnten.

Fehlt es an Regulierung?
He musste sein Projekt offenbar bei keiner unabhängigen Stelle vorlegen. Es gab keine Ethik-Kommission, die ihn hätte stoppen können.

Könnte dieser Schritt des Ministeriums auch rechtliche Folgen für den Wissenschaftler He haben?
Das ist schwer abzuschätzen. Formaljuristisch hat er mit seinen Experimenten gegen kein Gesetz verstossen, sondern lediglich eine Art Selbstverpflichtung der chinesischen Wissenschaft - die bereits erwähnte 14-Tages-Richtlinie - verletzt. Allerdings ist China kein Rechtsstaat und der Regierung dürfte nicht gefallen haben, was He da angestellt hat. Es kann sein, dass er unbehelligt weiterarbeiten darf. Möglich wäre aber auch, dass ihn die Behörden nach seiner Rückkehr aus Hongkong sehr genau verhören.

Und was droht den Zwillingen?
He hat in die Evolution eingegriffen, und das mit einer Technik, die noch nicht ausgereift ist. Die Gefahr ist, dass sich bei der Genveränderung Fehler eingeschlichen haben, unter denen sie und möglicherweise alle ihre Nachkommen leiden werden, da sie vererbt werden.

Video – Ist er der Vater des ersten Designer-Babys?

Der Wissenschaftler He Jiankui behauptet, vor kurzem seien erstmals Babys nach einer Genmanipulation zur Welt gekommen. (Video: Tamedia/Youtube/The He Lab) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.11.2018, 20:30 Uhr

Christoph Giesen ist seit 2016 Wirtschaftskorrespondent in Peking. Zuvor schrieb er von München aus für das Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. (Bild: (zVg))

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