In Katar sind Kühe ein Symbol des Widerstands

Das kleine Emirat am Persischen Golf wird seit Monaten von seinen Nachbarstaaten boykottiert.

Rinderhaltung am Persischen Golf: Die armen, für Katar strategisch wichtigen Hochleistungs-Milchkühe sehen nie eine grüne Weide. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

Rinderhaltung am Persischen Golf: Die armen, für Katar strategisch wichtigen Hochleistungs-Milchkühe sehen nie eine grüne Weide. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

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Katar ist eine Wüstenhalbinsel am Persischen Golf. Das saftige Grün einer Weide werden die 3400 Holsteiner nie sehen, die gerade an Bord der Queensland den Hafen von Doha erreicht haben. Das neue Zuhause der Hochleistungsmilchkühe aus den USA sind die Hightech-Ställe der Baladna-Farm, 50 Kilometer von Doha entfernt. In klimatisierten Leichtbauhallen werden sie neben Artgenossen stehen, die Katar eingeflogen hatte, als die Nachbarn Saudiarabien, Vereinigte Arabische Emirate und Bahrain zusammen mit Ägypten im Juni 2017 die Grenze dichtmachten und einen Boykott verhängten.

Die Herde soll auf 25'000 Tiere anwachsen. Mit seinen automatischen Melk-Karussells wird Baladna zum grössten Milchproduzenten der Region aufsteigen, zu einem der grössten Rinderhalter weltweit. Ende April, rechtzeitig zum Fastenmonat Ramadan, soll Katar bei Molkereiprodukten autark sein. Das ist auch eine hoch symbolische Frist: Verzichten gläubige Muslime von Sonnenaufgang an selbst auf Wasser, darf es beim Fastenbrechen, das bei Sonnenuntergang beginnt, an nichts fehlen.

Ein Fünfjahresplan

Ohne Einfuhren kommt Katar weiterhin nicht aus. Jahrelang wurden fast alle Lebensmittel über Saudiarabien importiert. Aber die Regierung hat diese Woche einen Fünfjahresplan vorgestellt, mit dem das Emirat bei der Grundversorgung der 2,7 Millionen Bewohner, von denen nur etwa 300'000 Katarer sind, unabhängiger werden soll. Ein Drittel des Fleischs und zwei Drittel des Fischs sollen bis 2022, dem Jahr der Fussballweltmeisterschaft, im Land produziert werden. Katar zieht damit die Konsequenzen aus der Krise: Die Integration der Volkswirtschaften im Golfkooperationsrat hat dem Land nicht Schutz gebracht, wie die Befürworter des Modells propagierten, sondern das Emirat abhängig und verwundbar gemacht. In Doha richtet man sich darauf ein, dass die Blockade noch lange dauern könnte.

Die Positionen sind nach neun Monaten der Krise verhärtet, alle Vermittlungsversuche Kuwaits und der USA vorerst gescheitert. Direkte Kontakte zwischen den Konfliktparteien gibt es nicht. «Der einzige Weg aus der Krise ist, sich an den Verhandlungstisch zu setzen», sagt Mohammed bin Abdulrahman al-Thani, Katars Aussenminister. «Aber wenn die Boykottstaaten darauf bestehen, dass wir unsere Souveränität und Unabhängigkeit aufgeben, wird es keinen Fortschritt geben.»

Saudiarabiens Aussenminister Adel al-Jubeir hält dem entgegen: «Die Katarer wissen, was sie tun müssen, und wir warten darauf, dass sie es tun.» Einen 13-Punkte-Katalog mit Forderungen hat Riad zusammen mit den Emiraten, Bahrain und Ägypten vorgelegt. Diesen werten selbst wohlmeinende westliche Di­plomaten als klaren Eingriff in die Souveränität Katars. «Keine Unterstützung für Terroristen, für Terrorfinanzierer, für Hassprediger und Extremisten», forderet Jubeir. Übersetzt heisst das: keine Unterstützung mehr für die Muslimbruderschaft, die Schliessung des TV-Senders al-Jazeera, die Ausweisung von in Katar lebenden Regierungsgegnern aus den Nachbarländern und die Einschränkung der Beziehungen zum Iran.

Dem wird sich Doha nicht beugen. «Die Blockade ist gescheitert», sagt Minister al-Thani, «sie hat unser Land nicht in die Unterwerfung gezwungen.» Sie hat Katar indes wirtschaftlich schwer geschadet, aber selbst dieser Effekt lässt laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) nach. Der IWF prognostiziert Katar für dieses Jahr 2,6 Prozent Wachstum, das Budgetdefizit soll nach 9,2 Prozent 2017 auf 6 Prozent zurückgehen, die Devisenreserven der Zentralbank stiegen um 2,9 Milliarden Dollar auf 17,7 Milliarden – dank der verbesserten Handelsbilanz, sinkender Importe.

Buhlen um die Gunst der USA

Politisch bemüht sich das Emirat, seine internationalen Verbindungen zu pflegen: Der Emir nahm an der Münchner Sicherheitskonferenz teil. Zuvor hatten US-Verteidigungsminister James Mattis und der inzwischen von Präsident Donald Trump geschasste Aussenminister Rex Tillerson einen «strategischen Dialog» mit Katar in Washington geführt. In Doha sah man sich einmal mehr bestätigt darin, dass die Stationierung von 12'000 US-Soldaten und des US-Kommandozentrums für den ganzen Nahen Osten auf dem Luftwaffenstützpunkt al-Udeid einer Lebensversicherung für das Emirat gleichkommt.

Die Eskalation in eine militärische Auseinandersetzung fürchtet Aussenminister al-Thani denn auch nicht, obschon es «fortlaufend Provokationen» gebe. Im Januar beschwerte sich Doha bei der UNO über Luftraumverletzungen durch emiratische Kampfjets. Abu Dhabi warf Katar daraufhin vor, einen Passagierjet abgefangen zu haben. Solche Scharmützel gibt es regelmässig. Zudem liefern sich die verfeindeten Staaten eine PR-Schlacht. Nirgends wird der Kampf um die Gunst so hart geführt wie in Washington.

Katar und die USA unterzeichneten eine Vereinbarung, strenger gegen verdächtige Finanztransaktionen vorzugehen – ein Versuch Tillersons, Brücken zu bauen. Doch Saudiarabiens Aussenminister Jubeir wertet das als Schuldanerkennung: «Wenn Katar kein Problem hat, wie es behauptet, warum schliesst es dann eine solche Vereinbarung?»

Die Lösung sollte eine Reihe von Besuchen gekrönter Häupter im Weissen Haus bringen: Saudiarabiens Thronfolger Muhammad bin Salman wird am Montag erwartet. Der Emir von Katar soll folgen, nachdem sich Trump bereiterklärt hat, persönlich zu vermitteln. Eingefädelt hat das noch Tillerson, der als Ex-Ölmanager enge Beziehungen zu Katar und in die Golfregion hat. Ob diese Planung nach seiner Entlassung noch gilt, ist offen. Katars Gegner jedenfalls sind höchst erfreut über die Ernennung von CIA-Chef Mike Pompeo zum neuen US-Aussenminister.

In Katar ist derweil die Baladna-Farm zu einem beliebten Ausflugsziel geworden, der Kauf von Milchprodukten zum patriotischen Akt. Und die Kühe zum neuen Symbol des Widerstands gegen die mächtigen Nachbarn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2018, 19:58 Uhr

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