Locken und drohen

Der Afrika-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet über die Wahlen in Nigeria.

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Vor allem Afrika-Enthusiasten halten den Atem an: In Nigeria, dem wirtschaftlich mächtigsten Staat des Kontinents, wird heute gewählt. Umfrageergebnisse sagen den knappsten Wahlausgang in der über 50-jährigen Geschichte des Landes voraus: Der Slogan vom afrikanischen Aufstieg, vom Erwachen des letzten noch wenig erschlossenen Markts der Erde, steht auf dem Spiel. Sollte es in Nigeria zu einem Patt und bereits angedrohten Gewalttätigkeiten kommen, würde der ganze Kontinent um Lichtjahre zurückgeworfen: Denn der mit über 170 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Staat Afrikas ist auch dessen Lackmusstreifen.

Der aus dem christlichen Süden stammende ­Titelverteidiger Goodluck Jonathan und sein muslimischer Herausforderer Muhammadu Buhari schüttelten sich zwei Tage vor der Wahl die Hände und versprachen einen friedlichen Urnengang und die Anerkennung der Wahlergebnisse. Doch keiner weiss, wie ernst sie es meinen. Und ob sich auch ihre aufgestachelten Anhänger an den Friedenspakt halten werden. Nigeria ist berüchtigt für tödliche Unruhen nach Urnengängen, für Militärcoups und sogar für Bürgerkriege. Im Biafra-Krieg in den 60er-Jahren starben weit über zwei Millionen Menschen.

Mörderische Boko-Haram-Sekte

Die sogenannte internationale Gemeinschaft sollte, wenn schon nicht Gewehr bei Fuss, so doch mit laufenden Flugzeugmotoren parat zu stehen. In den kommenden Tagen und Wochen könnte viel «shuttle diplomacy» nötig sein, um eine Kernschmelze in Nigeria zu vermeiden: Vor allem die Emissäre aus Washington und London müssen sich sowohl lockend wie drohend zwischen den beiden Polen, Jonathan und Buhari, hin und her bewegen.

Selbst wenn der Urnengang ruhig verlaufen sollte, ist Nigeria noch längst nicht aus dem Schneider. Im Nordosten des Landes sind noch immer die Überreste der mörderischen Boko-Haram-Sekte aktiv, während Staatsbudget und Wirtschaft von den niedrigen Ölpreisen schwer angeschlagen sind. Der verwundete Riese Nigeria wird in den kommenden Monaten besonderer Pflege bedürfen: Das Schlimmste wäre, wenn die Welt ihn aus den Augen liesse.

Erstellt: 27.03.2015, 19:37 Uhr

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