Notfall in Athen

Die Krise macht krank. Die griechischen Spitäler haben fast ein Drittel mehr ­Patienten als üblich. Gleichzeitig werden die Medika­mente knapp.

Strom ist noch nicht knapp: Evangelismos-Spital in Athen. Foto: Yiorgos Karahalis (Reuters)

Strom ist noch nicht knapp: Evangelismos-Spital in Athen. Foto: Yiorgos Karahalis (Reuters)

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Im Flur ist kein Weiterkommen. So viele Kranke. Ein alter Mann, den Mund weit offen, schläft. In der Hand hält er einen Spucknapf. Die Patientin daneben, nur mit einem Laken bedeckt, bekommt eine neue Infusion. Eine Frau im Rollstuhl will durch, muss aber warten, wie alle anderen auch. Der Flur im Parterre des Evangelismos, des grössten staatlichen Spitals von Athen, ist zum Behandlungszimmer geworden. Schamgefühle muss man hier als Patient ablegen.

Theofanis Apostolou, Nierenspezialist und seit 1997 im Evangelismos, wirkt, als habe er die Ruhe weg. Er balanciert einen Kaffeebecher in der einen Hand und einen Koulouri, einen Sesamkringel, in der anderen. Pause auf dem Gang. «Noch funktioniert alles, irgendwie. Wir kommen zurecht», sagt Apostolou. Er will ja für seine Patienten alles in seiner Macht Stehende tun. Aber es steht nun einmal nicht in seiner Macht, sicherzustellen, dass auch genug Verbandsmaterial da ist, genügend Medikamente, ja genügend Mediziner. Aber wie lang Verbandsmaterial und Medikamente reichen, kann er nicht sagen. «Wir haben jetzt schon Probleme», ­sagen zwei Krankenschwestern.

Griechenland steht finanziell vor dem Kollaps. Das hat auch Auswirkungen über so einen empfindlichen Organismus wie dieses griechische Spital mit fast 1000 Betten. Im vierten Stock liegt Ibrahim Barraj. Eine böse Darminfektion hat ihn vor zehn Tagen niedergestreckt. Jetzt weiss er, was es bedeutet, wenn ein Krankenhaus nur im Notfall­modus läuft. Die Infusionsnadel an seiner Hand ist nur mit zwei dünnen Klebestreifen befestigt. Er wollte einen richtigen Verband, aber die Schwester sagte: Er müsse verstehen, die anderen bräuchten auch etwas. Seine Schmerz- und Blutdruckmittel hat er von zu Hause mitgebracht, die hätten sie hier nicht ­gehabt. «Das ist alles so traurig», sagt er. «Die Leute leiden.» Auf das Personal lässt er nichts kommen, Schwestern wie Ärzte würden «den Umständen ent­sprechend» einen guten Job machen.

Keine Erholung für die Ärzte

Doktor Theofanis Apostolou sagt, die Krise mache alle krank. 20 bis 30 Prozent mehr Patienten hätten sie mittlerweile. Seit fünf Jahren ringt man mit immer neuen Sparmassnahmen. Von den Wänden blättert die Farbe. Sechs Kranke teilen sich ein Zimmer. Den Ärzten bleibt kaum Zeit, um sich zwischen den Schichten zu erholen. Das passiert, wenn dem Staat bald ganz das Geld ausgeht. Auch hier im Spital stehen die Ärzte vor dem Geldautomaten Schlange, um sich das Tageslimit von derzeit 60 Euro zu sichern. «Alle sind ge­stresst», sagt Ärztin Rodanthi Theodorelou. Nicht nur die Patienten.

Patienten wie Dimitrios Kontopidis. Als er hörte, dass es ein Referendum ­geben würde, wusste er, dass die Geschichte für ihn schlimm enden könnte. Noch in der Nacht schickte er die Verwandten zum Bancomaten, zur Tankstelle und am Morgen zur Apotheke. Denn Medikamente sind wichtig für ihn, sie bestimmen seinen Alltag – und über sein Leben. Wenn beim Referendum die Mehrheit Nein stimmt, so fürchtet er, drohe ihm womöglich in wenigen Jahren der Tod. Kontopidis ist unheilbar krank. Der Athener hat Mukoviszidose, eine Stoffwechselkrankheit, die Körper­sekrete zähflüssig werden lässt.

Kontopidis braucht ein Ja im Referendum – genauso wie die übrigen rund 700 Mukoviszidose-Patienten in Griechenland. Nur dann, sagt er, werde das Land die Behandlung dieser Krankheit noch bezahlen können. Es fängt schon bei den Medikamenten an: Wer soll künftig die 3000 bis 5000 Euro im Monat aufbringen, wenn die Drachme zurückkommt und im Verhältnis zum Euro plötzlich nur noch ein Drittel ihres Wertes hat, wie Ökonomen vorrechnen? Die Arzneien müssen importiert werden.

Schwerkranke ­leben länger, wenn sie in ­Europa sind.

Bislang übernimmt die Kosten dafür der Staat. Allein die Medikamente helfen allerdings noch nicht, das Leben deutlich zu verlängern. Erst speziell ausgebildete Ärzte und Spitäler in Kombination mit den Medikamenten können viel erreichen. Kontopidis hat ein paar Zahlen parat: Obwohl in der gesamten EU die gleichen Medikamente vorlägen, hätten in Grossbritannien Patienten eine Lebenserwartung von im Schnitt 43 Jahren, in Griechenland sind es inoffiziellen Daten zufolge nur 30 Jahre. Einer der Gründe: In Grossbritannien kümmern sich ganze Ärzteteams um einen Patienten, in Griechenland nur ein Arzt.

Kontopidis ist jetzt 30 Jahre alt. Die Krankheit befällt mehrere Organe, besonders bemerkbar macht sie sich allerdings in der Lunge, wo sich die zähflüssigen Sekrete sammeln, die zu Infektionen führen und die Atemwege zer­stören. Kontopidis hat noch 30 Prozent seiner Lungenfunktion. Diese Zahl ist bei Mukoviszidose das Lebensbarometer: Sie gibt an, wie viel Zeit noch bleibt.

In Europa zu sein, heisst für Kontopidis: ein paar Jahre länger leben zu können. Dass Verständnis in Brüssel da ist, zeigt sich in den Sparzielen, die die EU Griechenland für die Fortsetzung des Rettungspakets vorgibt: Das Budget für Schwerkranke blieb unangetastet. Muss aber Griechenland die EU verlassen, war alles umsonst. Am Sonntag wird es für alle Griechen darum gehen, wie viel Luft ihnen zum Atmen bleibt. Für die meisten im übertragenen Sinn, für Konto­pidis im wörtlichen.

Erstellt: 03.07.2015, 04:38 Uhr

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