Tag der Enttäuschung

Die Palästinenser haben mit Wut und Ratlosigkeit auf Trumps Ankündigung reagiert, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen. Demonstrationen kippten in Ausschreitungen um.

Protest mit palästinensischen Flaggen gegen Trump: Demonstranten in Gaza City. Foto: Mustafa Hassona (Anadolu Agency, Getty)

Protest mit palästinensischen Flaggen gegen Trump: Demonstranten in Gaza City. Foto: Mustafa Hassona (Anadolu Agency, Getty)

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Hunderte Palästinenser marschieren vom Stadtzentrum Ramallahs im Westjordanland die zwei Kilometer lange Strasse Richtung El-Birah, auf den Checkpoint von Beit El zu. Schwer bewaffnete israelische Soldaten kommen ihnen entgegen, drei gepanzerte Fahrzeuge begleiten sie. Bei einem Spielplatz kommt es zur ersten Konfrontation: Es fliegen Steine, Autoreifen werden angezündet, schon sind Schüsse zu hören. Es sind vor allem junge Palästinenser, die sich im hügeligen Gelände in Sichtweite der Wohnblocks verschanzen und mit Steinen auf die Soldaten zielen. Die antworten mit Hartgummigeschossen, die durch die Luft zischen; dann wird auch Tränengas eingesetzt. Es gibt die ersten Verletzten. Zwei Ambulanzwagen rasen mit Blaulicht heran und versuchen, sich durch die brennenden Barrikaden zu schlängeln.

Hamas ruft zu Intifada auf

Die israelischen Soldaten drängen auch die Journalisten, von denen hier am Tag nach Donald Trumps Bruch mit fast 70 Jahren Nahostpolitik fast alle mit Helm und Schutzweste unterwegs sind, mit der Waffe im Anschlag zurück. Wer kann, sucht hinter einer Tankstelle Schutz, bis sich das brennende und stechende Gas verflüchtigt hat. Die Schwaden haben auch die Palästinenser weiter weg von der jüdischen Siedlung Beit El gedrängt.

Trump erklärt, der Schritt liege im Interesse der USA und des Friedens zwischen Israel und Palästina. Video: Tamedia/The White House

Das normalerweise ruhigere El-Birah grenzt an Ramallah. Dort riefen De­mons­tranten zuvor am Mittag «Jerusalem ist unser!» über den Al-Manara-Platz. Sie sind hier wegen al-Quds, ihrer Hauptstadt, die sie vehement einfordern. Es sind vor allem Männer, die an der Kundgebung teilnehmen. Viele von ihnen haben die palästinensische Flagge mitgebracht.

Die Redner, die von der Ladefläche eines Anhängers aus über ein Mikrofon auf die Menge einbrüllen, verwenden oft das Wort «Verrat»: Von den anderen arabischen Staaten fühle man sich im Stich gelassen, von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas nicht vertreten. Eine schwache Rede – das ist hier der Tenor, wenn die Sprache auf Abbas kommt. Der hatte die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, zwar verurteilt. Er warf den USA vor, die Friedensbemühungen in Nahost vorsätzlich zu untergraben, und betonte, die Anerkennung werde die Realitäten nicht ändern. Was er aber nicht tat: mit einem Aufstand der Palästinenser zu drohen. «Feigling», riefen deshalb einige aus der Menge. Aber die sichtbare Präsenz von Sicherheitskräften der palästinensischen Autonomiebehörde verhindert, dass sich der Zorn gegen Abbas noch stärker entlädt.

Die Stimmung der Menge hier hatte kurz zuvor Hamas-Chef Ismail Hanija mit seinem Appell im 100 Kilometer entfernten Gazastreifen besser getroffen. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch den US-Präsidenten komme einer «Kriegserklärung» gegen die Palästinenser gleich, hatte Hanija erklärt und zu einer neuen Intifada aufgerufen. Am Ende der Kundgebung werden dann von vermummten jungen Palästinensern drei US-Fahnen verbrannt. Und zwar so, dass alle Kamerateams, die sich auf einem wasserlosen Brunnen in der Mitte des Platzes aufgebaut haben, einen guten Blick auf die Szene haben. Ob es aber tatsächlich zu einem Aufstand der Palästinenser kommen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. In kleinen Kreisen wird heftig darüber diskutiert.

Die Juden im Weissen Haus

«Enttäuscht, betrogen, verraten» seien die Palästinenser worden, meint der Lehrer Ahmed Faqeah. «Seit Jahrzehnten werden wir reingelegt und für dumm verkauft.» Aber dass es mit Trump so kommen würde, das habe er gleich gewusst: Schliesslich seien drei von vier in seinem engsten Umfeld Juden. «Und das hat seine Entscheidung beeinflusst.» Ein Mann, der die Unterhaltung mitbekommt, stösst Drohungen aus: «Wir werden sie alle vernichten.» Seinen Namen will er nicht nennen, da geht er lieber rasch weiter.

Was jetzt geschehe, könne niemand voraussagen, meint Mustafa Barghuthi, Generalsekretär der Nationalinitiative von Palästina. Nehme Trump seine Entscheidung nicht zurück, könne die Lage explodieren. Allerdings räumt auch er ein, die anderen arabischen Staaten hätten zu wenig Druck gemacht für die Sache der Palästinenser. Aber verärgert ist er über Abbas und seine zurückhaltende Stellungnahme. «25 Jahre Kampf hat er zunichtegemacht», schimpft der Mann, der sich ein Palästinensertuch um den Hals geschlungen hat.

«Niemand kann eine Intifada befehlen. Das passiert oder das passiert nicht», meint Rettungsfahrer Ahmed Amireh, der am Checkpoint Kalandia wartet, ob er die Grenze passieren darf. «Alles hängt jetzt von den Menschen ab, was sie auf der Strasse tun, nicht mehr von der Führung.» In Kalandia, dem wichtigsten Checkpoint zwischen Jerusalem und Ramallah, brennen auch am späteren Nachmittag Autoreifen. Ein Dutzend Kinder hat sich hinter Barrikaden versteckt und beobachtet, wie sich israelische Soldaten auf der palästinensischen Seite durch die im Stau stehenden Autos schlängeln, die Waffen im Anschlag. Dann sind Schüsse zu hören.

An mehreren Stellen im Westjordanland gab es am Donnerstag Auseinandersetzungen, mindestens 20 Verletzte wurden am späten Nachmittag gemeldet. Der Generalstreik ist weitgehend eingehalten worden. Was aber nach dem Freitagsgebet passiert, das mag niemand vorhersagen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 22:33 Uhr

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