Undercover im digitalen Jihad

Eine französische Journalistin hat mithilfe eines gefälschten Facebook-Profils Kontakt aufgenommen zu einem hohen IS-Terroristen und sich als Jihad-Braut angeboten. Doch dann flog sie auf.

Digitale Falle: Kontaktaufnahme mit IS-Terroristen in Syrien läuft via Facebook und Skype. Bild: Anna Erelle Robert Laffont

Digitale Falle: Kontaktaufnahme mit IS-Terroristen in Syrien läuft via Facebook und Skype. Bild: Anna Erelle Robert Laffont

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Alles hat auf dem schwarzen Sofa in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung begonnen. Stundenlang sass sie darauf im Schneidersitz, einen schwarzen Hijab übergeworfen, die Haare, der Hals, die Arme verdeckt, nur das Gesicht und die Hände schauten raus, auf dem Schoss aufgeklappt lag ihr Computer. Abu Bilel nannte sich der Mann am anderen Ende der Leitung, dessen Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen war. Er sass in Syrien, sie in Paris. Mehr als 4000 Kilometer zwischen ihnen.

Über Skype hat Melodie mit Bilel gesprochen. Jeden Tag, oft stundenlang. Und für einen Jihadisten kam er schnell zur Sache. Reizwäsche möge sie bitte nach Raqqa mitbringen, die gebe es in Syrien nicht. Und als seine Ehefrau, was sie mit ihrer Einreise nach der Scharia automatisch sei, dürfe sie sich die tollsten Sachen für ihn ausdenken. Strapse, Netzstrümpfe, Tangas unter ihrem Hijab, alles kein Problem.

Permanent unter Polizeischutz

Der Mann, aus Roubaix stammend, spricht perfekt Französisch mit leicht algerischem Einschlag. Er zeigt sich in Kampfmontur und führt stolz das Waffenarsenal in seinem Geländewagen vor. Er hat ein brandneues Smartphone und kommt Melodie vor wie ein Handelsvertreter, der ihr das neue, tolle Leben im Kalifat schmackhaft machen will und sich gleichzeitig damit brüstet, Menschen umzubringen. «Leute töten ist dein Job?», fragte Melodie ungläubig.

Bilel ist, wie sich schnell herausstellt, ein hoher IS-Milizionär, angeblich die rechte Hand von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer der Terrororganisation ­Islamischer Staat. Aber Melodie, die junge, konvertierte Französin, die mit dem Jihad liebäugelt, ist in Wahrheit nur eine Kunstfigur, ein gefaktes Facebook-Profil einer ambitionierten Journalistin, Anna Erelle mit Namen, die wissen und verstehen will: Wie werben radikale islamistische Organisationen Jugendliche für den Krieg an? Wie benutzen sie soziale Netzwerke dafür? Wie funktioniert der digitale Jihadismus?

Sich hinter einer Kunstfigur wie Melodie zu verstecken, um Einblick in die Diskussionen auf Facebook zu bekommen, schien ihr gefahrlos. Bis zu dem Tag, als Abu Bilel anbiss. Seither lebt Anna Erelle im Versteck, unter ständigem Polizeischutz. Und auch dieser Name ist natürlich nur ein Pseudonym. Falsche Namen, Versteckspiel, das ist auf Dauer seelisch anstrengend, «grenzwertig», findet Anna, aber sie hat keine andere Wahl. Weil sie Abu Bilel al-Firansi, «der Franzose» heisst das auf Arabisch, hat abblitzen lassen, weil sie nicht wie versprochen von Amsterdam in die Türkei geflogen ist, weil sie ihre Reportage veröffentlicht hat, weil eine Fatwa gegen sie erlassen wurde. Ein Pseudonym ist da nur das geringste ­Problem.

Sogar der Hund musste weg

Nennen wir sie also Anna. Anna sitzt in einem Konferenzraum im sechsten Stock eines Verlagshauses an der Place d’Italie, dessen Eingang von der Sonderpolizei bewacht ist. Aus dem Fenster sieht man blaue Paulownien. Über den grauen Himmel ziehen zügig Regenwolken. Plötzlich zuckt Anna zusammen, ein Helikopter, der niedrig fliegt, hat sie erschreckt. An dieser Stelle müsste man sie normalerweise beschreiben: um die dreissig, schöne, grüne Augen, feine, schmale Nase. Aber jedes Wort könnte in ihrem Fall zu viel sein. Fernsehinterviews gibt sie nur hinter milchigen Glaswänden, irgendwie verschleiert. Der Blick fällt auf ihren Ring.

Aus ihrer Reportage ist ein Buch geworden. «Es war fast eine Notwendigkeit, wichtig für den Seelenhaushalt», sagt Anna, «ich musste die Sache zu Ende bringen.» «Undercover-Dschihadistin» ist am 7. Januar in Frankreich erschienen. Am Tag des Attentats auf «Charlie Hebdo». Anna durfte auf Anraten der Polizei das Haus nicht mehr verlassen. «Völlig absurd» war das für sie, die investigative Journalistin, «alles nur am Fernseher mitverfolgen zu können, obwohl es in meiner Stadt, gleich nebenan geschah.» Sogar ihren grossen Hund musste sie für zwei Monate abgeben. Zu auffällig, fanden die Polizisten.

«Ich bin nicht Salman Rushdie», sagt Anna, «nur eine freie Journalistin.» Inzwischen übrigens immer weniger. Seit der Fatwa will sie das Magazin, für das sie regelmässig gearbeitet hat, nicht mehr einsetzen. Sie habe ihre Mitarbeit bei «Paris Match» heute aufgekündigt, erzählt sie. «Das ist ein Scoop, den Sie da haben: Anna Erelle sucht Arbeit», sagt sie, aber ihre Enttäuschung klingt durch. Sie ist einfach zu unbequem geworden, zu gefährlich.

Journalistenfragen sind tabu

Ihr Buch hat sich in Frankreich 50'000-mal verkauft, es ist in 14 Sprachen übersetzt worden, heute erscheint es auf Deutsch. «Hör mir zu!», beginnt es, «ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor jemand geliebt habe. Es ist mir unerträglich, dass du auch nur noch einen Tag fern von mir inmitten all dieser Sünde lebst.» Einen ganzen Monat dauert die Anwerbephase. Bilel bombardiert sie mit Textnachrichten, will lange mit ihr skypen. Sie zeichnet alle Gespräche auf. Manchmal filmt ein Fotograf.

Anna weiss, dass sie sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hat, aber sie liebt das Nachforschen, Nachfragen. Aber sie darf keine Journalistenfragen stellen. Sie hat sich zehn Jahre jünger gemacht, stellt sich ein bisschen dumm, spricht Jugendsprache, schreibt «LOL» (im Internet gängige Abkürzung für «laugh out loud», dt. «laut auflachen»), baut arabische Ausdrücke in ihr Französisch ein. Manchmal hat sie Angst, Fehler zu machen, ihren Lieblingsring vorher nicht abzunehmen, irgendwie erkennbar und identifizierbar zu werden.

Ein falscher Anruf

Aufgeflogen ist sie nach einem Monat. In Amsterdam. Sie sollte von dort nach Istanbul fliegen, sie musste Kontaktmänner in Syrien und der Türkei anrufen. Aber ihr Prepaid-Handy war im Nu leer. Der entscheidende Fehler war ein kurzer Anruf von ihrem eigenen Telefon. Sie wollte ihre Reportage nicht platzen lassen, dachte, sie könne die Nummer schnell wechseln. Als sich grössere Probleme abzeichneten, brach sie ab, cancelte den Flug nach Istanbul.

Kaum zurück in Paris, hatte sie Morddrohungen auf ihrem Handy. Seither hat sie mehrfach die Nummer gewechselt, zweimal ist sie umgezogen. Ab und zu schaltet sie noch ihren Skype-Account an und sieht, dass es weitergeht. Melodie ist tot, aber Anna Erelle soll büssen für den Verrat. Ihr mutiges Buch zeigt, wie wirksam die digitale Demagogie ist, wie schnell die Falle zuschnappen kann. Anna erzählt von einem Milieu, das sie kennt, mit jungen Menschen, die labil sind: «Plötzlich kommt jemand, der ihnen Lösungen gibt, der sich für sie interessiert, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, das reicht oft schon. Das klingt banal, funktioniert aber.»

Der Preis: Einsamkeit

Aufmerksamkeit, Interesse, Respekt. Man spürt, wenn man ihr Buch liest, wie mächtig die Propaganda ist, wie sehr sich junge Leute plötzlich gebraucht und geliebt fühlen können. Für Anna gab es keine Zweideutigkeiten. «Bilel hat mich angeekelt, und ich habe ihn mit jedem Tag mehr verabscheut.» Ob sie bereut, zu weit gegangen zu sein? Keine Sekunde. Sie sei jetzt einsamer als vorher, sagt sie. Aber ihre Recherche hat ein wenig dazu beigetragen, die Rekrutierungsmethoden des IS zu verstehen. Auch sind, weil sie von der Polizei abgehört wurde, die sie für eine wirkliche Jihadistin hielt, zwei Rekrutierungsnetzwerke in Frankreich aufgedeckt worden.

Inzwischen heisst es, Bilel sei tot. Hingerichtet dafür, dass er ihr in die Falle ging? Anna möchte darüber nicht nachdenken. Im Nachhinein ist schwer zu sagen, woran Abu Bilel mehr lag: an der Jihadistin, die für Allah alles aufgibt, oder an der jungen, konvertierten Französin mit den grünen Augen, die er für unverklemmter hielt als ihre «syrischen Schwestern»? Melodie jedenfalls sass auf ihrem Sofa und machte gute Miene zu einem bösen Spiel, in dem sie selbst vom Jäger zur Gejagten wurde.

Anna Erelle: Undercover-Dschihadistin – Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte. 272 Seiten, ca. 29 Franken.

Erstellt: 03.05.2015, 23:26 Uhr

IS-Vormarsch

Terrormiliz tötet jesidische Gefangene

Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben Berichten zufolge im Nordirak zahlreiche Jesiden getötet. Die jesidische Fortschrittspartei gab die Zahl der Opfer am Samstag mit mehr als 300 an, die nicht staatliche Menschenrechtskommission im Irak mit rund 70.

Zu den Ermordungen der Mitglieder der uralten religiösen Minderheit kam es demnach am Freitag in der Stadt Tall Afar, die nahe der vom IS kontrollierten Millionenmetropole Mosul liegt. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

Die Jesiden sind Kurden und lebten bisher vor allem in der Gegend um Mosul und im nahe gelegenen Sinjar-Gebirge. Beim IS-Vormarsch in die Region waren vergangenen Sommer nach Angaben der Jesiden rund 500'000 Menschen geflohen.

Einem Mitglied der Menschenrechtskommission zufolge werden noch mindestens 3000 Jesiden von den Radikalsunniten gefangen gehalten.

Entkommene Frauen hatten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von systematischen Vergewaltigungen, Misshandlungen, Zwangsehen und Zwangsübertritten zum Islam berichtet. Im Dezember hatten kurdische Peshmergakämpfer die IS-Miliz aus der Stadt Sinjar vertrieben. Seither wurden in der Gegend mehrere Massengräber mit Überresten von Jesiden gefunden.

Die USA haben unterdessen nach eigenen Angaben 24 Luftangriffe auf Stellungen der Islamistenmiliz IS in Syrien und im Irak geflogen. Am Freitag und Samstag habe es 17 Angriffe in Syrien und 7 im Irak gegeben, teilte die US-Armee am Samstag mit. Ziele seien Stellungen von IS-Einheiten, Fahrzeuge und Gebäude gewesen.

Berichte über 52 bei einem Luftangriff in Syrien getötete Zivilisten würden geprüft, erklärte die Armee weiter. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte berichtet, die Flugzeuge hätten am Freitag irrtümlich ein Dorf in der Provinz Aleppo getroffen. Bei den Opfern handle es sich um Angehörige von mindestens sechs Familien. Unter den Opfern seien auch sieben Kinder. (SDA/Reuters)

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