Wie Freihandel aus Lateinamerika einen globalen Verlierer machte

Auf dem Kontinent lastet der Fluch des Überflusses: Nirgends auf der Welt sind die Einnahmen so ungleich verteilt – das Erbe des Kolonialismus?

Reich werden andere: In den Minen der peruanischen Stadt La Oroya fördert der US-Minenkonzern Doe Run Company jährlich 55'000 Tonnen Metalle. Foto: Redux (Laif)

Reich werden andere: In den Minen der peruanischen Stadt La Oroya fördert der US-Minenkonzern Doe Run Company jährlich 55'000 Tonnen Metalle. Foto: Redux (Laif)

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In Bolivien gibt es einen Berg, der Cerro Rico heisst, reicher Hügel. Er ist mit 4800 Meter Höhe mehr als ein Hügel, er überragt die Stadt Potosí, ja er ist eigentlich der Grund für ihre Existenz. Der Cerro Rico ist ausgehöhlt und abgefressen. Es gibt Befürchtungen, dass er bald einstürzen könnte, so tief haben Bergleute Stollen in sein Innerstes getrieben, um Silber und andere Bodenschätze herauszuholen. Viele sind darin gestorben, «dieser Berg frisst Menschen», hat der uruguayische Kolonialismuskritiker Eduardo Galeano geschrieben. In Wahrheit ist der reiche Berg ein Symbol der Armut. Solche Orte gibt es viele in Lateinamerika: Minas Gerais in Brasilien, die Ölfelder von Maracaibo in Venezuela, La Oroya in Peru, lange Zeit als dreckigster Ort der Welt bekannt. Aber auch in den Bananenplantagen von Costa Rica kann man sich fühlen wie in einem Bergwerk. Es ist heiss und schmutzig und stickig, wer dort schuftet, lebt nicht lange, allein schon wegen der Giftwolken der Sprühflugzeuge.

Reich gemacht haben solche Orte spanische Konquistadoren, später britische und amerikanische Minen- oder Bananenkonzerne. Die Masse der Menschen aber ist arm geblieben. Nirgends auf der Welt sind die Einnahmen so ungleich verteilt wie in Lateinamerika. Diese Schieflage ist der eigentliche Grund, warum Lateinamerika nun wieder als Krisenherd auffällt, warum Gewalt die Strassen regiert und autoritäre Herrscher an die Macht kommen. Denn auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht: Lateinamerika ist nicht arm, obwohl es so reich ist – es ist so arm, weil es so reich ist.

Lateinamerika leide unter dem «Fluch des Überflusses», hat der ecuadorianische Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta festgestellt. Extraktivismus nennt man die Wirtschaftsweise, wenn kleine Eliten von dem reich werden, was die Armen vom Baum pflücken oder aus dem Boden kratzen. Diese Eliten arbeiten einem Weltwirtschafts­system zu, das den Globus klar in Gewinner und Verlierer einteilt. Lateinamerika habe sich auf das Verlieren spezialisiert, schrieb Eduardo Galeano.

Wie zu Zeiten des Imperialismus

Das weltweite Handelssystem ist eine Einbahnstrasse, und die Richtung ist immer noch jene, die zu Zeiten des Kolonialismus vorgegeben wurde. «Die Kolonisierung führte zu regionaler Spezialisierung. Während die westlichen Metropolen die technisch anspruchsvollsten Tätigkeiten mit der grössten Wertschöpfung für sich behielten, durften sich die kolonisierten Länder der Produktion von Rohstoffen widmen», so der spanische Soziologe César Rendueles. Die Profitströme umzuleiten, ist kaum noch möglich, denn auch im 21. Jahrhundert sind die massgeblichen politischen und wirtschaftlichen Mächte im Wesentlichen dieselben wie zu Zeiten des Imperialismus. Dazugekommen ist als Akteur China, das heute Hauptabnehmer der lateinamerikanischen Rohstoffe ist und das sogar Infrastrukturen baut, allerdings nur für seine eigenen Bedürf­nisse – so etwa die geplante interkontinentale Bahnlinie vom Atlantik zum Pazifik durch Brasilien.

Dazu kommt, dass das «nation building» lateinamerikanischer Staaten keine organische Entwicklung war, sondern eine brutale Landnahme. Als die Kolonien vor 200 Jahren unabhängig wurden, waren die Träger dieser Unabhängigkeit örtliche Eliten, die kein demokratischer Emanzipationswille trieb, sondern das Verlangen, die lästigen Steuereintreiber aus Madrid loszuwerden. Aus kolonialen Eliten wurden postkoloniale Eliten – die Keimzelle der Clans, Klüngel und Kartelle, die Lateinamerika bis heute beherrschen.

Das weltweite Handelssystem als Einbahnstrasse: Die Behausungen der Minenarbeiter in La Oroya, Peru. Foto: Reuters / Mariana Bazo

Laut César Rendueles hatten die westlichen Industrieländer nie ein Interesse am sozialen und politischen Fortschritt, im Gegenteil. Sie haben mit korrupten Eliten immer gut zusammengearbeitet, sie tun es weiterhin, nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Saudiarabien oder Äquatorialguinea. Diese Kumpanei hält die Preise für Rohstoffe niedrig. Europäische Kunden seien eben der Meinung, dass sie ein Anrecht auf billige Bananen haben, so hat einmal ein Chiquita-Manager in San José de Costa Rica begründet, warum man keine höheren Löhne zahlen könne. Dasselbe gilt für billiges Rindfleisch und auch für Soja, da sind Veganer nicht korrekter als Karnivoren; es gilt für Coltan aus dem Kongo und für Öl aus dem Irak.

Das Recht der Stärkeren

Kriege und Putsche dienen dazu, eine solche Abhängigkeit zu manifestieren. Nicht immer läuft das so offensichtlich ab wie im Chile der 70er-Jahre, als die USA den Umsturz des Obristen Augusto Pinochet unterstützten, um eine linke Regierung loszuwerden. Chile wurde zum Experimentierfeld eines marktradikalen Despotismus, wobei US-Berater eine wesentliche Rolle spielten. Aber es gibt auch subtilere Methoden, um dafür zu sorgen, dass die Machtverhältnisse auf der Welt so bleiben, wie sie sind. Der Freihandel ist eine davon. Seine Regeln sind die des Stärkeren. Der Freihandel sorgt dafür, dass die Einteilung in Gewinner und Verlierer gleich bleibt. Das Welthandelssystem ist darauf ausgerichtet, dass die Starken billig Rohstoffe kaufen und verarbeitete Güter teuer verkaufen. Mit dem Ergebnis, dass Peru, das früher eine Textilindustrie hatte, heute fast nur noch chinesische Waren einführt. In Westafrika stehen europäische Tomatenkonserven im Regal, in Samoa, das von Ozean umgeben ist, Fischdosen aus Australien. Jede Eigeninitiative wird durch Billigkonkurrenz abgewürgt.

Versuche, diese Abhängigkeit abzuschütteln, erfolgten in Lateinamerika zu spät oder wurden stümperhaft angegangen. Der Argentinier Che Guevara war der Meinung, man könne nur mit einer Revolution die krasse Ungleichheit beseitigen. Sein Experimentierfeld war Kuba. Die Insel war jahrhundertelang spanische Kolonie gewesen, bis die Amerikaner sie 1898 ihrem Herrschaftsgebiet einverleibten. Spanische Pflanzer wurden von Gringo-Pflanzern verdrängt. Erst 60 Jahre später erlangte Kuba politische Unabhängigkeit durch Che Guevaras Revolution. Wirtschaftlich hing Kuba nun am Tropf der Sowjetunion, wirklich selbstständig war es niemals.


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Nur die Asiatischen Tiger haben es zeitweise vermocht, ein hohes Mass an Unabhängigkeit durch eigene Wertschöpfungsketten und Industrien aufzubauen. Sie taten das früh genug, nämlich in den 1960er-Jahren, als Protektionismus noch nicht ideologisch verpönt war. Als in Argentinien 40 Jahre später die linksgerichtete Kirchner-Regierung in ähnlicher Weise versuchte, eigene Wertschöpfungsketten aufzubauen, wurde sie zum Paria des Weltwirtschaftssystems erklärt und boykottiert – auch von der eigenen Bevölkerung, die lieber Importprodukte kauft als die mangelhaften Erzeugnisse der «industria argentina». Die Rohstoffexporteure rebellierten, weil sie keine Ausfuhrzölle zahlen wollten. 2015 gewann der rechtsliberale Mauricio Macri die Wahl, nahm den Schuldendienst wieder auf und den Protektionismus zurück. Argentinien ist wieder ein Musterschüler des Welthandels. Doch die Probleme bleiben, Argentinien ist ein sozialer Unruheherd.

Die Verlockung der Korruption

In den Nullerjahren versuchte in Brasilien die Linksregierung von Luiz Inácio Lula da Silva, den Mittelstand zu stärken durch Sozialprogramme und eine Umverteilung der Rohstoffeinnahmen, die zu dieser Zeit sehr hoch waren. Doch mit den sinkenden Preisen brach das System zusammen. Dazu kam, dass die Revolutionäre von einst gerne zu den Eliten von heute werden. Lulas Arbeiterpartei erlag der Verlockung der Korruption und schnellen Bereicherung, worunter die sozialen Fortschritte der Epoche verblassen. Noch krasser sind die Beispiele Nicaragua und Venezuela, wo eine korrupte Elite die andere abgelöst hat.

Ein US-gestützter Putsch wie zu Zeiten Richard Nixons war in Argentinien oder Brasilien gar nicht mehr nötig, um die lästigen Linken loszuwerden. Es waren die eigenen postkolonialen Eliten, welche die wachsende Unzufriedenheit der Menschen nutzten, um das System Lula rabiat zu beseitigen. Diese Elite hat nicht das geringste Interesse daran, einen gesellschaftlichen Ausgleich herzustellen, Arme durch Bildung besserzustellen oder die Ungleichheit zu verringern. Es geht ihnen allein um ihre Privilegien.

Wo die Gegensätze zwischen Arm und Reich so extrem sind, ist auch die Gewaltrate hoch.

Wo die Gegensätze zwischen Arm und Reich so extrem sind, dort sind meist auch die Gewaltraten hoch. Motor der Kriminalität ist in Lateinamerika der Drogenhandel, die perverseste Form der Rohstoffabhängigkeit. Wer als Jugendlicher in den Armenvierteln von Brasilien oder Honduras aufwächst und als einzige Jobmöglichkeit die Aussicht hat, den Reichen an der Supermarktkasse für ein Trinkgeld die Waren in die Tüten zu packen, der geht lieber zu den vermeintlich coolen Typen von der Gang mit dem weissen Pulver und den Knarren.

Und wer wiederum als Mittelständler jeden Morgen Angst haben muss, mit vorgehaltener Waffe an der Ampel ausgeraubt zu werden, der wählt eben rechte Gewaltverherrlicher wie den Brasilianer Jair Bolsonaro, einen vermeintlichen Saubermann, der die «harte Hand» gegen Kriminelle und Korrupte verspricht – auch wenn die Wurzel des Problems ganz woanders liegt, nämlich in der Ungleichheit.

So ist Lateinamerika, einst Ziel der Einwanderung, heute eine Kontinent der Auswanderer. Längst sind in Spanien die meisten Asylbewerber Venezolaner, und an der mexikanischen Grenze stehen Mittelamerikaner zu Tausenden am Zaun, wie die Afrikaner am Mittelmeer vor der Festung Europa. Sie alle wollen keine Verlierer mehr sein, sondern Teilhaber an der Wertschöpfung, für die sie billig den Treibstoff liefern.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.01.2019, 13:42 Uhr

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