Wie einst bei Oliver Twist

Wegen der Sparmassnahmen im britischen Sozialsystem steigt die Kinderarmut rasant. Vor allem, weil die Sozialhilfe Familien mit vielen Kindern benachteiligt.

Wo die Not schon gross ist, wird es noch schlimmer: Armut in London. Foto: Tom Stoddart (Getty Images)

Wo die Not schon gross ist, wird es noch schlimmer: Armut in London. Foto: Tom Stoddart (Getty Images)

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Das Museum der Kindheit steht wie ein Fremdkörper mitten in Bethnal Green. Drumherum Secondhand-Läden, Kleidermärkte, jugendliche Dealer in einem nahen Park. Frauen in schief gelaufenen Schuhen stehen im strömenden Regen Schlange an einer Bushaltestelle. Durch die Ausstellung rennen kreischende Schüler in gelben Warnwesten, damit sie in der restaurierten Industriehalle und draussen im Überlebenskampf auf Londons Strassen nicht verloren gehen. In den Vitrinen: Festtagskleider aus dem 19. Jahrhundert, Samtkrägen und Rüschen, Puppenhäuser mit echten Zinntellern, Stubenwagen mit handbestickten Überwürfen. So schön, so wertvoll konnte Kindheit sein.

Charles Dickens hat die andere Seite der Kindheit in London beschrieben; 1837 kam «Oliver Twist» heraus, die Geschichte jenes elternlosen, ewig hung­rigen, verwahrlosten Jungen, dessen Kindheit sich zwischen Armenhäusern und Spelunken abspielte und dessen Schicksal die bessere Gesellschaft damals schockierte. Viele Leser waren nie in Gegenden wie dem Old Nichol Slum in Ostlondon gewesen, wo hungernde Waisen in kalten Fabriken Kinderarbeit verrichteten und Grossfamilien in feuchten Verschlägen hausten. Bis vor kurzem gab es auch dafür ein Museum östlich der Hauptstadt: «Dickens World» hiess es. Die Gruselschau ist mittlerweile geschlossen. Die Kinderarmut, das Elend, die Not der Unterschicht, die der Autor schilderte – all das ist geblieben. Sie sieht jetzt anders aus. Aber sie ist spürbar, messbar. Und sie wächst.

Im Norden ist es am schlimmsten

In Bethnal Green, einem Stadtbezirk mit überdurchschnittlich hoher Arbeits­losigkeit und vielen Sozialwohnungen, kann man sie sehen, riechen, schmecken. Deutsche Bomben hatten einst grosse Teile des alten Hausbestands zerstört, Wohntürme wuchsen aus dem Schutt. Obwohl die Gentrifizierung auch im Ostteil der Metropole mit Macht einsetzt, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Kind, hier in Armut aufzuwachsen, bei mehr als 50 Prozent.

«Sex und Brexit faszinieren uns», kritisiert der «Guardian», «aber die Armut halten wir für normal.»

Eine Untersuchung der Kampagne «End Child Poverty», in der sich mehr als 100 Wohlfahrtsorganisationen, Gewerkschaften und Vereine zusammengetan haben, hat jetzt Zahlen veröffentlicht, die ein Scheitern der Politik belegen: In Grossstädten wie London, Birmingham und Manchester mit ihren hohen Mietpreisen, aber mehr noch im deindustrialisierten, abgehängten Norden, in Wales und in Nordirland wächst die Armut wieder – und damit auch die Kinderarmut. Unter Labour war sie gefallen, worauf Jeremy Corbyn, der Chef der Linken, heute sehr gern verweist.

In 25 (von total 650) Wahlkreisen des Königreichs leben derzeit fast 40 Prozent aller Kinder unter der Armutsgrenze, hat «End Child Poverty» ausgerechnet – 400'000 mehr als vor vier Jahren. Besonders dort, wo die Not schon gross ist, werde es laufend noch schlimmer, allen Bemühungen von Stiftungen, Kirchen und Vereinen zum Trotz. Als arm werden Kinder in Grossbritannien bezeichnet, wenn sie in Familien mit einem Jahreseinkommen von weniger als 15'000 Pfund (circa 20'000 Franken) leben. Die Studie bestätigt damit das Institute for Fiscal Studies. Dieses hatte vergangenen Herbst konstatiert: Wenn es so weitergehe, würden allein bis 2022 weitere 400'000 Kinder in absoluter Ar­mut leben, was einer Steigerungsrate von 4 Prozent entspreche.

Tories bleiben hart

Alle Fortschritte der vergangenen 20 Jahre auf dem Gebiet der Armuts­bekämpfung würden derzeit zunichtegemacht, so das Institut. Die drastische Sparpolitik der vergangenen Jahre, die Schliessung von Sozialstationen, die Kürzung von staatlichen Hilfsprogrammen, eine familienfeindliche Steuerpolitik – all das mache Kinder zu Opfern.

Die Tory-Regierung hatte 2015, noch unter Finanzminister George Osborne, die Sozialausgaben um umgerechnet 15,5 Milliarden Franken gekürzt. Jugendclubs, Kindergärten, Nachmittagsbetreuung: In manchen Regionen wurde die Hälfte aller Einrichtungen wegen Geldmangels geschlossen. Dabei hatte Premierministerin Theresa May bei ihrem Amtsantritt eine «mitfühlende Tory-Partei» versprochen. Nun betonte ein Regierungssprecher in Reaktion auf die alarmierenden Zahlen zwar, man unterstütze Familien, schränkte aber ein, man wolle eben das «Wohlfahrts­system fair für jene gestalten, die es bezahlen, und fair für jene, die davon profitieren».

Anzahl Kinder ist für Sozialhilfe kaum relevant

Zahlen sind Zahlen. Sie erklären, aber sie atmen nicht. «Sex und Brexit fas­zinieren uns», kritisiert der «Guardian», «die Armut, die sich in den jüngsten Studien zeigt, halten wir jedoch für normal.» Irene Hayes tut das nicht. Die Frau des Pastors der Methodistenkirche in Beth­nal Green kümmert sich um die vielen einsamen, armen und alten Menschen im Haus. Freiwillige geben im Anbau neben der Kirche Obst und Gemüse aus; Tarik (25) übt mit arbeitslosen Müttern den Umgang mit Computern. «Die Reform der Sozialhilfe ist das ganze, traurige Geheimnis», sagt Hayes. «Seither sehen wir immer mehr Kinder, deren Familien ihr Essen, ihre Stromrechnungen nicht mehr zahlen können.»

Die Regierung hatte 2016 die Bene­-fit Cap, eine Deckelung der Sozialhilfe, verschärft, die vor allem Familien mit Kindern schlechterstellt. Paare oder Alleinerziehende erhalten zum Beispiel in London nur noch umgerechnet 570 Franken pro Woche, Kinderlose nur noch 380. Vorher lagen die Summen bei 650 beziehungsweise 450 Franken. Der grösste Haken an der Deckelung: Die Zahl der Kinder ist dabei kaum relevant; eine Familie mit fünf Kindern erreicht die Sozialhilfedeckelung fast ebenso schnell wie eine Familie mit nur zwei Kindern.

Erschütternde Zahlen

Auch die Zahl der jungen Obdachlosen steige deshalb, sagt Pastor John Hayes in seiner Methodistenkirche: «Man muss sie nicht mal suchen, sie gehören hier mittlerweile zum Alltag.» Ein paar Strassen weiter, in der Whitechapel Mission, landen zahlreiche Jugendliche, deren Familien aus ihren Wohnungen geworfen wurden, weil sie die irren Mieten in London nicht mehr zahlen konnten. Auch dazu gibt es neue, erschütternde Zahlen: 15 Prozent mehr Menschen lebten 2017 auf der Strasse als noch im Jahr zuvor.

Vor ein paar Wochen ist das gesamte Social Mobility Team der Regierung zurückgetreten, ein Beratungsgremium für soziale Gerechtigkeit. Das Argument des frustrierten Ex-Vorsitzenden Alan Milburn: «Das Schlimmste in der Politik ist es, anzukündigen, man werde etwas ge­gen soziale Ungleichheit tun. Und dann nichts zu tun.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 22:50 Uhr

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